2019-05-13 00:48

100 Prozent Journalismus. Keine Märchen

Gabor Steingart will den Journalismus mal wieder neu erfinden – auf einem Schiff in Berlin und mit Geld des Springer-Verlags.

Das erste Redaktionsschiff Deutschlands nimmt Fahrt auf. Video: Media Pioneer (Youtube)

  • Caspar Busse

Alle Grossen kommen vor, wenigstens ganz kurz: Angela Merkel, Donald Trump, der Papst, Greta Thunberg, Joe Ackermann und Martin Luther King. Aber die Hauptrolle in diesem kurzen Werbevideo spielt Gabor Steingart. «Journalismus beginnt dann, wenn andere wollen, dass du schweigst», sagt er mit bedeutungsschwangerer Stimme. Und fügt an: Das Problem seien harmlose Journalisten sowie Halbwahrheiten. Deshalb müsse es nun einen «Neustart» für unabhängigen Journalismus geben.

Gabor Steingart, 56, Journalist, Buchautor und Medienmanager, will nichts Geringeres als den Journalismus neu erfinden. «Wir wollen als erste deutsche Redaktion ohne Werbegeld arbeiten, weil wir glauben, dass publizistische Unabhängigkeit und finanzielle Abhängigkeit von grossen Anzeigenkunden nicht mehr in die Zeit passen», sagt er. Seine Rhetorik erinnert sehr an die Gründer der «Republik», des Schweizer Medien-Start-ups.

Einen Geldgeber hat er jedenfalls schon gefunden: Die Axel Springer AG, Verlag von «Bild» und «Welt», wird sich mit 36 Prozent an dem neuen Unternehmen beteiligen. Firmenchef Mathias Döpfner sprach von «verlegerischen Partnern», man werde gemeinsame Projekte entwickeln und auch beim Ausbau von Reichweite und Technologie helfen. Das neue Unternehmen sei damit über einige Jahre finanziert, sagt Steingart.

«Ertüchtigung» der Leserinnen und Leser

Leser sollen künftig ebenfalls Geld­geber und Aktionäre werden können. Etwa zehn Prozent der Anteile seien dafür vorgesehen, geplant sei die Ausgabe von Namenaktien, sodass die Firma immer weiss, wer die Aktionäre sind. «Wir wollen das deutsche Bürgertum für die Meinungsfreiheit mobilisieren», sagt Steingart, der selbst auf absehbare Zeit die Mehrheit an dem Unternehmen behalten will. Zudem soll den Lesern die Chance gegeben werden, sich selbst journalistisch zu betätigen und an den grossen Debatten teilzuhaben. Dazu soll eine eigene Akademie gegründet werden, die «bei der Ertüchtigung hilft», wie Steingart formuliert.

Auch äusserlich will man sich von anderen Medienunternehmen deutlich unterscheiden. Herzstück soll ein Schiff werden, 40 Meter lang und 7 Meter breit. Mit Elektroantrieb soll es ab 2020 auf der Spree unterwegs sein, ausgestattet mit Newsroom, Tonstudio und Veranstaltungsbereich. Clubmitglieder und Aktionäre erhalten exklusive Zugänge. Steingart: «Das Schiff und die Präsenz einer Redaktion in unmittelbarer Nähe zu Reichstag und Kanzleramt ist auch ein Symbol unserer Wächterfunktion: Wir sind dabei, aber gehören nicht dazu.»

Im Februar vergangenen Jahres war Steingart als Herausgeber und Geschäftsführer des «Handelsblatts» mit sofortiger Wirkung abberufen worden. Als Grund galten «Differenzen in wesentlichen gesellschaftsrechtlichen Fragen». Für das «Handelsblatt» hatte er einen täglich erscheinenden Newsletter entwickelt, der zu einem Erfolg wurde. Nach dem Ausscheiden machte er mit einem eigenen «Morning-Briefing» weiter, das täglich verschickt wird und derzeit rund 100'000 Menschen erreicht.

Woher künftig Einnahmen kommen sollen, sagt Steingart nicht. Aber er verspricht per Video: «100 Prozent Journalismus. Keine Märchen.»

«Wir wollen das deutsche Bürgertum für die Meinungsfreiheit mobilisieren», sagt Steingart über seine Ziele. Foto: Keystone
«Wir wollen das deutsche Bürgertum für die Meinungsfreiheit mobilisieren», sagt Steingart über seine Ziele. Foto: Keystone