2019-05-15 17:12

So viel Flugverkehr über dem Zürichberg wie noch nie

Im Zoo Zürich brüten derzeit mehr Störche als je zuvor. Allerdings geht es nicht überall mit rechten Dingen zu und her.

Hunger! Die Storcheneltern haben alle Schnäbel voll zu tun, um den Nachwuchs durchzubringen.

Hunger! Die Storcheneltern haben alle Schnäbel voll zu tun, um den Nachwuchs durchzubringen.

(Bild: Keystone Ennio Leanza)

  • Hélène Arnet

Er zieht weite Kreise über dem Zoo, schraubt sich langsam nach unten, wird von der scharfen Bise zerzaust und weggetragen. Er nimmt einen neuen Anlauf, legt die Flügel nach hinten, streckt die langen Beine nach vorn – und startet durch. Denn ein Windstoss hat ihn ergriffen, sodass er das Nest verpasst hätte.

«Im Moment herrscht reger Flugverkehr über dem Zoo», sagte heute Morgen Kurator Robert Zingg, als er den Medien mitteilen konnte, dass der Zoo Zürich mittlerweile Storchenland ist. 21 Horste sind derzeit besetzt – so viele wie noch nie.

Aufregung in der Kinderstube

Vom oberen Teil der Kamelanlage aus sind gleich mehrere Horste zu sehen. In einem recken drei flauschig-graue Jungstörche ihre Hälse der Mutter entgegen. Als der Vater anfliegt und vom Winde verweht wird, zappeln sie aufgeregt, was zu einem temporären Durcheinander in der luftigen Kinderstube führt: Flügel, Schnäbel, Beine – alles durcheinander.

Drei Junge aufzuziehen, ist herausfordernd. Bild: Keystone (Ennio Leanza)

Ein Nest ist noch nicht besetzt, in einem anderen sieht man zwei erwachsene Weissstörche, die hudern – heisst, sie platzieren sich so, dass die Jungmannschaft von dem kalten Wind geschützt ist. Manchmal klappern sie mit dem Schnabel, ansonsten ist dieser Flugverkehr vollkommen geräuschlos.

Neidische Pfauen

Dafür schreien zwei Pfaue unentwegt. Einer stolziert daher, schlägt gar sein Rad, als ob er neidisch darauf wäre, dass die Fotografen statt seiner Prächtigkeit die langhalsigen Weissstörche im Visier haben – tse, nur weil die fliegen können!

1950 gab es in der Schweiz keine brütenden Weissstörche mehr. Vor allem die grossflächige Entwässerung von Feuchtgebieten, Stromleitungen und der übermässige Einsatz von Pestiziden machten ihnen das Leben schwer. Doch setzten schon bald Wiederansiedlungsprojekte ein, etwa in Altreu, die nach anfänglichen Schwierigkeiten Erfolg zeigten.

Bestand gerettet

2018 zählte man in der Schweiz 515 Paare mit insgesamt 1096 Jungen. «Dieser Bestand braucht keine direkten Stützmassnahmen mehr», sagt Zingg. «Was es jetzt braucht, sind Aufwertungen der Lebensraumqualität.»

Im Zoo Zürich unterstützt man die Störche, indem man ihnen geeignete Nestunterlagen bereitstellt. Zufüttern muss man ihnen aber nicht. Das vorhandene Nahrungsangebot reicht aus, um eine beachtliche Zahl Störche hier übersommern zu lassen. Manche kommen weither. Feststellen kann man das, weil die Jungstörche jeweils beringt werden.

Max Zumbühl beringt die Jungstörche im Zoo Zürich (Archiv 2015) Video: Zoo Zürich

Von den diesjährigen 21 Paaren kommen sechs aus Deutschland, drei vom Zoo Basel, andere aus Hombrechtikon, aus dem Murimoos oder von Möhlin. Und fünf sind Eigengewäche, wie Zingg sagt. Sie sind also auf dem Zürichberg geschlüpft und zur Brut zurückgekehrt. Dazu gehört ein mittlerweile 29-jähriges Weibchen, das zu den ersten Störchen gehörte, welche der Zoo ab 1990 frei fliegen liess.

Kuckucks-Störche

Zwei Störche haben sämtliche Animositäten zwischen Zürich und Basel in den Wind geschlagen und brüten zusammen. Daneben gibt es aber auch zwei flugunfähige Störche, die auf der Vogelwiese leben und seit fast zehn Jahren hier brüten – Jahr für Jahr waren die Eier aber unbefruchtet. Bis heuer. Im Horst sitzen zwei kleine Störche, welche von der Mutter umsorgt werden.

Mutter? «Das sind mit grosser Wahrscheinlichkeit Kuckucks-Kinder», sagt Zingg. Die hat ihnen ein anderer Storch untergejubelt. Und dann gibt es noch das eine Paar, das eigentlich nicht hätte zusammenfinden sollen. Die Ringnummern haben sie als gleichaltriges Geschwisterpaar entlarvt.

Tödliche Nässe

Ob dieser Storchenrekord auf dem Zürichberg auch entsprechend viel Jungvögel hervorbringt, ist allerdings alles andere als klar. «Beim Bruterfolg spricht das Wetter ein gewichtiges Wort mit», sagt Zingg.

Es gibt eine Phase, in der die Jungvögel ihre Körpertemperatur noch nicht richtig zu regeln vermögen, sie aber schon so gross sind, dass die Eltern sie nicht mehr genügend wärmen können. Ist es dann so richtig kalt und vor allem nass, ist das fatal.

So schlüpften etwa im Jahr 2013 von fünfzehn Paaren 26 Kücken – nur eines wurde flügge. Alle anderen starben, 21 allein in den drei Tagen vom 5. bis 7. Juli, als das Wetter richtig garstig war.