2019-08-24 07:40

Frauen kommen besser weg

Eine breit angelegte Untersuchung zeigt, wie oft und auf welche Art Zeitungen über Politikerinnen und Politiker berichten. Die Befunde überraschen.

Gut gelaunte Frauen im Parlament: Ex-Bundesrätin Doris Leuthard und SP-Ständerätin Pascale Bruderer im März 2017. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Gut gelaunte Frauen im Parlament: Ex-Bundesrätin Doris Leuthard und SP-Ständerätin Pascale Bruderer im März 2017. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Eveline Widmer-Schlumpf rechnete mit den Journalisten ab, als sie zurücktrat. «Wichtige Dinge fallen bei Ihnen immer durch, und Sie konzentrieren sich auf die Kleidung oder die Frisur der Bundesrätinnen», begann sie im Herbst 2015 ihre Medienkonferenz zum Rücktritt und sprach zunächst über eine trockene Materie, das neue Energielenkungssystem.

Grafik vergrössern

Viele nehmen das so wahr: Bei Politikerinnen geht es um Äusserlichkeiten, mehr als um den Leistungsausweis, und ihnen werden weniger Kompetenzen attestiert als Politikern. Umso überraschender sind die Befunde einer Studie, die ein Politologenteam der Universität Zürich durchgeführt hat. Sie untersuchten die Berichterstattung über eidgenössische und kantonale Parlamentarierinnen und Parlamentarier in fast allen grösseren Deutschschweizer Zeitungen während sechs Jahren. Und das ist ihr Befund: Politikerinnen kommen in Zeitungen etwa gleich häufig zu Wort wie ihre Kollegen, wenn man die Sitzanteile im Parlament als Richtwert nimmt. Sie werden nicht schlechter dargestellt, im Gegenteil. Wo es Unterschiede gibt, lassen sie sich meistens erklären.

Aussehen kaum ein Thema

  • Tonalität: Untersucht wurde, wie über Politikerinnen berichtet wird. Ob ihnen Führungskompetenzen attestiert werden und ob ihr Aussehen thematisiert wird. Dies wurde mit einem komplexen Algorithmus ermittelt, anhand von Stichwortlisten mit Hunderten von Begriffen. Gesucht wurde etwa nach «kompetent», «intelligent» oder «strategisch», wo es um Führungskompetenzen ging, oder nach «Blondine», «schlank» oder «charmant». Über Frauen wurde nicht schlechter berichtet als über Männer, im Gegenteil. Ihnen wird mehr Integrität attestiert, im Sinne von Vertrauenswürdigkeit und Ehrlichkeit. Dieser Unterschied sei jedoch quantitativ unbedeutend und daher kaum interpretierbar, schreiben die Autoren der Untersuchung.
  • Aussehen: Äusserlichkeiten wie Figur oder Haare werden laut der Untersuchung allgemein selten thematisiert. Eine gewisse Diskrepanz gibt es bei der Kleidung. Diese wird bei Politikerinnen häufiger erwähnt als bei Politikern. Das hänge wohl auch damit zusammen, dass der Dresscode für Frauen weniger eng gefasst ist und mehr Individualität lässt, sagt Christopher Huddleston, Mitglied des Politologenteams, das die Untersuchung durchgeführt hat.
  • Frauenthemen: Tatsächlich wurden Politikerinnen am häufigsten im Zusammenhang mit sogenannt «weichen» Themen wie Sozial- und Bevölkerungspolitik erwähnt. Doch schon am zweithäufigsten beim Thema Landesverteidigung, gefolgt von Finanz- und Geldpolitik. Es stimmt also nicht, dass Politikerinnen vor allem zu «weichen» Themen sprechen und Politiker zu «harten» wie Finanzen, Wirtschaft und Infrastruktur.
  • Sonderrollen: Ein Sonderfall ist die SP. Bei ihr haben Politikerinnen etwa gleich viel Sitze wie Politiker. In den Medien sind sie dennoch untervertreten. Grund dafür seien ausserparlamentarische Sonderrollen: Alexander Tschäppät, früherer Berner Stadtpräsident, Paul Rechsteiner als Gewerkschaftsbund-Präsident und Cédric Wermuth als bekannter Ex-Juso-Präsident drückten die Präsenz der SP-Politiker nach oben und jene der Politikerinnen nach unten. «Entfernt man diese drei, ist der Unterschied auch bei der SP deutlich kleiner», so die Studie.

«Gesellschaftspolitisch gut»

«Wir sind alle mit gewissen Vorurteilen an die Arbeit gegangen», sagt Huddleston. Die Teammitglieder hätten deutliche Unterschiede erwartet. Die Resultate seien dann aber vergleichsweise unspektakulär ausgefallen. Aus gesellschaftlicher Sicht sei dies begrüssenswert, so Huddleston.

Grafik vergrössern

Es gibt eine weitere Studie der Universität Zürich zum Thema, die jedoch noch nicht abgeschlossen ist. Politologe Fabrizio Gilardi untersucht darin die Berichterstattung über Kandidatinnen in den eidgenössischen Wahlkämpfen 2015 und 2019. «Es ist schwierig, systematische Geschlechterunterschiede in der Politikberichterstattung nachzuweisen», sagt Gilardi. Diesen Eindruck habe er während seiner Arbeit gewonnen. Es brauche wohl noch mehr und noch bessere Forschung. «Die beiden Studien sind methodisch anspruchsvoll und basieren auf hervorragenden Daten. Doch es gibt noch Verbesserungspotenzial.»

Doch wie kommt Eveline Widmer-Schlumpf zu ihrem Befund, bei dem sie sicher viele unterstützen würden? Gilardi sagt dazu: «Das Phänomen ist entweder weniger verbreitet als vermutet, eventuell ist es auf wenige prominente Politikerinnen beschränkt. Oder es drückt sich subtil aus, so, dass es mit den bestehenden Methoden schwer zu fassen ist.»