2019-07-11 15:22

Plötzlich regnet es 175'000 Dollar

Auf einer Autobahn in Atlanta verlor ein Geldtransporter seine Fracht. Die Autofahrer wurden zu Bargeldjägern. Nun will die Polizei das Geld zurück.

Die Polizei hat die Finder aufgefordert, das Geld zurückzugeben. Zurück kamen keine 3000 Dollar. Foto: Dunwoody Police Department

Die Polizei hat die Finder aufgefordert, das Geld zurückzugeben. Zurück kamen keine 3000 Dollar. Foto: Dunwoody Police Department

  • Jürgen Schmieder

  • Los Angeles

Das Geld soll ja angeblich auf der Strasse liegen, man müsse es nur aufklauben, heisst es – aber dass es gar so einfach sein würde, damit haben die Pendler im Berufsverkehr von Atlanta im US-Bundesstaat Georgia nicht gerechnet: Am Dienstagabend öffnete sich auf der viel befahrenen Fernstrasse Interstate 285 die Seitentür eines Geldtransporters, und plötzlich regnete es grüne Dollarscheine. Insgesamt 175'000 Dollar flogen wild durch die Luft, landeten auf der Strasse und sorgten für Chaos, weil die Leute ihre Autos einfach stehen liessen und dem Bargeld nachjagten.

«Ich habe eine riesige Wolke gesehen und gedacht, dass es vielleicht Blätter von Bäumen sind – doch es war tatsächlich Bargeld», sagt der 26 Jahre alte Uber-Eats-Fahrer Randrell Lewis: «Ich habe angehalten und die Scheine aufgesammelt, so wie alle anderen – es war völlig verrückt.» Es gibt Videos, auf denen Menschen zu sehen sind, deren Arme zu Baggerschaufeln werden, andere stopfen ihre Hosentaschen voll oder funktionieren ihre T-Shirts zu Tüten um. Einer fischt die Scheine vom fahrenden Auto aus, ein anderer legt sich bäuchlings darauf, um seinen Besitzanspruch zu untermauern. Es wirkt wie die Szene aus einem Film, «It's a Mad, Mad, Mad, Mad World» mit Spencer Tracy zum Beispiel.

Ein Geldregen im wahrsten Sinne des Wortes, der zu einer interessanten Gewissensfrage führt: Sollen die Finder das Geld behalten?

Die Polizei der Kleinstadt Dunwoody im Norden von Atlanta, in deren Zuständigkeit dieser Bereich der Interstate 285 fällt, hat die Finder aufgefordert, das Geld bitteschön zurückzugeben. Das Sprichwort «Finders Keepers» (Wer es findet, der darf es behalten) gelte der Gesetzgebung in Georgia zufolge nicht, ganz im Gegenteil: «Wir haben zahlreiche Videos von sozialen Medien, auf denen die Auto-Kennzeichen deutlich zu erkennen sind. Wir sollten die Leute identifizieren können», sagt Polizeisprecher Roger Parsons. Angesichts der Höhe der gefundenen Summen sei es möglicherweise gar strafbar, das Geld zu behalten: «Es droht ein Gefängnisaufenthalt wegen Diebstahl. Wir wollen, dass die Leute das Geld freiwillig zurückgeben – dann passiert ihnen nichts. Wenn wir an die Tür klopfen, dann ist es zu spät.»

Wie gewonnen, so zerronnen, mag man meinen – doch bislang sind nicht einmal 3000 Dollar bei der Polizei eingegangen. Lewis hat 2094 Dollar zurückgegeben, weil er nach dem Hinweis auf strafrechtliche Verfolgung nicht mehr habe schlafen können: «Ich will keinen Ärger bekommen.» Die Polizei hofft nun auf das Gewissen der Finder und die Furcht vor Strafe, und sie verweist darauf, dass es bei ähnlichen Fällen in der Vergangenheit – ein Geldlaster in New Jersey verlor im Jahr 2004 insgesamt zwei Millionen Dollar in Münzen – nicht so viele Beweisvideos gegeben habe.

Es gibt natürlich auch jene mit reinem Gewissen, die sich nun trotzdem ärgern. Die Pendlerin Saiyan Mai schreibt auf Twitter, und es kann keinen traurigeren Eintrag geben: «Gestern Abend fahre ich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht auf der 1-285 – und das Geld liegt auf der Strasse. Heute bin ich wieder da: vom Lastwagen fällt ein Stein und zerstört meine Windschutzscheibe.»