2018-11-02 19:00

Die Schweiz, ein Land der Brauer

Die Zahl der Brauereien in der Schweiz hat einen neuen Rekord erreicht. Der Markt bleibt aber weiterhin in der Hand der Grossen.

Wer eine Stange Bier bestellt, hat je länger je mehr Auswahl. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl weist die Schweiz weltweit die grösste Dichte an Brauereien auf. (Bild: Samuel Schalch)

Wer eine Stange Bier bestellt, hat je länger je mehr Auswahl. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl weist die Schweiz weltweit die grösste Dichte an Brauereien auf. (Bild: Samuel Schalch)

  • Patrick Griesser

Die Zahl der Brauereien in der Schweiz hat einen neuen Rekord erreicht: Inzwischen sind mehr als 1000 Brauereien bei der Eidgenössischen Zollverwaltung registriert, wie es dort auf Anfrage heisst. Die Schweiz, ein Land der Brauer: «Seit dem Jahr 2012 nimmt die Anzahl Brauereien hierzulande rasant zu», sagt Christoph Lienert, stellvertretender Direktor des Schweizer Brauereiverbands. Mehr als 100 Brauereien pro Jahr sind seither gegründet worden.

Zwar steht die Schweiz bei der produzierten Menge im europäischen Vergleich nur auf Platz 21, an der Spitze thront unangefochten Deutschland, doch weist die Schweiz im Verhältnis zur Bevölkerungszahl nicht nur in Europa, sondern weltweit die grösste Dichte an Brauereien auf, wie Lienert sagt. Das war nicht immer so: 1990 gab es lediglich 32 Brauereien hierzulande.

Pro-Kopf-Konsum sinkt

Vor allem kleine Brauereien sind für das Wachstum verantwortlich: Meldepflichtig bei der Zollverwaltung sind bereits Privatpersonen, bei denen mehr als 400 Liter Bier pro Jahr im Kessel brodeln. Bei Vereinen beträgt der Schwellenwert für die Biersteuer 800 Liter.

Der grösste Teil der Bierproduktion in der Schweiz ist trotz des Gründerbooms in der Hand von einigen Grossen: 51 Brauereien sind für die Produktion von mehr als 99 Prozent des gesamten Biers verantwortlich. Allein die zehn grössten Unternehmen in der Schweiz stellen mehr als 90 Prozent des Getränks her.

«Der Bierverkauf stagniert seit mehreren Jahren, und der Pro-Kopf-Konsum geht zurück», sagt Lienert. Etwas mehr als 54 Liter trinken Herr und Frau Schweizer pro Jahr, 1990 lag dieser Wert noch bei über 71 Liter.

Grosse reagieren mit Spezialitäten

Bei der grössten Schweizer Brauerei, der Feldschlösschen AG in Rheinfelden, wird die Konkurrenz wohl auch deshalb wahrgenommen: «Der Markt ist natürlich in den letzten Jahren durch die vielen Teilnehmer deutlich kompetitiver geworden», sagt Feldschlösschen-Sprecherin Gaby Gerber. Die grossen Brauereien reagieren, indem sie inzwischen ebenfalls Bierspezialitäten anbieten.

Bei Heineken, der Nummer zwei im Markt, heisst es, dass die Klein- und Kleinstbrauereien einen wichtigen Beitrag für das Interesse an Bier leisten, wie Sprecher Urs Frei sagt. Ein Vorteil der kleinen Brauereien sei zudem die grössere Flexibilität in der Produktion, weil sie in kleineren Mengen in kurzer Zeit produzierten.

Bierbrauen ist nichts für Eilige

Ein Beispiel für eine Kleinbrauerei ist die Brauereigenossenschaft Oberwil Waldschlössli, die seit rund einem Jahr in der amtlichen Statistik geführt wird. Der jüngste Sud ist in der Baselbieter Gemeinde erst am vergangenen Samstag angesetzt worden, am Mittwochabend wurde abgefüllt und der Kronkorken aufgebracht – alles in Handarbeit. 140 Liter in Flaschen à 0,33 Liter stehen kurz nach 20 Uhr bereits in Reih und Glied auf einem Regal.

Noch sei der Sud kein fertiges Bier, sagt Urs Baumann, einer der Gründer der Brauerei Waldschlössli. Ab dem Zeitpunkt der Abfüllung müssen die Flaschen elf Tage bei 20 Grad ruhen, bis sich ausreichend Kohlensäure bildet, damit das Bier im Glas auch schäumt. Anschliessend muss das gekühlte Bier noch mehrere Wochen reifen. Bierbrauen ist nichts für Eilige.

2016 starteten die anfänglich 12 Genossenschafter mit dem Brauen in Oberwil: «Wir wollten ein Produkt, das nicht maschinell hergestellt wird», beschreibt Urs Baumann seine Motivation. Verkauft werden darf das Bier derzeit nur an Genossenschafter oder an Wirte. Eine Verkaufslizenz soll beantragt werden.

Auch Kleinbrauereien bedroht

Beim Brauereiverband, in dem die grossen Brauereien organisiert sind, geht man davon aus, dass längst nicht alle Klein- und Mikrobrauereien, die in den vergangenen Jahren gegründet wurden, auch noch aktiv sind: «Brauen ist für viele ein Hobby, das jedoch von einigen nach einer gewissen Zeit wieder aufgegeben wird. Wir vermuten daher, dass ein Graubereich von inaktiven Brauereien existiert», sagt Christoph Lienert. Das von einem möglichen Aus nicht nur Kleinstbrauereien bedroht sind, zeigt beispielsweise das Anfang der Woche angekündigte Aus für die Lozärner Bier AG mit Sitz in Luzern. Betriebswirtschaftliche Gründe angesichts niedriger Margen sollen demnach den Ausschlag gegeben haben, wie das Onlinemagazin «Zentralplus.ch» berichtet hatte.

Es ist längst nicht die einzige Schliessung im umkämpften Biermarkt in der Schweiz. In Freiburg traf es die Brasserie Haldemann im Juli, im März das Baselbieter Bier, und seit Anfang des Monats befindet sich die Em Basler sy Bier-Idee GmbH in Liquidation.