2016-08-24 14:18

«Es spielen sich schreckliche Szenen ab»

Liveblog

Korrespondent Oliver Meiler ist für Tagesanzeiger.ch/Newsnet im Katastrophengebiet und berichtet von seinen Erlebnissen.

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Ein Erdbeben der Stärke 6,1 hat in der Nacht auf heute das Zentrum Italiens erschüttert. In weiten Teilen Mittelitaliens war es zu spüren, ja sogar noch in der Hauptstadt Rom.

«Das Erdbeben reisst mich
aus dem Schlaf»

3.36 Uhr in der Nacht: In Rom wackeln für 20 bis 30 Sekunden die Wände. Die Erschütterung und der Lärm reissen mich aus dem Schlaf. Da ahne ich noch nicht, welches Ausmass dieses Erdbeben wirklich hat.

«Strassen und Tunnels
sind zerstört»

Am frühen Morgen steige ich ins Auto und mache mich auf den Weg zum Katastrophengebiet. Im Radio höre ich, dass Strassen und Tunnels zerstört sind, die zu den stark betroffenen Dörfern führen. Die Gemeinden sind relativ hoch gelegen auf etwa 1000 Meter über Meer. Hoffentlich komme ich da hin.

«Böse Erinnerungen
kommen hoch»

Der italienische Zivilschutz (Protezione Civile) zieht bereits einen Vergleich mit den verheerenden Erdbeben in Aquila im Jahr 2009. Dramatische Erinnerungen werden wach. Damals starben 308 Menschen und die Behörden mussten etwa 67'000 Obdachlose in Zeltstädten und in Hotels an der Adriaküste vorläufig unterbringen. Insgesamt wurden bis zu 15'000 Gebäude von den Erdstössen beschädigt.

Aquila ist eine Stadt mit etwa 70'000 Einwohnern, die jetzt betroffenen Dörfern sind weitaus kleiner. Allerdings verbringen viele junge Leute aus der Region, die in grösseren Städten wie Rom arbeiten, momentan ihre Sommerferien zuhause bei den Eltern. Es könnten sich also mehr Menschen im Erdbebengebiet aufgehalten haben als üblich.

«Viele Menschen handelten geistesgegenwärtig»

Was mir Hoffnung macht: Die Menschen in der betroffenen Region sind sich solche Vorfälle gewohnt. Das nahe liegende Umbrien ist eine Erdbebenregion. Deshalb handelten wohl viele geistesgegenwärtig: Im Radio ist von Menschen die Rede, die mit Decken umhüllt aus ihren Häusern ins Freie rannten und so einer Verschüttung entkamen.

«Das Militär wurde angefordert»

Weil viele Zufahrtsstrassen verschüttet oder zerstört sind, haben die Behörden das italienische Militär angefordert. Es soll Menschen aus dem betroffenen Gebiet per Helikopter ausfliegen und in Sicherheit bringen.

«Es geht nicht mehr weiter
mit dem Auto»

6 Kilometer vor Amatrice geht es nicht mehr weiter mit dem Auto. Wegen unbefahrbarer Brücken muss ich es stehen lassen und den Rest des Weges zu Fuss bewältigen. Ich laufe zusammen mit einem Helfertross den Hügel zum Dorf hinauf.

«Die Stimmung ist apokalyptisch»

Dort angekommen, gehe ich als erstes am örtlichen Spital vorbei. Dieses wurde so stark beschädigt, dass es evakuiert werden musste. Nun werden Patienten und Verletzte des Erdbebens auf dem Parkplatz vor dem Spital verarztet.

Lage vor Ort: So zerstört präsentiert sich Amatrice nach dem Erdbeben. (Video: Oliver Meiler)

Die Stimmung ist apokalyptisch. Überall hat es riesige Schuttberge, aus denen die zahlreichen Helfer immer wieder etwas rausziehen, manchmal auch Verletzte und Opfer.

«Schreckliche Szenen
spielen sich ab»

Mit Schaufeln und Pickeln räumen die Helfer den Schutt zur Seite, in der Hoffnung auf Überlebende zu stossen. Dann werden auf einmal alle aufgefordert ruhig zu sein. Die Helfer hören die Stimme eines Verschütteten. Dieser kann geborgen werden, für viele andere aber kommt die Rettung zu spät.

Es spielen sich schreckliche Szenen ab: Tote Kinder werden auf den Armen von Polizisten weggetragen. Jugendliche, die sich auf dem Parkplatz versammelt haben, erfahren vom Tod zweier Freunde und brechen zusammen. Viele Eltern sind ausser sich, dass ihre Kinder von anwesenden Journalisten gefilmt werden. Es ist nicht einfach, mit dieser Situation umzugehen.

«Es waren mehr Menschen vor Ort als üblich»

Amatrice, wo ich mich derzeit befinde, ist eines der Dörfer, die am schwersten vom Unglück betroffen sind. Ganze Strassenzüge sind eingestürzt und auch viele historische Kirchen fielen dem Erdbeben zu Opfer. Im Sommer besuchen Tausende Touristen den Ort, aus dem die berühmten Spaghetti all'Amatriciana kommen. Nächste Woche hätte ausgerechnet ein traditionelles Volksfest gefeiert werden sollen, deshalb waren mehr Menschen vor Ort als üblich.

In Zusammenarbeit mit Yannick Wiget