2016-01-15 10:53

«Charlie Hebdo» treibt es auf die Spitze

Darf man den toten Flüchtlingsbuben Aylan für eine Satire nutzen? «Charlie Hebdo» dreht die Spirale der Provokation weiter.

«Was wäre aus dem kleinen Aylan geworden, wenn er gross geworden wäre?»: «Charlie Hebdo» geht aufs Ganze. Zeichnung: «Charlie Hebdo»

«Was wäre aus dem kleinen Aylan geworden, wenn er gross geworden wäre?»: «Charlie Hebdo» geht aufs Ganze. Zeichnung: «Charlie Hebdo»

  • Martina Meister Paris

Provokation ist Prinzip bei der französischen Satirezeitschrift «Charlie Hebdo». «Charlie muss dort sein, wo die anderen sich nicht hintrauen.» Mit diesem Satz reagierte Chefredakteur Riss, mit bürgerlichen Namen Laurent Sourriseau, auf die scharfe Kritik an seiner Titelzeichnung der Jahresausgabe des Attentats, die einen eindeutig christlichen Gott als Mörder zeigte.

Diese Woche ist Riss dort hingegangen, wo sich endgültig niemand mehr hintraut. In der Rubrik «Flüchtlinge» zeigt er einen schweinsgesichtigen Mann, der einer Frau hinterherjagt. Überschrift: «Was wäre aus dem kleinen Aylan geworden, wenn er gross geworden wäre?» Die Antwort lautet: «Arschgrabscher in Deutschland.»

Die Provokation funktioniert, der Schock sitzt tief. Um unmissverständlich zu machen, um wen es sich handelt, ist oben in der Zeichnung ein Medaillon eingeblendet, das die Leiche des dreijährigen Aylan Kurdi zeigt, angespült an der türkischen Küste in der Nähe Bodrums.

Doppelbödig und extrem verletzend

Das Foto des toten Aylan, das im September um die Welt ging, hatte die Menschen tief berührt. Viele fanden es geschmacklos, aber man konnte gute Argumente dafür finden, warum es veröffentlicht werden musste. Im Falle der Karikatur von Riss ist die Lage anders. Wer «Charlie Hebdo» und seinen Humor zu entziffern vermag, der weiss zwar, wie sie gemeint ist: als eine Kritik an Teilen unserer Gesellschaft, die gerne alle über einen Kamm scheren und nach den Ereignissen der Kölner Silvesternacht aus allen Flüchtlingen Vergewaltiger machen.

Sie ist also doppelbödig, aber zugleich extrem verletzend, weil sie mit einem toten Kind spielt. Als «geschmacklos», «rücksichtslos», «zum Kotzen» und «unmenschlich» wurde die Karikatur auf den sozialen Netzwerken bezeichnet. Manche schreiben auch nur: «Je ne suis pas Charlie».

Die Tante des kleinen Aylan, die in Kanada Asyl gefunden hat, reagierte angewidert: «Ich hoffe, die Leute respektieren den Schmerz unserer Familie», sagte Tima Kurdi CBC news, «wir sind seit dieser Tragödie nicht mehr dieselben. Wir versuchen, ein wenig zu vergessen und mit unserem Leben voranzuschreiten. Uns wieder zu verletzen, ist einfach nicht fair.»

Während in der amerikanischen und britischen Presse der Aufschrei gross ist, beschränkt sich die Kritik in Frankreich bislang auf die sozialen Netzwerke. Die französischen Zeitungen berichten sachlich. Aber es wird sicher nicht lange dauern, bis die neuerliche Provokation von «Charlie Hebdo» die Meinungsspalten und Leitartikel füllt und die Frage nährt: «Wie weit darf man gehen, was darf eine Karikatur?» «Die Mannschaft von ‹Charlie Hebdo› wird jetzt offen rassistisch», urteilt beispielsweise der britische Journalist Nicolas Kayser-Bril in einem Tweet. «Es ist meiner Ansicht nach sehr wahrscheinlich, dass ‹Charlie Hebdo› keine feindlichen Gefühle gegenüber Flüchtlingen unterstützt, sondern sie satirisch karikiert», gibt wiederum ein Kollege des amerikanischen Onlinemagazins «Vox» zu bedenken.

Rassismus oder Anti-Rassismus, das ist hier die Frage. Bereits im September wurde über eine Aylan-Karikatur von Riss gestritten. Sie zeigt den toten Jungen angespült am Strand daneben ein Schild von McDonald's: «Zwei Kindermenüs zum Preis von einem.» Unterzeile: «So nah am Ziel.» Als es Kritik hagelte, veröffentlichte der Zeichner Luz eine Karikatur mit dem Titel «Die Satire erklärt für Idioten». Und die Zeichnerin Coco gestand in einem Interview, sich «köstlich darüber amüsiert» zu haben: «Es zeigt unsere unvollkommene Welt, die in den Augen der Flüchtlinge dennoch ein Paradies ist.» Aber die Menschen, die «Charlie Hebdo» erst seit den Attentaten lesen, würden diesen Humor oft nicht kennen und verstehen.

Trotz des Weltruhms versucht die dezimierte Mannschaft, dem Prinzip des bissigen, rücksichtslosen Humors treu zu bleiben. Sie wollen zum Nachdenken anregen. Die Freiheit von «Charlie Hebdo» hat noch nie da aufgehört, wo die Gefühle anderer begannen.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet