2017-05-24 09:01

Der Sprayer von Zürich bittet zum Totentanz

Harald Naegeli möchte in den Kirchtürmen des Grossmünsters einen Fischzyklus sprayen. Ganz offiziell.

  • loading indicator

Neben der Klingel steht lediglich ein gekritzeltes N. Da muss es sein. Hier, in der Nähe des Hottingerplatzes, wohnt der Meister der Reduktion, Harald Naegeli, der Sprayer von Zürich, wenn er nicht, wie meist, in Düsseldorf, sondern in seiner Heimatstadt weilt. Auch die Wohnung ist spärlich eingerichtet, Blickfang sind kleine und grosse Staffeleien mit Bildern, die überall, aber in schöner Ordnung stehen.

Ende der 70er-Jahre war Naegeli ein ungeliebter Sohn der Stadt. Seine über Nacht an Hauswänden erschienenen Strichmännchen wurden als Schmierereien bezeichnet und weggeputzt, er wurde verklagt, zu 200'000 Franken Schadenersatz verdonnert, international zur Fahndung ausgeschrieben und schliesslich für sechs Monate ins Gefängnis gesteckt. Mittlerweile ist er als Künstler anerkannt, er gilt als Pionier der Street-Art. Das scheint auch in Zürich angekommen zu sein: Denn die Chancen stehen gut, dass er demnächst an einem der geschichtsträchtigsten Orte der Stadt tätig werden darf, ganz offiziell: in den Türmen des Grossmünsters. Harald Naegeli will in den Turmaufgängen einen Totentanz sprayen.

Kirchenpflege steht dafür ein

«In der Kirchenpflege Grossmünster besteht der Wille, das Projekt durchzuführen», sagt Ulrich Gerster von der Kunstkommission. «Der Wortlaut der Vereinbarung zwischen Kirchgemeinde und Kanton ist aufgesetzt, aber noch nicht endgültig bereinigt.» Damit hat das Vorhaben eine Hürde genommen, an der es vor zehn Jahren noch scheiterte. Damals bekämpften massgebende Exponenten der Kirchgemeinde die Idee, mit der Naegeli vorstellig wurde.

In ganz trockenen Tüchern ist das Projekt damit noch nicht, denn während die meisten Kirchgebäude im Besitz der jeweiligen Kirchgemeinden sind, hat beim Grossmünster die Baudirektion das Sagen. Aufgrund ihrer kulturhistorisch herausragenden Bedeutung sind die Klostergebäude Kappel und Rheinau und das Grossmünster im Besitz des Kantons verblieben. Und dort tönt es in Bezug auf den Zürcher Totentanz sehr amtlich: «Ein Antrag zur Bewilligung vonseiten der Kirchenpflege liegt vor.»

Doch bevor dieser geprüft werde, müsse die Kirchenpflege einen Projektbeschrieb verfassen, der aufzeige, wie gewisse Rahmenbedingungen erfüllt werden. Dazu gehören zum Beispiel: «Dem Kanton fallen keine Kosten an.» Und: «Der Totentanz wird reversibel und befristet angebracht. Der Zeitpunkt der Entfernung ist noch zu verhandeln.»

Urtümliche Mauerkunst

Also einmal mehr heisst es im Zusammenhang mit Naegelis Werken wisch und weg. Wenn auch erst nach geraumer Zeit – die Rede ist von zehn Jahren. Lässt er sich auf das ein? «Sofort», sagt er. «Ich finde den Ewigkeitsanspruch der Kunst ohnehin absurd.» Und: «Meine Arbeiten sind nicht für die Ewigkeit gedacht, sondern für die Gegenwart.» Und etwas lässt sich zwischen den Zeilen lesen: Die Denkmalpflege, die ein gewichtiges Wort mitredet, hat offenbar nicht ein ­kategorisches Nein verhängt.

Totentänze üben auf Naegeli seit langer Zeit eine Faszination aus. Mag sein, dass er in deren Schöpfern verwandte Seelen spürt, handelt es sich dabei doch um eigentliche Mauerkunst. Einer der ersten Totentänze überhaupt entstand 1424 an der Mauer eines Pariser Friedhofs. Kurz darauf wurde der Basler Totentanz ebenfalls auf einer Friedhofmauer angebracht.

Auch die Botschaft der Totentänze, das «Memento Mori», beschäftigt ihn: «Ich bin 77 Jahre alt, meine Zeit ist also fast schon abgelaufen.» Doch geht sein Interesse an dem Thema weit über die persönlichen Lebensumstände hinaus: Aus dem Stegreif beginnt er mit seiner ruhigen, stets etwas heiseren Stimme Hölderlin zu rezitieren: «In lieblicher Bläue». Zeile für Zeile, manchmal macht er halt, um den Inhalt kryptischer Aussagen zu reflektieren. Das Gedicht schliesst mit den Worten: «Leben ist Tod, und Tod ist auch ein Leben.»

Klagende Fische

Naegeli hat schon früher Totentänze gezeichnet: 1981 erschienen in Köln über Nacht auf Brückenpfeilern, in Tiefgaragen, an gesichtslosen Fabrikgebäuden tanzende Skelette, übermütige Totenköpfe, Eulenspiegeleien, wohlüberlegt platziert, schnell gezeichnet, mit der für den Sprayer von Zürich so bezeichnenden Mischung von Mahnfinger und Humor. Kaum da, waren sie auch schon wieder verschwunden, weggeputzt. Der Kölner Totentanz existiert nur noch auf Fotografien. 1986 reagierte Naegeli auf die Umweltkatastrophe des Chemiekonzerns Sandoz bei Basel mit einem Totentanz des Rheins – ein Totentanz der Fische. Die Botschaft seiner Totentänze lautet aber nicht, gedenke, dass du sterblich bist, sondern: Achte das Leben.

Auch der Totentanz der Fische am Rheinufer ist verschwunden, doch könnte er im Zürcher Totentanz auferstehen. Auf die Frage, wie der Tod in Zürich zum Tanze bitten wird, sagt er: «Es werden Fische sein. Der Fisch ist auch ein Christussymbol.» Sonst bleibt er bewusst vage: «Ich werde mir ein Jahr lang Zeit nehmen, immer wieder in die Türme steigen, die Orte aussuchen und mir Vorstellungen und Skizzen machen, bevor die ersten Figuren entstehen.»

Auch soll nur ein Teil des Tanzes sichtbar sein, derjenige in dem öffentlich zugänglichen Turm. Die Zeichnungen im anderen Turm werden hinter verschlossenen Türen bleiben. «Sie werden ein Geheimnis sein, die Menschen sind dadurch angehalten, ihre Fantasie in Bewegung zu setzen.» Der Tanz wird da und doch nicht da sein.

Die Suche nach dem «Nicht-Ort»

Damit sind wir bei dem Thema, das Harald Naegeli seit Jahren umtreibt: die Utopie, was wörtlich übersetzt «Nicht-Ort» heisst. «Ich bin immer auf der Suche nach einer Utopie, also einem Nicht-Ort», sagt er. «Diesen Ort kann man nicht beschreiben, aber er ist Realität.» Manchmal erfahre er ihn beim Zeichnen. «Es ist ein Bruchteil einer Sekunde, ein Moment der Freiheit.» Dann kommt ein überraschendes Bekenntnis: «Ich wäre gerne ein Zen-Meister.» Aber abgesehen davon, dass ihn beim Meditieren das Knie schmerze, sei er eben auch noch Künstler. «Und der kann nicht nur von Bildern in seinem Inneren leben. Er muss etwas hervorbringen, mit dem ein Dialog entsteht.»

Deshalb zeichnet Naegeli seit Jahren an einer Urwolke – etwa hundert Teile dieser Wolke sind in Zürich in Arbeit, vierhundert in Düsseldorf. Mit feinsten Federstrichen, den Stift horizontal aufgesetzt, entstehen Geflechte, die weder Form noch Farbe sind: Ausdruck eines Daseins, das nicht da ist, eine Utopie eben. An diesem Ort tanzt Naegelis Tod. Und sein Leben. Mit Hölderlin gesprochen: «Der Tod ist ein Bote des Lebens.»