2019-07-11 18:43

Paktierte Jeffrey Epstein mit dem Geheimdienst?

Der wegen Sexhandels angeklagte New Yorker Finanzberater ist eine geheimnisvolle Figur. Nicht einmal die Herkunft seines Vermögens ist bekannt.

Grosses Medienereignis in den USA: Chefankläger Geoffrey Berman will den mysteriösen Financier ins Gefängnis bringen. (Reuters/Shannon Stapleton/8. Juli 2019)

Grosses Medienereignis in den USA: Chefankläger Geoffrey Berman will den mysteriösen Financier ins Gefängnis bringen. (Reuters/Shannon Stapleton/8. Juli 2019)

Die neuerliche Anklage gegen den US-Finanzberater Jeffrey Epstein, dem in New York sexueller Missbrauch minderjähriger Mädchen sowie Sexhandel zur Last gelegt werden, hat in Washington eine Welle von Spekulationen ausgelöst: Warum erhielt Epstein bei einer ersten Anklageerhebung gegen ihn 2008 in Florida eine lächerlich niedrige Strafe nach einem undurchsichtigen und offenbar rechtswidrigen Deal zwischen seinen Staranwälten und dem damaligen US-Staatsanwalt Alexander Acosta?

Epstein bekam damals lediglich eine Haftstrafe von 13 Monaten in der komfortablen Spezialabteilung eines Kreisgefängnisses, Alexander Acosta ist mittlerweile Donald Trumps Arbeitsminister.

Unter Druck: Arbeitsminister Alexander Acosta. (Getty Images/10. Juli 2019)

«Nahezu zwei Jahrzehnte war Epstein aus undurchsichtigen Gründen unangreifbar, obwohl sein soziales Umfeld von seinen mutmasslichen krankhaften sexuellen Übergriffen und scheusslichen Attacken auf mittel- und wehrlose Frauen wusste. Waren dafür Kontakte zu ausländischen Regierungen oder seine Dollarmilliarden oder seine einflussreichen Freunde verantwortlich?», fragt die Investigativ-Journalistin Vicky Ward, die seit 2002 über Epstein recherchiert.

Waren Erpressungsgelder im Spiel?

Tatsächlich erscheint der wegen Fluchtgefahr in einem New Yorker Gefängnis einsitzende Finanzier als mysteriöse Figur, nicht einmal die Höhe seines Vermögens sowie dessen Ursprung ist klar. So bezweifelte das Wirtschaftsmagazin «Forbes» bereits 2010 Epsteins angebliches Milliardenvermögen und verwies darauf, dass «weder öffentliche Unterlagen» über sein Finanzunternehmen «noch eine Kundenliste» existierten. Nachweisbar einziger Kunde Epsteins war der New Yorker Milliardär Leslie Wexner, zu dessen Holding mehrere Bekleidungsunternehmen zählen, darunter Victoria’s Secret.

«Es ist uns nie gelungen, an verifizierbare finanzielle Informationen heranzukommen», sagte der Anwalt Spencer Kuvin, der 2008 mehrere mutmassliche Opfer Epsteins vertrat, einer Zeitung in Florida. Wie überstand der angebliche Anlageberater beispielsweise die schwere Finanzkrise 2008? Verdiente Epstein, der von Kunden angeblich eine Mindesteinlage von einer Milliarde Dollar verlangte, sein Geld durch ein Ponzi-Schema? Oder durch grossangelegte Erpressungsmanöver?

Brisantes Adressbuch

Immerhin umfasste sein Bekanntenkreis den globalen Geldadel ebenso wie hochrangige Politiker und Showgrössen. In Epsteins Adressbuch, das sein ehemaliger Diener Alfredo Rodriguez stahl, fanden sich Mick Jagger und Rupert Murdoch, diverse Kennedys und Michael Jackson, Alec Baldwin und Namoi Campbell, Bill Clinton und Prinz Andrew, Richard Branson, der saudische Kronprinz Mohamed bin Salman und Ehud Barak sowie viele andere Angehörige der globalen Elite. Allein für Donald und Melania Trump sowie mehrere Angestellte der Trumps existierten 14 Telefonnummern in Epsteins Adressbuch.

Heimlich fotografierte oder gefilmte Sexszenen mit Minderjährigen wären in diesem Szenario ein Mittel zur Erpressung gewesen. Noch rätselhafter mutet an, was Vicky Ward unter Berufung auf einen Mitarbeiter Donald Trumps berichtete: Ex-Staatsanwalt Alexander Acosta sei vor seiner Nominierung zum Arbeitsminister nach dem Grund des skandalösen Deals mit Epstein 2008 gefragt worden. «Mir wurde gesagt, ‹Epstein gehört dem Geheimdienst›, und ich solle meine Finger von ihm lassen», habe Acosta geantwortet.

Weitet sich der Skandal aus?

2015 behauptete Virginia Roberts Giuffre, eines der mutmasslichen Opfer Epsteins, in einem Gerichtsdokument, der Finanzier habe sie nach erzwungenem Sex mit seinen Bekannten und Freunden eingehend befragt, um sich «intime und potenziell verfängliche Informationen» zu beschaffen. Versuchte Epstein im Auftrag eines oder mehrerer Geheimdienste kompromittlierendes Material zu sammeln? Oder wollte er lediglich Gelder erpressen oder seine kompromittierten Bekannten zwingen, bei ihm zu investieren?

Sicher ist nur eines: Der Skandal um Jeffrey Epstein wird für Überraschungen sorgen, sein Adressbuch womöglich als Leitfaden für brisante Ermittlungen dienen.