2018-02-20 11:22

Wie die Linke die Abgehängten verriet

Dass die Ungleichheit so stark zunehmen konnte, liegt auch an der Entfremdung der Linken von ihrer alten Basis. Zu diesem Schluss kommt Thomas Piketty in einer neuen Untersuchung.

Ihn vernachlässigt die Linke seit den 1960er-Jahren: Ein Obdachloser in Zürich . Foto: Bildarchiv Tagesanzeiger

Ihn vernachlässigt die Linke seit den 1960er-Jahren: Ein Obdachloser in Zürich . Foto: Bildarchiv Tagesanzeiger

(Bild: Keystone)

Die Globalisierung und die technologischen Umwälzungen werden meist als Hauptgrund für die gewachsene Ungleichheit genannt. Dabei blieb aber meist die Frage offen, weshalb Mehrheiten in demokratischen Gesellschaften nicht mehr gegen diesen Trend unternommen haben – zum Beispiel durch Umverteilungsmassnahmen.

Der französische Ökonom Thomas Piketty ist dieser Frage für die USA und für Frankreich nachgegangen. Für Deutschland und andere Länder sollen spätere Untersuchungen folgen. Bekannt wurde Piketty vor allem durch seinen Bestseller «Kapital», der die Ungleichheitsdebatte weltweit stark befeuert hat.

Die wichtigste Schlussfolgerung aus Pikettys Forschungspräsentation lautet, dass die Linke die unteren Schichten der Gesellschaft seit den 1970er-Jahren zunehmend verloren hat und deren Anliegen immer weniger im Zentrum linker Politik standen. Wie Piketty zeigt, sind Politiker und ihre Wählerschaft über die letzten Jahrzehnte immer mehr selbst Teil der Elite geworden, die sich im Unterschied zur rechten Elite vor allem durch eine sehr hohe Bildung auszeichnet.

So erklärt sich auch der Titel von Pikettys Präsentation: «Brahmin Left vs Merchant Right». Mit «Brahmin Left» vergleicht Piketty die Linke mit der führenden intellektuellen Priester- und Lehrerklasse im Hinduismus. Ihr gegenüber steht in dieser Vereinfachung die Kaufmanns-Rechte (Merchant-Right). Diese Elite zeichnet sich vor allem durch ökonomisch erlangten Reichtum aus.

Die Linke als Bildungselite

Solche Aussagen über die Entfremdung der Linken von ihrer einstigen Basis sind keineswegs neu. Sie sind auch ein Standardvorwurf der rechten Konkurrenz. Piketty ist zu seinen Schlussfolgerungen durch das gleiche Vorgehen gekommen, wie er schon seine Ungleichheitsforschung betrieben hat: Er hat sich vertieft mit historischen Datenreihen befasst und diese ausgewertet. Diese zeigen, dass noch in den 1950er- und 1960er-Jahren die Wähler der Sozialisten in Frankreich und der Demokraten in den USA überwiegend nicht nur aus wenig verdienenden, sondern auch aus weniger gebildeten Schichten stammten.

Piketty hält es für möglich, dass das bisherige Parteiengefüge in Zukunft gänzlich umgepflügt wird.

Und Piketty zeigt, dass sich das besonders seit den 60er-Jahren im Zug der 68er-Bewegung verändert hat. Die linke Wählerschaft rekrutierte sich seither immer mehr aus Personen mit einem höheren Bildungsgrad. Entstanden ist laut Piketty daher ein «Multi-Eliten-Parteiensystem, in dem die Hochgebildeten links wählen und die Elite mit hohen Einkommen und Vermögen rechts, die anderen Gruppen fühlen sich im Stich gelassen». Das hält der französische Ökonom für einen möglichen Grund für den jüngsten Erfolg der Populisten.

Piketty hält es daher für möglich, dass das bisherige Parteiengefüge in Zukunft gänzlich umgepflügt wird. Die Hochgebildeten und die Hochverdienenden könnten sich mit einem «globalistischen Programm» einer weltweiten kulturellen, personellen und ökonomischen Öffnung immer mehr vereinen und Parteien mit einer wenig verdienenden und wenig gebildeten Wählerschaft gegenüberstehen, die ein «nativistisches Programm» verfolgen: ein Programm, das die Verteidigung der Rechte der in einem Land Geborenen in den Vordergrund stellt.

Leben in einer anderen Welt

In einem Artikel in der «New York Times» hat sich der politische Kommentor Thomas Edsall mit der jüngsten Arbeit von Piketty auseinandergesetzt und dazu auch Stellungnahmen anderer Forscher auf diesem Gebiet eingeholt. Für die gut gebildete Führung der Linken in den USA stellt Edsall fest, dass es ihr selbst unter dem Status quo ökonomisch gut geht und die Sorgen ihrer einstigen Wählerschaft sie nicht selbst betreffen: Von 1988 bis 2012 haben die Einkommen der Hochschulabgänger um 16 Prozent zugenommen. Die Einkommen von jenen mit einem hohen Abschluss haben sogar um 42 Prozent zugelegt.

Ganz anders sieht das Bild bei allen anderen aus: Jene, die nur kurz eine Hochschule von innen gesehen und keinen Abschluss erreicht haben, konnten ihr Einkommen in dieser Zeit nur um 1 Prozent steigern. Bei jenen mit einem gewöhnlichen Schulabschluss (Highschool) waren es nur 0,3 Prozent. Wer gar keinen Abschluss geschafft hat, verlor sogar 13 Prozent.

Die Hochgebildeten wählen links und die Elite mit hohen Einkommen und Vermögen rechts: Die Erkenntnis von Ökonom Thomas Piketty. Foto: Keystone

Der US-Ökonom Dean Baker weist in seiner Reaktion auf Pikettys jüngste Arbeit auf die Risiken für die Linke hin, wenn sie den Fokus zu sehr von den Anliegen der schwächeren Schichten abwendet. Baker schreibt von einem «anhaltenden Kampf in der demokratischen Partei der USA und in den meisten linken Parteien Europas: «Da gibt es jene, die die Ungleichheit akzeptieren wollen und ausschliesslich auf Themen wie Gleichheit der Geschlechter und Antirassismus setzen.»

Baker meint dazu, dass er die Bedeutung dieser beiden Themen nie infrage stellen wolle, doch «wenn das bedeutet, dass die politischen Entwicklungen vernachlässigt werden, die zu der aktuell hohen Ungleichheit geführt haben, dann ist das keine seriöse progressive politische Agenda», schreibt Baker.

Für die Demokraten in den USA stellt schliesslich Thomas Edsall am Ende seines Artikels über Pikettys Arbeit die Frage, ob eine Partei, die «gespalten ist zwischen einem gehobenen hauptsächlich weissen Flügel und einem grossen Arbeiterklasseflügel noch eine vereinte linke Agenda verfolgen kann». Das Urteil dazu sei noch offen, schreibt Edsall selbst dazu, aber die Antwort könne «sehr gut nein» lauten. Darin findet er sich auch mit dem von Piketty gezeichneten Zukunftsszenario einer komplett umgepflügten politischen Landschaft.