2016-08-24 19:34

Nichts gelernt von L'Aquila-Katastrophe

Nach dem verheerenden Erdbeben in Mittelitalien ertönt die Forderung nach erdbebensicheren Bauten. Wieder einmal.

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Sieben Jahre nach der Katastrophe von L'Aquila ist Mittelitalien erneut von einem starken Erdbeben getroffen worden. Das Epizentrum lag in Norcia, das sich 90 Kilometer nördlich von L'Aquila befindet. «Das, was in L'Aquila passierte, ist nun hier geschehen», sagte Stefano Petrucci, Bürgermeister des kleinen Dorfes Accumoli. Das Erdbeben der Stärke 6,2, dem rund 60 Nachbeben folgten, hatte in der Nacht auf Mittwoch die Region zwischen Umbrien, Latium und den Marken erschüttert und mindestens 120 Menschen in den Tod gerissen. Die Region zählt zu den seismischen Hochrisikogebieten Italiens, sie wird immer wieder von Beben heimgesucht.

«Prävention: Das kostet tausendmal weniger»

Trotz des Erdbebens von L'Aquila sei bezüglich der Erdbebenvorsorge nicht viel geschehen, erklärte Carlo Meletti, Geologe und Seismologe des nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie. Obwohl die Risiken längst bekannt seien, würden in Italien die Vorschriften für erdbebensichere Bauten weiterhin zu wenig beachtet. «Es braucht den politischen Willen von Regierung und regionalen Verwaltungen, um in die Sicherheit zu investieren, bevor sich wieder ein Erdbeben ereignet», sagte Meletti. Weil ein Erdbeben nicht vorausgesagt werden könne, gebe es in der Prävention nur eine Lösung: die Gebäude auf den neuesten Stand der Anti-Erdbeben-Technik zu bringen.

Der «Corriere della Sera» kommentiert, dass Italien rasch und richtig auf die neuste Erdbebenkatastrophe reagiert habe. Die Hilfe durch den Zivilschutz und die Armee sei diesmal gut koordiniert worden und auf der Höhe der grossen Herausforderung gewesen. Mit Blick in die Zukunft brauche es nun dringend eine seriöse Prävention und damit auch erdbebensichere Häuser: «Das kostet tausendmal weniger – sowohl in Menschenleben als auch ökonomischen Kosten für das Land – als die bisherige ignorante Gleichgültigkeit, die auch mörderisch ist.»

Risikokarte mit Sanierungsmassnahmen

Das Institut für Geophysik und Vulkanologie hatte schon vor über einem Jahrzehnt eine Risikokarte für Italien erarbeitet. Dabei erstellte es auch eine Liste mit den nötigen Sanierungsmassnahmen für Gebäude in besonders gefährdeten Regionen. Für den Gebäudebau in seismischen Gebieten gibt es in Italien schon seit 1996 besondere technische Vorschriften, die im letzten Jahrzehnt noch zweimal aktualisiert wurden.

Trotzdem: Beim Erdbeben in Mittelitalien stürzten vor allem ältere Gebäude ein, die in einer Zeit erstellt worden waren, als es noch keine Vorschriften für erdbebensichere Bauten gab, und die später auch nicht durch zusätzliche Baumassnahmen stabiler gemacht wurden. Zum Einsturz kamen aber auch offensichtlich schlecht erstellte Neubauten. Schlampige Bauweise und Materialmängel bei Gebäuden sind bei jedem Erdbeben in Italien ein Anlass für endlose Polemiken. Ein Beispiel für Versäumnisse ist das Spital von Amatrice, das beim jüngsten Erdbeben zusammengestürzt ist. Gemäss Schätzungen des nationalen Zivilschutzes sind in Italien rund 80'000 öffentliche Gebäude wie Schulen und Spitäler nicht ausreichend gegen Erdbeben gesichert.

Dass es in der Erdbebenvorsorge aber auch Fortschritte gibt, zeigen Beispiele ausgerechnet aus Norcia, dem Epizentrum des jüngsten Erdbebens. Die Region um Norcia war bereits 1979 und 1997 von Beben heimgesucht worden. Die Gebäude, die gemäss antiseismischen Vorgaben wieder aufgebaut wurden, haben dem jüngsten Erdbeben standgehalten, wie der Bürgermeister von Norcia, Nicola Alemanno, sagte.

Schleppender Wiederaufbau in L'Aquila

Italien wird immer wieder von schweren Erdbeben erschüttert. Allein in den letzten 40 Jahren kamen mehr als 6000 Menschen ums Leben. Das Erdbeben vom Mittwoch in Norcia und Umgebung war das schlimmste seit 2009, als im nahe gelegenen L'Aquila mehr als 300 Menschen starben. Die mittelalterliche Stadt wurde in ein Trümmerfeld verwandelt.

Der bis zu 15 Milliarden Euro teure Wiederaufbau kam erst vor zwei Jahren in Gang. Zuvor hatten politische Streitigkeiten und bürokratische Hürden, fehlende Gelder sowie Korruptions- und Mafia-Affären die Bauarbeiten gelähmt. Das historische Zentrum von L'Aquila ist bislang zur Hälfte wieder aufgebaut worden. Von den 70'000 Bewohnern leben noch 20'000 in Behelfsbehausungen. Bis 2019 soll die neue Stadt L'Aquila fertig gebaut sein.

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