2019-03-24 14:03

Der gefürchtete Holländer

Abwehrchef Virgil van Dijk will Deutschland auch im heutigen EM-Qualifikationsspiel in Amsterdam ärgern.

Schnell, zweikampfstark und torgefährlich: Virgil van Dijk.

Schnell, zweikampfstark und torgefährlich: Virgil van Dijk.

(Bild: Keystone Maurice van Steen)

  • Benedikt Warmbrunn

Manche Tore offenbaren erst so richtig in der Rückschau die Wahrheit, die in ihnen liegt. Wenn sie schon in den Geschichtsbüchern eingetragen sind. Dann zeigt sich, wie naiv der Glaube an das Gute im eigenen Fussballspiel gewesen ist, der Glaube daran, dass die eigenen Kräfte immer noch überlegen sind.

Erstes Beispiel: Ein Oktoberabend 2018 in Amsterdam, Deutschland beginnt gegen Holland passabel, hat gute Chancen, dann gibt es einen Corner für den Gastgeber. Danach zeigt sich die Orientierungslosigkeit der Mannschaft. Torhüter Manuel Neuer irrt durch den Strafraum, der Ball fliegt an die Latte, und dann steht da der Captain der Holländer, Virgil van Dijk, allein gelassen von Jérôme Boateng. Kopfball, Tor, Endergebnis aus Sicht der Deutschen: 0:3.

Zweites Beispiel: Ein Märzabend in München, der FC Bayern hat sich gegen Liverpool in die Partie zurückgekämpft. Dann gibt es einen Corner für die Gastgeber. Danach springen Hummels und Javier Martínez ins Leere. Und plötzlich kommt Liverpools Abwehrchef Virgil van Dijk angerauscht, er springt ab, bewegt sich wie in Zeitlupe, immer höher und weiter. Sein Körper scheint noch ein paar Zentimeter länger zu werden. Kopfball, Tor, Endstand aus Sicht der Münchner: 1:3.

Immer wieder gibt es Gegentore, die sich als Schockerlebnisse einbrennen ins kollektive Gedächtnis einer Fussballnation. Bei den Deutschen waren das zwei Gegentreffer aus dem Sommer 2012. Erst war da ein Kopfball von Didier Drogba im Final der Champions League, kurz vor Schluss, als sich die Bayern bereits als Sieger fühlten. Angekündigt hatte dieses Tor damals Drogbas Mitspieler bei Chelsea, David Luiz, der vor dem Eckball zu Bastian Schweinsteiger drei mittlerweile berühmte Worte sagte: «And now goal.»

Van Dijks Tore haben mehr als Scherben hinterlassen

Der FC Bayern zerbrach für den Abend an diesem Gegentor, und er zerbrach noch ein bisschen mehr, als wenige Wochen später die deutsche Nationalmannschaft den EM-Halbfinal gegen Italien 1:2 verlor. Das erste Gegentor durch Mario Balotelli war, so scheint es diese Geschichte zu verlangen, ein Kopfball. Aus den Scherben dieser Gegentore entstanden jedoch zwei Teams, die das Höchste gewannen: Bayern 2013 die Champions League, das Nationalteam 2014 die WM.

Die Tore von Virgil van Dijk dagegen haben mehr als bloss Scherben hinterlassen. Seine Tore bewirkten, erst recht in der Rückschau, ein unumgängliches Ende.

Van Dijks Treffer in München zum zwischenzeitlichen 1:2 bedeutete für die Münchner Bayern das Ende in dieser Champions-League-Saison, es bedeutete aber auch das Ende für diese Mannschaft als eine der besten in Europa. Arjen Robben und wohl auch Franck Ribéry sowie Boateng werden den Club im Sommer verlassen, selbst ein Wechsel von Hummels ist nicht ausgeschlossen. Die Bayern-Bosse verkünden eine Transferoffensive, selbst vorsichtige Schätzungen ergeben ein Transfervolumen in Höhe von 200 Millionen Euro.

Bei der Nationalmannschaft berichten Eingeweihte, Bundestrainer Joachim Löw habe nach dem 0:3 in Amsterdam erkannt , dass sich ein radikaler Umbruch nicht mehr vermeiden lässt. Er stellte das System um, setzte auf jüngere Spieler, trennte sich vor kurzem auch noch von Hummels, Boateng und Thomas Müller.

Heute Abend tritt Deutschland nun zum ersten Spiel in der EM-Qualifikation an. Gleich muss sich zeigen, wie stabil dieser Neuanfang schon ist, und ein bisschen auch, wie erfolgreich die Zukunft unter dem Trainer Löw sein kann. Die Mannschaft spielt in Amsterdam, und sie spielt gegen: Virgil van Dijk.

Jürgen Klopp sagt: «Ich liebe den Jungen»

Kein Verteidiger ist auf dem Planeten zurzeit so gefürchtet wie der 27-jährige Van Dijk. Unter ihm als Abwehrchef stellt Liverpool die beste Premier-League-Defensive, Trainer Jürgen Klopp sagt: «Ich liebe den Jungen.» Zuletzt, beim 2:1 gegen Fulham, patzte Van Dijk ausnahmsweise und leitete das Gegentor ein, danach erklärte Hollands Nationalcoach Ronald Koeman: «Ich habe Virgil gesagt, dass auch er ein Mensch ist. Denn wenn man den Medien in England glauben wollte, hatten wir es mit einem ausserirdischen Verteidiger zu tun.»

Erik ten Hag, der Trainer von Ajax Amsterdam, meint: «Innenverteidiger leben von ihrer Erfahrung, und kaum einer setzt seine Erfahrung in einem Spiel so gezielt ein wie Van Dijk.» Ten Hag hatte Van Dijk das erste Mal gesehen, als dieser als Teenager noch für Willem II Tilburg spielte. Erst kurz zuvor war er vom Rechts- zum Innenverteidiger umgeschult worden, erst kurz zuvor, als 17-Jähriger, hatte er einen Wachstumsschub, er wuchs in einem Sommer um 18 Zentimeter. Heute misst er 1,93 Meter. Ten Hag arbeitete als Scout für Eindhoven, als er an einem Nachmittag in Tilburg neben einem Späher aus Groningen auf der Tribüne sass. Dieser fragte besorgt, ob auch Eindhoven an Van Dijk interessiert sei. Ten Hag verneinte.

Selbst heute hält er das nicht für einen Fehler. «Er war damals nicht gut genug», sagt er. «Virgil hatte schon alles, die beeindruckende Statur, Geschwindigkeit, Zweikampfstärke, sein Kopfballspiel mit dieser Riesensprungkraft. Aber er setzte all das noch nicht intelligent genug ein.» Van Dijk wechselte via Groningen zu Celtic Glasgow, von wo ihn wiederum Southampton wegkaufte. 2018 wechselte Van Dijk nach Liverpool, für angeblich mehr als 80 Millionen Euro – als teuerster Verteidiger der Welt.

Ten Hag glaubt, dass es für Van Dijk ein Vorteil war, erst spät zu einem europäischen Topverein gewechselt zu haben. «Jetzt ist er gefestigt. Und er hat das, was nur wenige haben: Spielintelligenz und zugleich eine hohe soziale Intelligenz.»

Hat so ein gefürchteter Spieler auch eine Schwäche? Ten Hag sagt: «Bei seinen Clubs war der Spielaufbau nie gefordert, in Holland aber legen wir darauf sehr viel Wert. Da kann er sich vielleicht noch entwickeln.»

Bildstrecke

  • loading indicator