2019-06-11 11:37

Was sexuelle Belästigung ist, sagen die Betroffenen

Die Grenzen sind nicht bei allen Menschen gleich definiert. Also müssen Unternehmen ihre Angestellten schützen.

Manche tragen eine zotige Bemerkung noch lange mit sich herum, andere lassen sich von Grapschern nicht beeindrucken: Belästigung hängt vom Empfinden der Betroffenen ab. Illustration: Benjamin Güdel

Manche tragen eine zotige Bemerkung noch lange mit sich herum, andere lassen sich von Grapschern nicht beeindrucken: Belästigung hängt vom Empfinden der Betroffenen ab. Illustration: Benjamin Güdel

In einer Onlineumfrage des Recherchedesks und des Datenteams von Tamedia berichten 244 weibliche und 34 männliche Medienschaffende, dass sie sexuelle Übergriffe und Belästigungen bei der Arbeit erlebt haben. Das sind 53 Prozent der Frauen und 11 Prozent der Männer, die teilgenommen haben.

Man führe sich diese Zahl einmal vor Augen: 278 Journalistinnen und Journalisten gingen zur Arbeit, weil sie – nun, ja – arbeiten wollten. Recherchieren, interviewen, schreiben, vertonen, moderieren, produzieren, publizieren. Was eine Journalistin, ein Journalist halt so tut. Das ging aber nicht – oder nicht wirklich so, wie sie sich das vorstellten. Weil Chefs und Kollegen, manchmal auch Chefinnen und Kolleginnen, ihnen an den Po oder zwischen die Beine gefasst haben. Im Büro, am Kopierer, im Studio, einfach so. Manchmal wollten die Journalistinnen und Journalisten auch ein Interview führen, mit einem Politiker, Manager, Musiker oder Sportler. Oder einen Informanten treffen. Das gestaltete sich aber ebenfalls schwierig, weil sie erneut: sexuell belästigt wurden.

Alles nur nett gemeinte Komplimente? Flirtversuche? Liebe Belästiger, liebe Belästigerinnen, ihr dürft gerne Komplimente machen. Komplimente sind toll. Komplimente tun gut. Übrigens auch den von euch belästigten Frauen und Männern. Vielleicht liegt – je nach Situation – sogar mal ein kleiner Flirt drin.

Davon reden wir aber nicht. Sexuelle Belästigung fängt da an, wo sich die betroffene Frau, der betroffene Mann nicht mehr wohlfühlt. Wo ihre oder seine persönlichen Grenzen missachtet und damit überschritten werden. Wo ein Nein nicht akzeptiert wird.

Ja, die Grenzen sind nicht bei allen Menschen gleich definiert. Während manche einen einzigen anzüglichen Spruch jahrelang mit sich herumtragen, stecken andere handfeste körperliche Übergriffe weg, als wäre nichts oder fast nichts gewesen.

Doch deswegen dürft ihr nicht einfach weitermachen, als würde es niemanden kümmern. Es kümmert die Frauen und Männer, die sich belästigt fühlen. Es kümmert diejenigen, die sich nicht belästigt fühlen, aber von Leuten wissen, die das erlebt haben. Es kümmert uns alle, den grossen Rest. Ihr seid in der Minderheit – es muss aufhören. Es ist nicht das Problem der Journalistinnen und Journalisten, die sich von euch belästigt fühlen. Ihr seid das Problem. Ihr seid zu wenig aufmerksam, ihr seid zu wenig professionell.

Es ist auch ein Problem der Medienhäuser. Sie alle müssen daran interessiert sein, eure Übergriffe zu verhindern. Denn das sind es: Übergriffe – und oft auch Machtmissbräuche. Anders als viele Betroffene meinen, liegt die Ursache für sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz nicht einfach nur an euch Belästigern, die Grenzen überschreiten. Sie liegt oft auch an einem sexualisierten oder sexistischen Arbeitsklima, das solches Verhalten erst zulässt. Die Tamedia-Umfrage zeigt, dass in einem Teil der Redaktionen, oder zumindest in einem Teil der Ressorts der Redaktionen, die Probleme möglicherweise «in der Betriebskultur verankert» sind, wie ein Journalist um die 40 schreibt. Es liegt in der Verantwortung der Medienhäuser, diese Betriebskultur zu verändern. Sie müssen – auch von Gesetzes wegen – ihre Mitarbeitenden vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz schützen.

Und so könnte es funktionieren: Die Arbeitgeber nehmen Betroffene ernst. Sie unterstützen sie aktiv, etwa beim Erstatten einer Anzeige. Sie weisen regelmässig und prominent auf interne und externe Meldestellen hin. Gibt es intern keine, ernennen sie zum Beispiel Vertrauenspersonen unter den Mitarbeitenden, an die sich Betroffene wenden können.

Das wiederum nimmt die belästigten Journalistinnen und Journalisten in die Pflicht. Nur wenn die Vorgesetzten wissen, was ihnen passiert ist, können sie konkrete Massnahmen gegen die Beschuldigten ergreifen. Betroffene sollten Vorfälle wenn immer möglich melden. Scheint ihnen das zu riskant oder wissen sie nicht, als wie schlimm das Erlebte einzustufen ist, ist es sinnvoll, dass sie sich beraten lassen. Je schneller sie reagieren, desto besser. Sonst kommt es – auch das zeigt die Umfrage – möglicherweise noch schlimmer. Die Belästiger fühlen sich sicher und machen weiter. Und die Folgen halten bei den Betroffenen noch länger an.


#MediaToo: Warum wir jetzt keine Täter nennen

Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Recherche über sexuelle Belästigung im Journalismus – im Podcast von Reporterin Simone Rau und Oliver Zihlmann, Leiter Recherchedesk Tamedia.