2015-03-25 01:30

Ein Engel und die Finsternis

Italiens oberstes Gericht entscheidet über das Schicksal von Amanda Knox – sieben Jahre nach dem Mord von Perugia.

Amanda Knox bei einem Interview in einer TV-Sendung. Foto: Keystone

Amanda Knox bei einem Interview in einer TV-Sendung. Foto: Keystone

Ein finsteres menschliches Drama erlebt ein neues Kapitel vor Gericht, vielleicht sein letztes. Wenn heute die Richter des Römer Kassationshofs, Italiens höchster Gerichtsbarkeit, den Mordfall von Perugia verhandeln, zum zweiten Mal schon, dann schaut wieder die halbe Welt nach Italien.

Selten hat ein Fall der «Cronaca nera», wie die Italiener diese Kategorie morbider Kriminalfälle nennen, mehr internationale Aufmerksamkeit erfahren als der Mord an der englischen Studentin Meredith Kercher am 1. November 2007 im umbrischen Perugia. Die Polizei fand sie halb nackt in ihrem abgeschlossenen Zimmer, mit durchschnittener Kehle. War es ein Sexualverbrechen? Oder ein Überfallsmord? Vielleicht das tragische Ende eines Streits unter Studentinnen über ein schmutziges Badezimmer? In dieser Geschichte vermischt sich das Halbwissen aus umstrittenen Ermittlungen mit Voyeurismus und dunkler Fantasie. Befeuert werden die Thesen von Sensationsblättern, von abenteuerlichen Debatten in den sozialen Medien, von PR-Kampagnen – in drei Ländern. Und alle Aufregung lebte immer vom schönen, ja «engelhaften» Gesicht einer jungen US-Amerikanern, Amanda Knox, die mit ihrem Auftreten den Fall überstrahlte. Ist der Engel eine Mörderin?

Es kann sein, dass die Römer Richter nun ein definitives Urteil in diesem Fall sprechen werden. Bestätigen sie den Schuldspruch der zweiten Instanz, dann müsste Knox für 28 ½ Jahre ins Gefängnis. Italiens Regierung könnte dann die US-Behörden zur Auslieferung von Knox auffordern. Würde sich Washington weigern, wäre das Stoff für eine diplomatische Verstimmung. Sollte man in den USA jedoch zur Meinung gelangen, der Antrag aus Rom sei statthaft, dann müsste Knox dahin zurück, wohin sie einmal schwor, nie zurückzukehren – nach Italien eben. Die hohen Richter könnten den Schuldspruch aber auch kassieren, wenn sie finden, das Beweismaterial gegen Knox und deren früheren Freund Raffaele Sollecito, der zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde, reiche für eine Verurteilung nicht aus. Oder sie könnten das Dossier erneut zur Verhandlung an eine tiefere Gerichts­ebene weitergeben. Das Drama ginge weiter.

4 Millionen für Memoiren

Knox ist nun 27 Jahre alt. Vier davon hat sie in einem italienischen Gefängnis verbracht, bevor sie 2011 zwischenzeitlich freigesprochen wurde und das Land fluchtartig verliess. Seither lebt sie in Seattle, ihrer Heimatstadt. Sie arbeitet als Reporterin. Ab und zu stellen ihr noch Paparazzi nach, deren Fotos dann in den britischen Tabloids erscheinen. Für das Schreiben ihrer Memoiren soll sie vom Verlag eine Vorausbezahlung von 4 Millionen Dollar erhalten haben. Knox ist verlobt mit einem Musiker, den sie seit der Jugend kennt. Sie wollen heiraten, Kinder kriegen. Sagt Knox. In Italien verdächtigen sie die junge Frau, dass sie nach Motiven suche, um sich der Haft zu entziehen. Man verzeiht ihr nicht, dass sie die Professionalität der heimischen Justiz hinterfragt. Das tun die Italiener zwar selber auch. Doch das ist etwas anderes. Ähnlich schlecht ist Knox’ Image in England. Es spielt da wohl ein patriotischer Reflex, genährt vom Boulevard und von der Empathie für die trauernde Familie. Knox’ angebliche Kälte nach dem Tod ihrer WG-Partnerin machte sie in der pauschalen Wahrnehmung zum gefühllosen Monster. Daran änderte auch das Teilgeständnis des jungen Rudy Guede nichts, eines psychisch verwirrten Mannes, damals 21, der in den Wochen vor dem Mord mehrere Wohnungen überfallen hatte und zur Tatzeit am Tatort war. Guede wurde verurteilt. Doch wo waren Knox und ihr Freund Sollecito zur Tatzeit?

Zur Verhandlung wird nur Sollecito erscheinen, der Ingenieur aus Apulien. Auch er hat ein Buch geschrieben. Es handelt vom «Weg in die Hölle und zurück», den er mit Knox erlebt habe. Ein Weg mit vielen Etappen – und offenem Ausgang.