2019-05-09 10:33

Eltern sollen gezwungen werden, ihre Kinder zu impfen

Mitte-Politiker wollen die Masern-Impfpflicht und Bussen für renitente Eltern. Die Forderung sorgt im Bundeshaus für eine gehässige Kontroverse.

Eltern in die Pflicht nehmen: Jetzt fordern Schweizer Politiker den Masern-Impfzwang.

Eltern in die Pflicht nehmen: Jetzt fordern Schweizer Politiker den Masern-Impfzwang.

(Bild: Keystone)

Zwei Tote und weit über hundert Erkrankte seit Anfang Jahr: Der jüngste Masernausbruch in der Schweiz schreckt die Politik auf. Mitte-Vertreter wie Ruth Humbel (CVP) oder Lorenz Hess (BDP) fordern nun ein nationales Impfobligatorium, um künftig eine Ausbreitung der Krankheit zu verhindern. Wenn die angestrebte Durchimpfrate von 95 Prozent nicht bald erreicht werde, solle der Bund einen Impfzwang mit Bussensystem prüfen, sagt Humbel im “Blick”.

Demnach will die Gesundheitspolitikerin nicht geimpfte Personen auch finanziell in die Pflicht nehmen, indem diese sich im Krankheitsfall stärker an den Heilungskosten beteiligen müssten. Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) sind 87 Prozent der zweijährigen Kinder und 92 Prozent der 16-jährigen Jugendlichen mit den nötigen zwei Dosen geimpft.

Auch Hess sagt, es brauche womöglich einen Impfzwang mit Sanktionsmöglichkeiten. Wegen des aktuellen Masernausbruchs will der Nationalrat jetzt einen Vorstoss einreichen, in dem er vom Bundesrat wissen will, wie die 95-prozentige Impfquote erreicht werden kann.


Masern-Atlas der Schweiz: Wo die meisten erkranken (Abo+)Bislang unveröffentlichte Zahlen des Bundes geben Aufschluss darüber, wo Menschen am häufigsten die Masern haben. Dabei fällt eine Region besonders auf.


«Das ist eine Impfdiktatur!»

Gar nicht einverstanden damit ist Yvette Estermann: «Das ist eine unsinnige Impfdiktatur!», sagt die SVP-Nationalrätin. Die Masernimpfung sei bei gesunden Kindern «unnötig». Die Luzernerin will es den Eltern überlassen, ob sie ihre Kinder nach Absprache mit dem Kinderarzt impfen oder nicht. «Wer Angst vor Kinderkrankheiten hat, soll seine Kinder impfen, andere nicht.»

Unnötig finden Estermanns Parteikollegen eine Immunisierung zwar nicht, aber auch sie halten ein Impfobligatorium oder eine Kostenbeteiligung nicht für angezeigt. «Einen Zwang sollte es nur geben, wenn eine Epidemie droht. Sonst muss das Sache der Eltern bleiben», sagt der Basler Nationalrat Sebastian Frehner. Sein Baselbieter Ratskollege Thomas de Courten widerspricht allerdings in diesem Punkt: «Die persönliche Integrität ist auch in Zeiten von Masernepidemien unantastbar. Wo führt das denn hin - müssten wir auch für Zeckenbisse, Tollwut oder Aids einen Impfzwang einführen?», fragt er.

SVP-Nationalrätin Verena Herzog pocht ebenfalls auf Eigenverantwortung, fordert aber, dass sich impfunwillige Eltern vom Kinderarzt oder der Elternberatung über mögliche Folgeschäden informieren lassen müssten. Als Komplikationen der Krankheit können beispielsweise Lungen- oder Hirnentzündungen auftreten. «Entscheiden sie sich trotzdem dagegen, müssten sie auch bereit sein, die Folgekosten selbst zu übernehmen», so Herzog. Eine Kostenbeteiligung befürwortet ihr Kollege Heinz Brand im Grundsatz ebenfalls. Doch er befürchtet, «dass der administrative Aufwand in keinem Verhältnis zur Kostenreduktion stünde». Das habe die Diskussion um die Komatrinker gezeigt.

Skeptiker auch auf linker Seite

Yvette Estermann ist nicht alleine: Im Parlament gibt es auch auf linker Seite Impfskeptiker. So bezweifelt etwa SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher die Wirksamkeit von Impfungen, weil diese «nie einen hundertprozentigen Schutz vor Krankheiten» gäben, sagt sie im «Blick».

So weit gehen viele ihrer Parteikollegen nicht. Aber Impfzwang, Bussen und Kostenbeteiligung haben auch im linken Lager einen schweren Stand. «Das wäre ein Tabubruch, weil man den Patienten die Schuld für ihre Erkrankung gäbe. Müssten dann bald auch Raucher oder Übergewichtige ihre Behandlung selber bezahlen?», fragt etwa Bea Heim. Die SP-Nationalrätin ortet bei den Behörden ein ernsthaftes Versäumnis: «Sie haben zu lange zu wenig informiert, sondern das Feld einfach den Impfgegnern überlassen, die in den sozialen Medien sehr aktiv sind.» Das BAG müsse auf allen Kanälen sachlich und umfassend informieren. Sinnvoll fände die Solothurnerin auch Impfaktionen in den Schulen, weil das den sozialen Druck und damit die Durchimpfrate erhöhen würde.

Patientenorganisationen sind alarmiert ob dieser politischen Diskussion: Ein Impfzwang widerspreche der Verfassung, wonach jeder Mensch das Recht auf körperliche Unversehrtheit habe, sagt Erika Ziltener, Präsidentin des Dachverbands Schweizerischer Patientenstellen. Sie kritisiert, dass Einzelimpfungen kaum noch erhältlich seien, was zu einer Überimpfung führen könne. Zudem mangle es an Langzeitstudien. «Stattdessen wird in der gehässigen Debatte mit Drohungen und Druck gearbeitet. Es sollte viel breiter aufgeklärt werden», sagt Ziltener. Im Auge hat sie dabei dezidierte Impfbefürworter wie den Immunologen Beda Stadler. Dieser bezeichnet Edith Graf-Litschers impfskeptische Haltung als «pervers». «Damit schürt Stadler Widerstand und trägt kaum dazu bei, dass Eltern ihre Kinder impfen lassen.»

Konkrete Pläne für ein Impfobligatorium gibt es bei den Behörden trotz des jüngsten Masernausbruchs nicht. Der Präsident der eidgenössischen Impfkommission, die das BAG in diesen Fragen berät, erachtet einen Zwang nicht als sinnvoll: «Die Durchimpfrate nimmt zu - wir sind auf dem richtigen Weg», sagt der Kinderarzt Christoph Berger. Um das Ziel von 95 Prozent zu erreichen, müssten vorab die Impflücken bei den Erwachsenen zwischen 25 und 50 Jahren geschlossen werden. «Das schaffen wir mit einer aktiven Kommunikation und regelmässigen Impfausweis-Kontrollen in Schulen und Krippen», ist Berger überzeugt. Mit einem Zwang hingegen erreiche man gerade jene dezidierten Gegner nicht, die sich bewusst gegen die Masernimpfung entscheiden. «Sie machen aber auch nur wenige Prozent der Bevölkerung aus.»