2017-03-03 17:14

Giganten der Finanzwelt prallen aufeinander

Warren Buffett und Blackrock-Chef Larry Fink streiten um eine heikle Frage: Wie gefährlich ist die Kurzsichtigkeit der Börse?

Sehen das Wirken der Finanzmärkte in unterschiedlichem Licht: Investorlegende Warren Buffett (links) und Blackrock-Chef Larry Fink.

Sehen das Wirken der Finanzmärkte in unterschiedlichem Licht: Investorlegende Warren Buffett (links) und Blackrock-Chef Larry Fink.

(Bild: Reuters Fred Prouser und Lucas Jackson)

Es geschieht nicht alle Tage, dass der weltgrösste Vermögensverwalter und der weltweit erfolgreichste Investor (oder zumindest einer der erfolgreichsten) ihre Klingen kreuzen. Larry Fink, Chef von Blackrock, beklagt die verstärkte Fixierung der Firmenmanagements auf kurzfristige Vorgaben; daher würden sie Rückkäufe von eigenen Aktien priorisieren zulasten von Investitionen mit einem längerfristigen Gewinnversprechen. Warren Buffett, Chef des Investmentvehikels Berkshire Hathaway, hat eine andere Sicht der Dinge: «Ich kenne kein einziges verlockendes Projekt in den letzten Jahren, das aus Mangel an Kapital gestorben ist», schrieb der legendäre Investor in seinem kürzlich erschienenen Aktionärsbrief. Die Unternehmen, so Buffett, seien randvoll mit Geld und ständig auf der Suche nach Investitionsmöglichkeiten.

Die Kontroverse zwischen den beiden Giganten in der Finanzwelt findet durchaus zu einem passenden Zeitpunkt statt. US-Präsident Donald Trump will im Rahmen seiner angekündigten Steuerreform dafür sorgen, dass die amerikanischen Konzerne ihre im Ausland gebunkerten Gelder und Gewinne – sie werden auf rund 2500 Milliarden Dollar geschätzt – in die USA zurückbringen. Zu diesem Zweck soll die 35-prozentige Steuer, die auf repatriierten Gewinnen zu bezahlen ist, durch einen einmaligen 10-Prozent-Satz ersetzt werden.

Von dieser Gewinnrückführung verspricht sich nicht nur die Regierung einen zusätzlichen Investitionsimpuls für die US-Wirtschaft. Denn die im Ausland schlummernden Mittel konzentrieren sich gemäss Experten vornehmlich auf Technologie- und Pharmafirmen – beides Branchen mit überdurchschnittlich hohen Investitionsbudgets. Allein Microsoft und der Pharmagigant Pfizer sollen schätzungsweise 108 respektive 80 Milliarden Dollar auf ausländischen Bankkonten angesammelt haben.

Investitionen steuerlich begünstigen

Aus Sicht von Larry Fink müsste Trumps Steuerreform noch einen zusätzlichen Aspekt berücksichtigen: die Begünstigung von langfristigen Investitionen – ab einem Zeithorizont von drei Jahren – gegenüber kurzfristigen Investments mittels einer entsprechend gestalteten Kapitalgewinnsteuer. Laut dem Blackrock-Chef geben die Unternehmen zwar vermehrt Lippenbekenntnisse zu einer stärkeren längerfristigen Ausrichtung ab, gleichzeitig hätten sie aber die Aktienrückkäufe in einem «furiosen Tempo» fortgesetzt. Zwischen dem dritten Quartal 2015 und dem dritten Quartal 2016, so hat Fink errechnet, wendeten die im US-Aktienindex S&P 500 enthaltenen Konzerne gar mehr für Dividenden und Aktienrückkäufe auf, als sie an operativen Gewinnen erzielten.

Fink befürchtet, dass dabei Ausgaben zugunsten des längerfristigen Wachstums – etwa in Forschung und Entwicklung (F & E), Technologie und die Weiterbildung der Beschäftigten – zu kurz kommen. Verschiedene Ökonomen erachten die zögerliche Investitionstätigkeit der Unternehmen als einen der Gründe, weshalb sich die Produktivitätszuwächse in den Industriestaaten in den letzten Jahren spürbar verlangsamt haben.

Eigentlich wäre das Marktumfeld aus Anlegersicht durchaus günstig für zusätzliche Investitionen, zumindest in den USA: Sowohl die vielerorts hohen Gewinnmargen als auch die sehr stolzen Aktienbewertungen – die oft über den jeweiligen Buchwerten liegen – sprechen für den Aufbau neuer Produktionskapazitäten und den Vorstoss in neue Märkte und weniger für den Rückkauf überteuerter eigener Aktien. Dem halten Warren Buffett und seine Anhänger aber entgegen, dass sich geringere Investitionen tendenziell günstig auf die Aktienkursentwicklung auswirken – vor allem wenn das Management glaubwürdig darlegen kann, dass es seine Investitionen von strengen Renditezielen abhängig macht. Insofern würden die Märkte ihre Funktion vollauf erfüllen, indem sie anlagesuchende Gelder dorthin zuweisen, wo sie den grössten wirtschaftlichen Nutzen stiften.

Überholte Kostendefinition

Für Larry Fink enthält die These perfekt funktionierender Märkte indes viel Wunschdenken. Er verweist zum einen auf die Bonusprogramme des Managements, die dem Erreichen kurzfristiger Gewinn- und Aktienkursziele meist ein zu hohes Gewicht beimessen. Zum andern haben sich die Gewichte in den Firmenaktionariaten verschoben: Stärker geworden sind Investoren, die ihre Anlagen früher primär in Anleihen getätigt hatten, wegen des Tiefzinsumfelds aber zu Umschichtungen in Aktien gezwungen waren. Ihr Fokus ist auf Rendite und Risikominimierung gerichtet, und dies lässt sich mit hohen Dividendenausschüttungen und Aktienrückkäufen besser vereinbaren als mit Investitionen, die sich allenfalls in drei, fünf oder noch mehr Jahren rechnen.

Investitionen in Ausbildung und Training von Mitarbeitenden, F & E, Produktentwicklung und Verfahrenstechnik haben noch aus einem anderen Grund einen schwereren Stand. Sie sind zwar für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen wie auch von Volkswirtschaften zunehmend matchentscheidend; dennoch werden sie in den Firmenabschlüssen nicht als wertmehrende Investitionen behandelt, sondern vielmehr als gewinnschmälernde Kosten. In früheren Zeiten, als schwergewichtig in Fabriken und Maschinen investiert wurde, liess sich das noch rechtfertigen. Heute aber, da ein immer grösserer Teil der Investitionen in immaterielle Güter fliesst, verstärkt diese rigide Kostendefinition die Fehlanreize für das Management noch zusätzlich.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet