2017-10-21 00:09

Die Sprache ist mitschuldig

Der Fall Weinstein zeigt: Unsere Art zu reden, verfestigt frauenfeindliche Vorstellungen.

Harvey Weinstein an der Premiere von «Blue Valentine» in London. Bild: Getty Images

Harvey Weinstein an der Premiere von «Blue Valentine» in London. Bild: Getty Images

Vielleicht gibt es gerade kein wichtigeres Thema als Sprache. Der Fall Weinstein hat eine Debatte losgetreten über Strukturen und Systeme, in denen Frauen ausgenutzt, diskriminiert, missbraucht werden. Dazu gehört auch die Sprache.

Die Art und Weise, wie wir sprechen, prägt unsere Sichtweise auf die Welt, die Muster, in denen wir denken und wahrnehmen. Sprache schafft – das ist eine Phrase, aber trotzdem wahr – Bilder im Kopf, sie liefert einen Rahmen, in dem wir unsere Meinungen entwickeln. Wer immer wieder vom «Flüchtlingsstrom» hört, wird bald das Gefühl bekommen, «überschwemmt» zu werden. Sprache schafft gesellschaftliche Realität. So ist es auch im Fall Weinstein.

«Sex-Skandal» klingt nach Abenteuer

Wie wir als Gesellschaft über sexuelle Gewalt reden, trägt einen gewichtigen Teil zu den frauenfeindlichen Strukturen bei. Man kann das gerade sehr gut in der medialen Berichterstattung nachspüren. In vielen Texten ist die Rede von einem «Sex-Skandal». Weinstein wird als «Sex-Täter» beschrieben, seine Übergriffe als «Sex-Attacken». Dadurch, dass die Gewalt in die Sphäre der Sexualität gezogen wird, erhält sie eine animalische, urtriebhafte Komponente. Anstatt mit der harten Realität von Missbrauch zu konfrontieren, zieht einen der Begriff «Sex-Skandal» in den Kosmos der seichten Unterhaltung, des Voyeurismus. Das Wort «Sex-Skandal» klingt nach Zwielicht, nach Begierde und Verlangen, nach Triebbefriedigung, nach einem natürlichen Bedürfnis, das gestillt wird. Als ob es hier um einen Mann ginge, der sich nun einmal einfach schlecht im Griff hätte. Der einer Sucht nachgeben würde.

Was «Sex-Skandal» nicht heisst, ist: Gewalt. Weinstein sei jetzt in einer «Sex-Reha-Klinik», schreibt die deutsche «Bild»-Zeitung. Ihren Text betitelt sie mit der Überschrift: «Wird Hollywood jetzt keusch?» Als wäre die Abwesenheit von sexueller Gewalt gleich Keuschheit.

Gewalt geht meist von Männern aus

Die Frage der «Bild»-Zeitung untermauert das Klischeebild von der lockeren Filmstadt, in der junge, hübsche Frauen nur alten, reichen Männern gefallen müssen, um sozial aufsteigen zu können. Am Ende geht es nicht mehr um Gewalt, sondern um Sex, der meist einvernehmlich abläuft – und nur im Sonderfall nicht. Aber Sexismus hat nichts mit Sex zu tun.

Sexismus, das ist der Triumph alter Rollenmuster über den Fortschritt; Rollenmuster vom starken und schwachen Geschlecht. Vom sexuell aktiven Mann, der die sexuell passive Frau erst überwältigen muss. Was zu einem weiteren Problem mit der Art führt, wie wir über sexuelle Gewalt sprechen. Es geht dabei um die Opferrolle und das kleine, aber sehr bedeutende Wörtchen «gegen».

Wenn wir von sexueller Gewalt «gegen» Frauen sprechen, dann lässt die Formulierung diese Gewalt als etwas erscheinen, das aus dem Nichts auftaucht und wie ein böses Schicksal über die Frauen hereinbricht. Die Formulierung «Gewalt gegen Frauen» macht sexuelle Übergriffe und Diskriminierung zu einem Frauenproblem. Ein Problem, das Männer nichts angeht. Das ist falsch. Denn sexuelle Gewalt ist sehr wohl ein Männerproblem. Weil Gewalt gegen Frauen meist Gewalt von Männern ist. Weil überhaupt Gewalt meist von Männern ausgeht. Nicht nur gegen Frauen. Auch gegen andere Männer, gegen Kinder, gegen sich selbst.

Endlich über die Männer reden

«Gewalt gegen Frauen» greift erst dann, wenn es schon geknallt hat. Die Formulierung «Gewalt von Männern» hingegen hat die Chance, deren Entstehung und ihre Auslöser zu ergründen. Denn Gewalt gegen Frauen fängt im Mann selbst an. Sie ist das Resultat eines überkommenen Verständnisses von Männlichkeit. Eine gesellschaftliche Prägung, die Männer lehrt, ihre Gefühle zu unterdrücken. Und die Gewalt als zentralen Teil des Mannseins akzeptiert. Gewalt gegen andere, in der Kneipenschlägerei, im Krieg. Und gegen sich selbst, im männlichen Ideal des Mutes.

Die britische Schauspielerin Emma Thompson beschrieb auf der BBC ein System der Belästigung, der Entwürdigung und der Schikane. Ein System, für das Harvey Weinstein steht, das aber nicht bei ihm aufhört und nicht bei ihm begonnen hat. «Wir müssen», sagt Thompson, «über die Krise der extremen Männlichkeit reden.»

Die Art und Weise, wie in unserer Gesellschaft über sexuelle Gewalt gesprochen wird, entlässt Männer aus der Verantwortung. Weil sich die Debatte immer wieder auf die Opferrolle der Frau fixiert. Das sorgt dafür, dass sich frauenfeindliche Strukturen in den Köpfen und in der Welt erhalten. Und dafür, dass wir hier immer noch über Frauen reden. Und nicht über Männer.