2019-08-08 23:42

Buhrufe und Applaus

Steve Smith, der weltbeste Cricketspieler, kämpft um seine verlorene Ehre im Sport der Gentlemen.

Mit seinem Namen sind auch Tiefpunkte verbunden: Steve Smith. Foto: Reuters

Mit seinem Namen sind auch Tiefpunkte verbunden: Steve Smith. Foto: Reuters

  • Jan Bielicki

Es sah nach einem Debakel aus für Australiens Team. Erst mickrige 112 Punkte hatten sie gemacht am ersten Tag ihres Länderspiels gegen England auf dem Edgbaston Cricket Ground in Birmingham. Und acht ihrer elf Schlagmänner hatte der Erzgegner bereits ins Aus gespielt. Aber auf dem Feld stand noch Steve Smith. Und schlug und schlug, einen Ball der englischen Werfer nach dem anderen. Den Century – die hundert Punkte, die im Cricket als Mass und Ziel eines Weltklassespielers gelten – hatte er bald erreicht und gewaltige 144 Punkte gesammelt, als ihn die Engländer endlich vom Feld warfen. Drei Tage später in der zweiten Spielhälfte legte er weitere 142 Punkte nach. Es war Century Nummer 25 in Smiths Karriere, ein sensationelles Comeback. Australien siegte.

Mehr als ein Jahr lang war er zuvor nicht mehr angetreten im Test Cricket, der Urform dieses urenglischen Sports, bei der die Spieler Weiss tragen und ein Match fünf Tage dauert, mit Teepausen. Dabei gilt der 30-Jährige mit dem Bubengesicht als bester Schlagmann seiner Generation. Aber mit ihm verbinden sich nicht nur etliche Höhepunkte, sondern auch ein Tiefpunkt des Cricket-Sports, der viel darüber aussagt, welche Rolle das Spiel im Mutterland England und mehr noch in den ehemaligen Kolonien des britischen Empire einnimmt.

Leistung soll die Ehre wiederherstellen

Es geschah am 24. März 2018 in Kapstadt. Während eines Länderspiels zwischen Südafrika und Australien erwischten TV-Kameras einen jungen australischen Werfer dabei, wie er den Ball mit Sandpapier bearbeitete und das Tatwerkzeug in seiner Unterhose verschwinden liess. Solche Manipulationen verändern das Flugverhalten des Balls zum Nachteil des gegnerischen Schlagmanns und sind strengstens verboten. Smith, damals Teamkapitän, gestand, eine «Führungsgruppe» der Mannschaft habe den Plan ausgeheckt. Er verlor die Kapitänswürde und wurde für ein Jahr gesperrt.

Der Skandal war gross, umgibt Cricket doch der Mythos, ein Sport der Gentlemen zu sein, in dem Fairness über allem steht. Wenn ein Australier etwas für ungerecht oder falsch hält, beschwert er sich: «It’s just not cricket!» Entsprechend sah die empörte Reaktion auf Smiths Missetat aus. Gerade ihm hatten die Fans so etwas nicht zugetraut. Er galt immer als anständig, brav, sauber und langweilig.

Schon als Kind schlug der Sohn eines australischen Vaters und einer englischen Mutter im Südwesten Sydneys stundenlang Bälle in die Fangnetze. Die Schule schmiss er. Heute verdient er Millionen. Längst gibt es fernsehgerechte Blitzformate des Cricket, bei denen Spiele nur drei, vier Stunden dauern, einträgliche Werbepausen inklusive. Damit wird vor allem in Südasien sehr viel Geld verdient, wo Hunderte Millionen indische Fans per Live-TV gebannt Spiele verfolgen, die für Betrachter ausserhalb des Commonwealth so spannend wirken wie das Trocknen frischer Farbe an der Wand. Als Kapitän der Rajasthan Royals streicht Smith umgerechnet 1,5 Millionen Euro ein für eine sechswöchige Saison.

Doch kann Leistung Steve Smiths verlorene Ehre wiederherstellen? Als er das Feld von Edgbaston verliess, mischte sich in die Buhs für den Betrüger schon wieder Applaus für den Spieler.