2019-02-18 20:34

China hat jetzt mehr Kriegsschiffe als die USA

Im internationalen Wettrüsten holt Peking stark auf und konkurriert teilweise direkt mit Washington. Das Kräftemessen in Zahlen.

Steht symbolisch für die neue militärische Kraft der Chinesen: Der modernisierte Flugzeugträger Liaoning.

Steht symbolisch für die neue militärische Kraft der Chinesen: Der modernisierte Flugzeugträger Liaoning.

(Bild: Keystone)

Überall wird aufgerüstet – besonders aber in China: So lässt sich der neuste Bericht des Internationalen Instituts für Strategische Studien (IISS) zusammenfassen. Er zeichnet ein bedrohliches Bild. Die Lage sei vielleicht sogar noch angespannter als vor 60 Jahren, als es seinen Bericht zum ersten Mal veröffentlicht habe, schreibt das IISS. Damals hatte der Start des Erdsatelliten Sputnik dem Westen gerade die technologische Ebenbürtigkeit der Sowjetunion vor Augen geführt; die Amerikaner forcierten daraufhin ihr Raketenprogramm, der Kalte Krieg wurde richtig lanciert.

Heute ist von einem neuen Kalten Krieg die Rede. Das Kräftemessen findet aber nicht mehr nur zwischen den USA und Russland statt. Mit China ist ein neuer Player in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Das Land rüstet laut dem IISS enorm schnell und effektiv auf. In vielen Bereichen hat Peking sogar schon Moskau hinter sich gelassen und konkurriert direkt mit Washington.

Heute gibt Peking nach Washington am meisten Geld für Waffen aus, auch wenn es noch immer deutlich weniger ist: Die USA haben letztes Jahr 643 Milliarden Dollar in die Rüstung investiert, China vergleichsweise bescheidene 168 Milliarden. Doch das ist doppelt so viel, wie Saudiarabien bezahlt, das auf Platz drei liegt. Und fast dreimal so viel wie Russland, das mit 63 Milliarden auf den vierten Rang kommt.

Zwar haben die USA 2018 nach jahrelangem Rückgang erstmals wieder mehr für ihr Militär ausgegeben. China aber schraubt seine Rüstungsausgaben seit Jahren massiv nach oben. Zwischen 2011 und 2018 stiegen diese um mehr als 78 Milliarden beziehungsweise 87 Prozent.

Chinas Luftwaffe wird durch die Investitionen laufend besser. Der militärische Nachrichtendienst der USA vermutet, dass die Chinesen mit der Chengdu J-20 jüngst ihr erstes Kampfflugzeug mit Tarnkappentechnik operativ eingesetzt haben. In naher Zukunft werden auch die mittleren Bomber vom Typ Xian H-6 durch neue Modelle ersetzt.

Beeindruckend ist aber vor allem das Tempo bei der Modernisierung der chinesischen Marine. Diese hat inzwischen mehr Kriegsschiffe als die US-Armee. Im letzten Jahr wurden gleich mehrere grosse chinesische Zerstörer gebaut, bei den Amerikanern war es nur einer. Bald wird China ausserdem über zwei Flugzeugträger verfügen. Der bislang einzige, die Liaoning, wurde vor kurzem überholt und modifiziert.

Alle Augen auf den Chef: Der chinesische Präsident Xi Jinping inmitten von Marinesoldaten. Foto: Keystone

Doch nicht nur bei den ganz grossen, auch bei kleineren, aber innovativen Waffen ist China ganz vorne mit dabei: Bewaffnete Drohnen mit einer Reichweite von mehreren Tausend Kilometern. Über 30 Länder besitzen heute jenseits aller Abrüstungsverträge solche Waffen, die aus lediglich drei Ländern stammen: USA, Israel oder eben China.

Insgesamt produzieren die USA mit Abstand am meisten. Bei einem Grossteil davon handelt es sich aber um leichte Drohnen, die für die Aufklärung genutzt werden. Bei den schweren Drohnen, die auch mit Raketen und Präzisionswaffen bestückt werden können, liegt China fast gleichauf mit den USA. Nur Israel hat mehr solche Waffen.

Chinas Raketen stellen ein weiteres Problem dar. Laut Experten der Münchner Sicherheitskonferenz wären bis zu 95 Prozent aller Raketen und Cruise-Missiles verboten, wenn der INF-Vertrag auch für China gelten würde, der in Europa landgestützte Mittelstreckenraketen verbietet. Darunter wären vermutlich praktisch alle Geschosse, die heute Taiwan bedrohen. Auch 85 Prozent der Abschussvorrichtungen müssten demontiert werden.

Dass sich die Chinesen in einen neuen Raketenvertrag einbinden lassen, ist laut Beobachtern allerdings unrealistisch. Für China ist Abrüstung allein Sache der beiden grossen Atommächte USA und Russland. Und diese haben den INF-Vertrag gerade aufgekündigt. «Ein neues Zeitalter des Wettstreits zwischen den Grossmächten ist angebrochen», warnt das IISS. Auch in Washington sei man mittlerweile überzeugt, dass Peking zum grössten Konkurrenten aufgestiegen sei.