2019-01-20 15:21

Systemwandel, nicht Klimawandel!

Kolumnistin Tamara Funiciello über den Klimawandel und die freie Marktwirtschaft.

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«Ihr sprecht nur vom grünen, ewigen Wirtschaftswachstum … Ihr sprecht nur darüber, mit den ­gleichen schlechten Ideen weiterzumachen, die uns in diese Krise geführt haben.» Die Worte der 16-jährigen Greta Thunberg treiben seit Wochen Schülerinnen und Schüler weltweit auf die Strasse, um zu streiken. Ihre Botschaft an die herrschenden Politiker*innen ist klar: Tut endlich was. Und zwar ­etwas, was wirklich nützt und nicht nur leere Worte und halbherzige Versprechen sind.

Wir sitzen auf einer tickenden Zeitbombe. Das ­wissen wir seit Jahrzehnten – passiert ist herzlich wenig. Und zwar nicht, weil die Mehrheit der Politiker in Bern den Klimawandel negiert (wie die SVP). Sondern, weil man darauf vertraut, dass der freie Markt das dann schon irgendwie regelt. Nun, ich muss euch enttäuschen, liebe Liberale, das wird nicht passieren. Denn wie Greta sagt: Grünes, ewiges Wachstum funktioniert nicht. Wir leben heute in einem ­System, in welchem zum Beispiel Drucker produziert werden, die nach zwei Jahren kaputtgehen. Nicht weil es nicht möglich wäre, Drucker zu produzieren, die länger halten – sondern weil die Nachfrage nicht sinken darf. Denn dann ginge der Profit ja zurück.

Wir leben in einem System, in dem die Natur ausgebeutet wird, als gäbe es kein Morgen – nur um die Profite zu sichern. «Go vegan» oder «Kauf halt keine Avocados!» sagen viele. Kann man machen. Doch ist das wirklich die Lösung, um die Klima­katastrophe noch abzuwenden? Mit der Einschränkung des persönlichen Konsums verändern wir die Ursachen des Problems nicht. Wir müssen politische Massnahmen ­ergreifen. Wirksame!

Wir brauchen Gratis-ÖV, wenn wir Flüge verteuern wollen, wir brauchen mehr Nachtzugverbindungen nach ganz Europa, die konsequente Verlagerung des Gütertransports auf die Schiene und einen kompletten Ausstieg aus der fossilen Energieversorgung. Besteuern wir die Multis für den Dreck, den sie ­produzieren, und stellen wir Drucker her, die so lange halten wie nur irgendwie möglich. Klar ist jedoch auch, dass der Kampf gegen die Ausbeutung der Umwelt nicht an den Grenzen unseres Landes aufhören darf, sondern international geführt werden muss. International tätige Konzerne wie Glencore, Nestlé und Co. müssen in die Pflicht genommen werden – oder eventuell einfach in den Dienst der Menschen statt in den Dienst ihrer eigenen Profite gestellt ­werden. Kurz: Wir brauchen ein anderes ­System. Eines, das sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert und nicht an der Profitgier der Grossunternehmen.

Und noch was an die FDP- und SVP-Politiker, die sich im Moment über die Schüler*innenstreiks auf­regen und sie einzudämmen versuchen: Ihr macht mich unglaublich wütend. Da engagieren sich junge Menschen, und ihr wollt die bremsen – gar mit Sanktionen. Dabei brauchen wir mit unserem Milizsystem dieses Engagement der jungen Generation. Und wenn ihr, die ihr die Mehrheit in den Parlamenten habt und zuständig seid für die Krise, in der wir uns be­finden, das zu verbieten versucht, ist das einfach nur daneben. Denn ihr macht Politik nach dem Motto: «Nach mir die Sintflut» – nicht im übertragenen Sinn.

Und wenn ihr das dann noch damit begründet, dass die Streikenden Lernstoff verpassen, ist das nur noch heuchlerisch. Denn es sind eure Parteien, die keine Chance verpassen, bei der Bildung zu ­sparen. Darum meinen Aufruf an alle Lehrpersonen schweizweit: Lasst diese Menschen, den wichtigsten Kampf ihres Lebens bitte führen – denn die Alten ­haben den Mut dazu nicht.