2019-07-12 07:45

Schatten fallen über den Rasen

Federer gegen Nadal. In Wimbledon. Wohl zum letzten Mal. Kann Tennis mehr sein als Tennis?

Gilt vielen als bestes Tennisspiel der Geschichte: Federer gratuliert Nadal. (6. Juli 2008). Foto: Getty Images

Gilt vielen als bestes Tennisspiel der Geschichte: Federer gratuliert Nadal. (6. Juli 2008). Foto: Getty Images

Zu später Stunde, in den Korridoren des All England Club – Wimbledon lag in Dunkelheit, die Krone war verloren – fiel er in die Arme von Mephisto. Der Bösewicht der Tour, diesmal als Interviewer fürs Fernsehen da, sagte zu Roger Federer: «Give me a hug.» Und Roger Federer umarmte John McEnroe und weinte.

Eben hatte Federer den Final gegen Rafael Nadal verloren. 4:6, 4:6, 7:6, 7:6, 7:9. Das Resultat lässt das Gerüst des Dramas erkennen. Rücklage, Aufbäumen, Sturz. Dazwischen der Stoff, knapp fünf Stunden Tennis, das kaum zu fassen war: Schläge, die sich gerade noch auf die Linie bogen, unwahrscheinliche Winkel, schwerelose Beine.

Viel ist über Federer und Nadal geschrieben worden. Ein Buch sogar über diesen einen Wimbledon-Match von 2008, «Strokes of Genius» von Jon Wertheim. Der Journalist glaubt, dass Federer ein psychologisches Handicap hatte: weil er früher als Nadal begriffen habe, dass er hier in einem Klassiker mitspielte.

Ästhet Federer im Wimbledon-Final 2008. Foto: Getty Images

Das Spiel schien im Minutentakt Allegorien, Metaphern und Symbole hervorzubringen. Als Federer im fünften Satz eine Vorhand übel verschlug und so Nadal das entscheidende Break ermöglichte, sah Wertheim den gesamten restlichen Match aufleuchten: Sonst wars brillant gewesen. Ein Effekt, vergleichbar mit der kleinen Unschärfe in einem sonst perfekten Haiku-Gedicht. Spätestens seit diesem Match ist jeder Federer-Nadal-Match geschichtsträchtig. Selbstverständlich auch diesen Freitag. Dass Federer (37) und Nadal (33) hier nochmals aufeinandertreffen, ist unwahrscheinlich.

Kann Tennis grösser sein als Tennis? Die Gegenüberstellung von Federer und Nadal lebt von ihrer unwahrscheinlichen, oft und gern betonten Andersartigkeit. Hier der Ästhet, dessen Rückhand grazil wirkt wie eine Zeichnung von Klimt, drüben das schnaufende Muskeltier. Apollon versus Dionysos, Dandy gegen Proletarier. Der Spanier, neben dem Platz schüchtern und freundlich, bejaht das bullige Image, wählte den spanischen Stier zum Markenzeichen – Frontalansicht, versteht sich. Federer andererseits liebt das gute Leben und die teure Uhr und den fancy Auftritt.

Muskeltier Nadal im Wimbledon-Final 2008. Foto: Getty Images

Was kann es bedeuten, wenn Federer gegen Nadal gewinnt oder verliert – und seis nur einen einzigen, wichtigen Punkt? Geht es darum, dass uns ein «Federer-Moment» geschenkt oder gestohlen wird, wie Schriftsteller David Foster Wallace jene Szenen nannte, in denen der Schweizer das Spiel zu transzendieren schien? Geht es darum, dass wir in Federers Spiel, das vielfältiger ist als das jedes anderen Spielers, das Tennisspiel als solches in seiner Vollkommenheit erahnen oder sogar sehen?

Oder sehen wir in Federer-Siegen seltene Triumphe des Feinsinnigen über das Grobe, in Federer einen Rächer für Pausenplatzprügel und eingesteckte Ellbogen? Führen uns, vice versa, die von der Grundlinie aus herausgehauenen Nadal-Siege den Darwinismus des Lebens vor Augen?

Geht es bei der Federer-Manie um Eleganz, die über die Arbeit triumphiert? Falls ja: Müsste nicht just dies den Büezern, die für Federer fanen, suspekt vorkommen? Vielleicht ist die Federer-Begeisterung halt doch nur ein weiterer Beweis für die Strahlkraft des Schweizer Wappens, das auf der Anzeigetafel aufscheint.

Der letzte Punkt des Finals, eben gespielt. Foto: Getty Images

Wimbledon 2008 bleibt als Schock in Erinnerung. Etwas Gewohntes und Alltägliches war nicht eingetroffen, so wie spätere Federer-Siege von Nadal-Fans nicht mehr erwartet wurden.

Womöglich lässt sich die sportlich so reizvolle Federer-Nadal-Affiche für die Philosophie doch noch retten: als Erinnerung an die totale Unvorhersehbarkeit von allem.

Roger Federer vs. Rafael Nadal, Wimbledon-Halbfinal, Freitagnachmittag. Liveticker auf dieser Website.

McEnroe und Federer, nach dem Match. Video: Youtube