2019-06-12 09:59

«Wir haben das Unmögliche erreicht»

Aktivisten zwingen Russlands Regierung in Sachen Iwan Golunow in die Knie. Wie kam es, was bisher für unmöglich gehalten wurde?

Grosse Solidarität für den inhaftierten Journalisten: Eine Frau hält in Moskau ein Protestschild hoch. (Keystone/Dimitri Serebrjakow/7. Juni 2019)

Grosse Solidarität für den inhaftierten Journalisten: Eine Frau hält in Moskau ein Protestschild hoch. (Keystone/Dimitri Serebrjakow/7. Juni 2019)

  • Silke Bigalke

Am Mittwoch wollten sie in Moskau für die Freiheit auf die Strasse gehen, auch wenn sie damit Gefängnis riskierten. Es sollte ein Solidaritätsmarsch werden für Iwan Golunow. Der Veranstalter riet, Zeitungen mitzubringen und Artikel des Journalisten. Fast 9000 Teilnehmer meldeten sich bei Facebook an, doch die Behörden hatten die Aktion nicht genehmigt, warnten vor Konsequenzen.

Dann wurde der Druck offenbar zu gross: Am Dienstagabend erklärte Innenminister Wladimir Kolokolzew, Golunow freizulassen. Er forderte, die Verantwortlichen für die Festnahme zu entlassen. Die Kundgebung wurde abgesagt. «Wir haben alle zusammen das Unmögliche erreicht», schrieb Galina Timtschenko in einer Erklärung mit vier anderen prominenten Journalisten. Sie leitet das russische Onlineportal Meduza, für das Golunow schreibt. «Wir sind froh, dass die Behörden die Gesellschaft gehört haben.» Sie planen weiterhin eine öffentliche Aktion, irgendwann in den nächsten Tagen.

Die Solidarität mit Iwan Golunow seit der Festnahme am Donnerstag war beispiellos gewesen, das Thema sehr wohl ein politisches. Golunow hat sich bei seinen investigativen Recherchen vor allem mit Korruption beschäftigt. Er selbst vermutet, dass ihn eine Recherche zum zwielichtigen Bestattungsgeschäft auf die Anklagebank brachte. Offiziell wurde er verhaftet, weil die Polizei angeblich Drogen bei ihm gefunden hat. Er wäre nicht der erste, dem Rauschmittel untergeschoben werden, um ihn aus dem Verkehr zu ziehen.

«Wir sind Iwan Golunow»: Der freigelassene Journalist und sein treuer Hund. (Keystone/Alexander Zemlianitschenko/11. Juni 2019)

Selten aber führt das zu derart heftiger Gegenwehr. Seit Freitagabend standen Unterstützer vor der Behörde für Inneres in Moskau Schlange, um einer nach dem anderem Protestschilder hochzuheben, denn nur Ein-Personen-Demos sind ohne Anmeldung erlaubt. Einen der Solidaritätssprüche nahmen am Montag drei führende Zeitungen des Landes, der Kommersant, Wedomosti und RBK, einheitlich auf ihre Titelseiten: «Ich bin/Wir sind Iwan Golunow».

Eine Online-Petition sammelte 178'000 Unterschriften

Die Aktion ist so einmalig, dass die Zeitungen innerhalb kurzer Zeit ausverkauft waren und nun auf Onlineportalen für mehrere hundert Euro angeboten werden. In einer gemeinsamen Erklärung stellten die Tageszeitungen die Ermittlungen in Frage, RBK widmete dem Fall fünf Seiten. Wedomosti zitierte prominente Unterstützer, etwa den Musiker Boris Grebenschtschikow: «Ich möchte auf Russland stolz sein und das, was jetzt passiert, ist eine Schande.»

Eine Online-Petition, die Golunows Freilassung forderte, sammelte bis Dienstag 178'000 Unterschriften. «In den letzten Tagen stellte sich heraus, dass die öffentliche Meinung in Russland auch eine Stimme hat», sagte der Politologe Walerij Solowej dem TV-Sender Doschd am Montag, «sie kann etwas bewirken.»

Bereits am Samstag war Iwan Golunow in den Hausarrest verlegt worden, ein erstes Einlenken. Alle Drogentests waren negativ, die Rauschgift-Fotos nicht wie behauptet in seiner Wohnung entstanden. Er wurde offenbar geschlagen, Ärzte stellten eine Gehirnerschütterung fest. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow räumte am Montag ein, die Ermittlungen würfen Fragen auf. Diese werden mit der Freilassung sicher nicht aufhören.