2019-08-23 15:04

GC zahlte 10'000 Dollar und 30 Paar Schuhe für ihn

Keiner kannte Allen Njie, als er im Juli in der Challenge League debütierte – vielleicht wird der Billigtransfer aus Liberia zum guten Geschäft für die Zürcher.

GC soll für ihn «ein Sprungbrett» sein: Allen Njie (20) auf dem Campus in Niederhasli. (Bild: Urs Jaudas)

GC soll für ihn «ein Sprungbrett» sein: Allen Njie (20) auf dem Campus in Niederhasli. (Bild: Urs Jaudas)

Mr. Jackson heisst der Mann, der zum Glück von Allen Njie geworden ist. Mr. Jackson hat ihn gesehen, als er in Hinterhöfen und auf Strassen von Barnersville kickte. Er dachte, der Junge hat etwas, der hat Talent.

Barnersville ist ein Vorort von Monrovia, Monrovia ist die Hauptstadt von Liberia, und Liberia, an der afrikanischen Westküste gelegen, ist eines der ärmsten Länder der Welt, auch wenn es reich sein könnte. Da kommt Allen Njie her, der seit dieser Saison für die Grasshoppers in der Challenge League spielt.

Njie spricht sich Ndscha aus. Im Juli ist er 20 geworden, am 26. genau. Sechs Tage vorher gab er sein Debüt in der Meisterschaft, als Stade Lausanne-Ouchy zum Saisonstart im Letzigrund erschien. Njie lief im defensiven Mittelfeld neben Veroljub Salatic auf, der Unbekannte neben dem Captain, der aus dem russischen Exil zurückgekehrt war. Seither hat er in Liga und Cup nur noch neun Minuten verpasst. Trainer Uli Forte setzt auf ihn.

«Was ihn auszeichnet?», sagt Forte, «die Bissigkeit, die Zweikampfstärke, die Balleroberung.» Fortes Wertung steht dafür, mit welchem Willen und Ehrgeiz Njie daran arbeitet, sich in Europa durchzusetzen und Karriere zu machen. GC soll für den Liberianer nur eine Zwischenstation sein, «ein Sprungbrett», sagt er selbst.

Das Glück für GC

Vergangenen November tauchte er erstmals in Niederhasli auf. Es war die typische Geschichte von jemandem, der jemanden kennt. Im Fall von Njie war es der Videoanalyst von GC, der via einen Bekannten bei Admira Wacker Mödling erfuhr, dass da ein junger Liberianer zur Probe vorspielte. Njie möchte nicht in der Kleinstadt vor Wien bleiben. Sein Berater sagte ihm, da verdiene er nicht genug.

Njie wurde nach Zürich eingeladen. Das Glück von GC war, dass er bereits ein Schengen-Visum besass und deshalb in die Schweiz einreisen konnte. Der Club hatte vorher schon die Erfahrung gemacht, wie schwierig es ist, ein Visum für einen Spieler aus Afrika zu bekommen. Im Fall von Marius Mouandilmadji, einem Testspieler aus dem Tschad, scheiterte er. Marius ist inzwischen beim FC Porto untergekommen.

Auch finanziell ist sein Potenzial gross

Ein, vielleicht zwei Trainings dauerte es, bis sie auf dem Campus die Anlagen von Njie erkannten. Einen Monat schauten sie ihn sich insgesamt an und kamen dann zum Urteil: Er ist ein Potenzialspieler, wie das Chefscout Paul Bollendorff ausdrückt – ein Spieler, der mit Gewinn in Europa weiterverkauft werden kann. Der Kampf um die Arbeitsbewilligung begann, er war hart, aber schliesslich war GC erfolgreich.

Anfang März kam Njie in der U-21 gegen Zug 94 erstmals zum Einsatz. Es war ein Debüt ohne Öffentlichkeit. Die Transfer­summe für ihn konnte sich GC gut leisten. Sie betrug 10000 Dollar und 30 Paar Fussballschuhe, weil die in Afrika fast so viel Wert haben wie Dollar.

Was Njie nun freuen sollte, begann ihn aber zu verwirren. Was wollte er in der 2. Mannschaft, in der 1. Liga? Heute sagt er: «Ich war zu gut für die U-21.» Er äussert sich ohne Scheu.

Der Schiffsjunge

Man kann sein Denken nachvollziehen. In seiner Heimat war aus dem Jungen, den Mr. Jackson in den Hinterhöfen Monrovias entdeckt hatte, ein Nationalspieler geworden, einer auf den Spuren von George Weah, wenn auch nur entfernt. Njie kam dank Mr. Jacksons Vermittlung in die gleiche Akademie wie einst Weah. Und dieser Weah ist ja nicht irgendwer, er gewann in den Neunzigerjahren Titel mit Monaco, Paris St-Germain, Milan und Chelsea. Vor allem war er der erste Afrikaner, der Europas Fussballer des Jahres und Weltfussballer des Jahres wurde, das war 1995.

Seit Januar 2018 ist der 53-Jährige der Staatspräsident eines Landes, das einen vierzehnjährigen Bürgerkrieg hinter sich hat und noch immer als korrupt gilt. Dabei eben könnte dieses Land reich sein, dafür hätte es mit Diamanten, Gold und Eisenerz genug Bodenschätze. Doch genau der Kampf darum hat Liberia ins Verderben gestürzt.

Njie war 16, als er zum LISCR FC kam, den «shipping boys», den Schiffsjungen. So heissen sie, weil ihr Club im Besitz eines Schifffahrtsunternehmens ist, das Teil der zweitgrössten Handelsflotte der Welt ist. Mit 18 gehörte Njie zu der Mannschaft, die ungeschlagen Meister wurde und dazu den Cup gewann. Er wurde bald Nationalspieler und traf unter anderem auf Senegal mit Liverpools Sadio Mané. Genau solche Begegnungen waren es, die seinen Eindruck verstärkten, im Nachwuchs von GC am falschen Ort zu sein.

Der nächste Weah? «Ich!»

Uli Forte gab ihm im Sommer die Chance, die Vorbereitung mit der 1. Mannschaft zu bestreiten. Njie nutzte sie. Sein bestes Spiel bisher machte er gegen Aarau. In der 84. Minute beging er tief in der gegnerischen Platzhälfte ein Foul, für das er verwarnt wurde. Was von aussen unnötig erschien, tat er ganz bewusst, «ich wollte damit Druck von der Mannschaft nehmen», erklärt er. Forte sagte ihm nachher, so gut wie diesmal müsse er fortan immer auftreten. Schon während des Spiels hatte sich YB bei GC nach Njie erkundigt.

Njie ist bis 2023 vertraglich an die Zürcher gebunden. Im Nationalteam sieht er sich schon als Schlüsselspieler. Aber wer ist nun der nächste George Weah? «Ich!», sagt Njie, «ich, Allen!» Er lacht.