2016-08-10 17:43

B-Side

Die Fäuste fliegen. Und genau das ist das Problem.

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(Bild: Urs Jaudas)

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Ohne Kopfschutz an die Olympischen Spiele in Rio
Erstmals werden an Olympischen Sommerspielen nicht nur Amateurboxer zugelassen, sondern auch Profis. Damit gleicht sich das Boxen allen anderen Sportarten an – Boxen war die letzte Sportart, die diese Einschränkung machte. Im Tennis zum Beispiel wird mit Novak Djokovic in Rio einer der momentan bestverdienenden Sportler der Welt aufspielen. Doch auch Regeln wurden geändert: Zum ersten Mal an Olympischen Spielen tragen die Boxer keinen Kopfschutz mehr.

Was man nicht zu wissen braucht
Profis dürfen in Rio auch nur drei Runden kämpfen
Obwohl Amateure und Profis erstmals an Olympischen Spielen gemeinsam antreten dürfen, gibt es Unterschiede zwischen Amateurboxen und Profiboxen. Amateure boxen dreimal drei Minuten (Frauen viermal zwei Minuten) – bei Profikämpfen wird die Rundenzahl festgelegt, normalerweise sind es ­zwischen drei und zwölf Runden à je drei Minuten. Bei den Olympischen Spielen in Brasilien treten die Boxer über drei dreiminütige Runden an. Übernommen wird in Rio dagegen das Wertungssystem der Profis. Drei Kampfrichter werten nach jeder Runde unabhängig voneinander die beiden Boxer, der Sieger erhält zehn Punkte, der Verlierer neun. Beim Amateurboxen ­haben bis vor kurzem die Anzahl der Treffer über Sieg oder Niederlage ­entschieden (oder das K. o.), die Richter ­bewerteten innert einer Sekunde jeden Schlag. Heute ist auch beim Amateur­boxen das Kampfverhalten in den Vordergrund gerückt.

Gschpürsch mi
Boxer sagen, was andere nicht mal denken können
Im Gegensatz zu Tennisspielern und Fussballern erscheinen Boxer mit ihren Statements als philosophische Poeten – Muhammad Ali gilt gar als früher Rapper. Der irische Federgewichtschampion Barry McGuigan wurde einmal gefragt, warum er Boxer sei. Seine Antwort: «Weil ich kein Dichter bin. Ich kann keine Geschichten erzählen.» Der ehemalige Schwergewichtsweltmeister Joe Frazier sagte: «Ich will meinen Gegner nicht k. o. schlagen. Ich will ihn treffen, beiseitegehen und zusehen, wie er leidet. Ich will sein Herz.» Unvorstellbar, dass Federer oder Shaqiri je so etwas über ihre Sportart sagen könnten.

Was man nicht zu wissen braucht
Ganz leicht ist ein Leichtgewicht nicht
Im olympischen Boxen gibt es bei den Männern zehn Gewichtsklassen (siehe Liste), bei den Frauen sind nur die Gewichtsklassen bis 51, bis 60 und bis 75 Kilogramm olympisch. Beim Profiboxen sind die Gewichtsklassen von Organisation zu Organisation unterschiedlich.

Halbfliegengewicht 46 bis 49 kg Fliegengewicht bis 52 kg Bantamgewicht bis 56 kg Leichtgewicht bis 60 kg Halbweltergewicht bis 64 kg Weltergewicht bis 69 kg Mittelgewicht bis 75 kg Halbschwergewicht bis 81 kg Schwergewicht bis 91 kg Superschwergewicht ab 91 kg

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Die beliebteste passive Sportart
Der Boxsport hat eine aussergewöhnliche Eigenheit: Er ist enorm populär, obwohl kaum jemand die Sportart je ausprobiert hat. Die Einschaltquoten im Fernsehen sind bei Profikämpfen hoch, Muhammad Ali gehört zu den bekanntesten Personen des Sports überhaupt. Boxen ist so lange eine sehr beliebte Sportart, bis der Sportinteressierte selber in den Ring steigen und den Kopf hinhalten muss. Nur wenige trainieren die Sportart oder haben sie je wettkampfmässig betrieben – im Gegensatz zu Fussball, Leichtathletik oder Schwimmen, die im Schulsportunterricht zum Alltag gehören. Aktives Boxen ist in der Schweiz eine Randsportart. Es gibt nur wenige Hundert lizenzierte Boxerinnen und Boxer.

Gut zu wissen
Der längste Kampf dauerte über sieben Stunden
Der Kampf zwischen Andy Bowen und Jack Burke vom 6. April 1893 in New Orleans ging als längster in die Geschichte ein: Die beiden boxten 111 Runden ge­geneinander, bis der Schiedsrichter den Kampf abbrechen musste, weil die Boxer nicht mehr konnten. 7 Stunden und 19 Minuten waren sie im Ring gestanden, Burke hatte Knochen in beiden Händen gebrochen. Bowen starb später bei einem Kampf gegen «Kid» Lavigne. Er überlebte den Schädelbruch nicht, den er sich nach dem K.-o.-Schlag beim Fallen auf den Holzboden zugezogen hatte. Im Boxen hatte der Schmied und Baumwollpflücker die Chance gesehen, mehr aus seinem Leben zu machen. Lavigne wurde wegen Verdachts auf Totschlag verhört, aber nicht verurteilt.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet