2019-05-09 23:26

Voller Einsatz für die Emanzipation

Marlène Schiappa, die starke Frau in Macrons Kabinett, kämpft für die Gleichberechtigung in Frankreich.

Hat zu Hause brav alle feministischen Grundsatzschriften gelesen: Marlène Schiappa. Foto: Keystone

Hat zu Hause brav alle feministischen Grundsatzschriften gelesen: Marlène Schiappa. Foto: Keystone

  • Nadia Pantel

  • Paris

Marlène Schiappa gehört zu den Menschen, die von sich selbst sagen, dass es für sie weder Urlaub noch Wochenende gebe. Sie war 34 Jahre alt, als Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sie 2017 zur Staatssekretärin für die Gleichstellung der Geschlechter machte. «Die Leute dachten, da kommt eine junge Frau ohne Erfahrung, dabei arbeite ich seit mehr als zehn Jahren wie eine Verrückte.»

Nun, zwei Jahre später, ist Schiappa deutlich bekannter als die meisten Minister der Regierung Macron. Das liegt weniger daran, dass Macron die Gleichstellung der Geschlechter zu einem der zentralen Anliegen seiner Amtszeit erklärt hat, als daran, dass Schiappa sich lautstark in alle Debatten des Landes einmischt. In dieser Woche empfängt sie Gleichstellungsbeauftragte aus der ganzen Welt, um das Treffen der G7 im August in Biarritz vorzubereiten. Schiappa fährt mit den Gästen in die Banlieue und besucht Unternehmerinnen. Ein Programm, das zu ihr passt und zu Macron: Arbeit als Motor der Emanzipation.

Schiappa ist die Älteste von drei Töchtern und wächst in einer Sozialwohnung im Pariser Norden auf, im Einwandererviertel Belleville. Der Vater ist ein linker Historiker, der so oft von Trotzki spricht, dass die junge Schiappa diesen für einen Freund der Familie hält und fragt, wann Trotzki zum Essen vorbeikomme. Die Mutter ist Lehrerin. Zu Hause fehlt es an Geld, aber nie an Diskussionsstoff. Schiappa geht mit auf Demonstrationen – und früh ihren eigenen Weg. Mit 17 bewirbt sie sich bei der Polizei (und macht dann doch einen Rückzieher), mit 19 heiratet sie und lässt sich nur ein paar Wochen später wieder scheiden. Mit 23 bekommt sie ihre erste Tochter.

Bis heute gehört Schiappa stets zu den Allerersten, die für den Präsidenten in die Bresche springen.

Zu Hause hat sie brav alle feministischen Grundsatzschriften von Simone de Beauvoir bis Virginia Woolf gelesen. Nun stellt sie fest, dass die Theorie einer Frau wenig hilft, wenn in der Praxis der Krippenplatz fehlt und im Job alle Meetings auf 18 Uhr gelegt werden, wenn die Tagesmutter Feierabend macht. Sie kündigt ihren Job in einer Werbeagentur und beginnt einen Blog für arbeitende Mütter. Tausende lesen «Maman travaille». Ihren Abschluss in Kommunikationswissenschaft macht sie in Abendkursen, parallel schreibt sie Romane, Sachbücher und auch Erotikhefte. Als sie 32 Jahre alt ist, überzeugt der sozialistische Bürgermeister von Le Mans sie, in die Politik zu gehen. 2017 schliesst sie sich Macron an und unterstützt seine Präsidentschaftskampagne.

Bis heute gehört Schiappa stets zu den Allerersten, die für den Präsidenten in die Bresche springen. Der lohnt ihr die Loyalität eher mit Worten als mit Taten. Ihr Budget für Fragen der Gleichstellung beträgt 0,0007 Prozent des Gesamthaushalts. Trotzdem nennt sich Macron einen «spät bekehrten Feministen».

Konservative fürchten um «französische Galanterie»

Schiappas bislang grösster Erfolg ist ein Gesetz gegen sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum. Innerhalb von acht Monaten wurden laut der Staatssekretärin 450 Strafen vollstreckt.

Wie beinahe alles, was sie tut, ist auch dieses Gesetz umstritten. Konservative fürchten um die «französische Galanterie». Dabei ist Schiappa in ihrem ultrafemininen Auftreten der beste Beweis dafür, dass Gleichstellung der Geschlechter etwas völlig anderes ist als das Gleichmachen der Geschlechter.