2019-11-17 17:04

Trumps Slapstick-Präsidentschaft

Von einem Höhepunkt zum nächsten: Die Ukraineaffäre steigert den Unterhaltungswert von Donald Trumps Präsidentschaft.

US-Präsident Donald Trump hält am Freitag im Roosevelt Room im Weissen Haus eine Rede. (15. November 2019) Bild: Zach Gibson/Getty Images

US-Präsident Donald Trump hält am Freitag im Roosevelt Room im Weissen Haus eine Rede. (15. November 2019) Bild: Zach Gibson/Getty Images

Der Mann hat eine laute Stimme. Er dröhnt derart, dass Gordon Sondland, US-Botschafter bei der EU in Brüssel, sein Handy vom Ohr weghalten musste. Am anderen Ende war Donald Trump. Sondland sass beim Lunch in einem Restaurant in Kiew, begleitet von drei Diplomaten der US-Botschaft.

Weil Trump so laut sprach, konnte das Trio mithören, was er sagte. Trump erkundigte sich bei Sondland nach dem Stand der ukrainischen Ermittlungen gegen Joe Biden und dessen Sohn Hunter. Präsident Wolodimir Selenski «liebt ihren Arsch», sagte Sondland zu Trump. Was genau er damit meinte, ist unklar.

Jedoch hatte das Gespräch Konsequenzen: Am Freitag wiederholte David Holmes, einer der drei US-Diplomaten beim Mittagstisch in Kiew, den Inhalt des mitgehörten Telefonats vor dem Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses – und torpedierte damit die republikanischen Behauptungen, die ganze Ukraineaffäre basiere lediglich auf «Hörensagen». Denn Trump war plötzlich mittendrin, nur weil er so laut spricht und Botschafter Sondland extrem fahrlässig handelte. Wahrscheinlich hörten die Russen das Telefonat ebenfalls mit. Sie sind gut sortiert in Kiew.

Mann fürs Grobe seit einem halben Jahrhundert

Der Vorgang beschreibt anschaulich den Slapstick-Charakter der Trump-Präsidentschaft: Hier ein Gag, dort ein absurder Moment, stets begleitet von den herzhaften Tweets des Hauptdarstellers.

Auch beim Schuldspruch gegen den langjährigen Trump-Vertrauten und republikanischen Hansdampf Roger Stone spielte ein mitgehörtes Telefonat eine Rolle. Er wurde am Freitag wegen Meineids und Zeugenbeeinflussung verurteilt, unter anderem auch deshalb, weil ein Zeuge mitgehört hatte, wie sich Trump im Sommer 2016 am Telefon mit Stone über die Wikileaks-Veröffentlichung gehackter demokratischer E-Mails unterhalten hatte.

Dass Trump ein solches Telefonat nach einer schriftlichen Anfrage des Russland-Sonderermittlers Robert Mueller verneinte, sei nur am Rande erwähnt. Und zu Stone bliebe noch zu sagen, dass er in einem halben Jahrhundert seiner Tätigkeit als republikanischer Mann fürs Grobe sämtliche Gefahren umschifft und sogar die Nixon-Präsidentschaft unbeschadet überstanden hatte. Trump aber wurde ihm zum Verhängnis. Man wird Stone für längere Zeit aus dem Verkehr ziehen, es sei denn, Trump begnadigte ihn.

Roger Stones Schicksal müsste Gordon Sondland eigentlich eine Warnung sein. Sondland wollte hoch hinaus: 2016 hatte der Hotelier aus Oregon Trump eine Million Dollar gespendet, wofür er mit dem Posten in Brüssel belohnt wurde. Aber Sondland träumte offenbar davon, Aussenminister zu werden, weshalb sich der Hotelier als Gehilfe bei Trumps und Rudy Giulianis ukrainischem Abenteuer betätigte.

Eine Aussage «voller Scheisse»

Nach der Aussage von David Holmes wird er sich am nächsten Mittwoch neuerlich einer hochnotpeinlichen Befragung vor dem Geheimdienstausschuss unterziehen müssen. Zum dritten Mal, da Sondland beim ersten Auftritt von erheblichen Erinnerungslücken geplagt wurde, um Trump ja nicht zu belasten. Nachdem diese Lücken von anderen Zeugen ausgebessert wurden, erschien Sondland umgehend wieder vor dem Ausschuss. Sein Erinnerungsvermögen war wiederhergestellt. Andernfalls wäre womöglich eine Anklage wegen Meineids erfolgt.

Kaum aber hatte der Botschafter seine Aussagen zum Nachteil Trumps korrigiert, hämte Lindsey Graham, Senator aus South Carolina und oberster Stiefelputzer des Präsidenten im Senat, Sondlands Aussage sei «voller Scheisse» gewesen. Wahrscheinlich hätten ihm die Demokraten etwas eingeflüstert, erklärte Graham.

Jetzt muss Sondland erneut vor dem Ausschuss antanzen. Man wird ihn fragen, ob die Darstellung von David Holmes zutrifft, wonach er, Sondland, nach dem Telefonat mit Trump beim Lunch in Kiew gesagt habe, die Ukraine interessiere den Präsidenten «einen Scheissdreck». Trump interessiere sich nur für die «grossen Sachen», also für Wolodimir Selenskis Untersuchung der Verfehlungen der Bidens sowie für die Verschwörungstheorie einer ukranischen Einmischung in den US-Wahlkampf 2016 zu Gunsten der Demokraten. Selenski werde sich darum kümmern, versprach Sondland laut Holmes dem Präsidenten am Handy.

Trump hat schon mal vorsorglich erklärt, Sondland – er nannte ihn «diesen Gentleman» – nur flüchtig zu kennen. Damit dürften die Tage des Hoteliers als Amateur-Diplomat in Trumps Slapstick-Film wohl gezählt sein. Andere sind bereits vor ihm in diesem Film aufgetreten. Sie bereiteten Trump Probleme, worauf der Präsident sie über Bord warf und so tat, als sei er ihnen irgendwo zufällig begegnet.

«Ein geheimer Auftrag, wie James Bond»

So erging es auch Lev Parnas, einem Spezi von Rudy Giuliani. Vielleicht existiere ein Foto von ihm und Parnas, aber richtig bekannt sei er nicht mit ihm, log Trump, nachdem Parnas im Oktober wegen illegaler Wahlkampfspenden an die Republikaner auf dem Washingtoner Flughafen verhaftet worden war. Er befand sich auf dem Weg nach Kiew, wo er für Giuliani und Trump in der Biden-Sache wühlen sollte. Am Freitag berichtete das «Wall Street Journal», Parnas und sein Kumpan Igor Fruman hätten in Kiew an einem Erdgas-Deal gefeilt. Rudy Giuliani sei vielleicht daran beteiligt gewesen, die New Yorker Staatsanwaltschaft ermittle.

So gekränkt war Parnas von Trumps schnöder Verleugnung ihrer Beziehung, dass er nach der Festnahme prompt umfiel und laut seinem Anwalt sein Wissen preisgeben möchte. Natürlich kannte Trump ihn besser, als er jetzt zugeben will. Unter anderem traf er sich mit Parnas im Weissen Haus im Dezember 2018, wie CNN am Freitag berichtete. Parnas habe danach einem Bekannten gesagt, er habe mit dem «Big Guy» einen «geheimen Auftrag» diskutiert. «Wie James Bond», habe Parnas gesagt. Liebesgrüsse aus Kiew!

Parnas und Fruman fungieren als Laurel und Hardy in Trumps Slapstick-Präsidentschaft. Wahrscheinlich werden beide angeklagt werden und im Gefängnis landen. Wie andere vor ihnen, die sich an Donald Trump die Finger verbrannt haben.

Besorgt ums Image bei den Frauen

Trump selbst lief am Freitag zu grosser Form auf und schoss ein von den Demokraten einhellig bejubeltes Eigentor. Anlass war die Einvernahme von Botschafterin Marie Yovanovitch, die Trump im Mai aus Kiew heimzitiert hatte, weil sie ein Hindernis für die Intrigen von Parnas, Fruman, Giuliani und Sondland war. Trumps devote Parteifreunde im Geheimdienstausschuss, sonst mit Diffamierungen schnell zur Hand, hatten vereinbart, die Diplomatin mit Samthandschuhen zu behandeln. Keine Frauenfeindlichkeit, keine brutalen Attacken, nichts, was das miserable republikanische Image bei Amerikas Frauen noch mehr lädieren würde!

Der Egomane im Weissen Haus machte ihnen natürlich einen Strich durch die Rechnung. Wer schon über sechstausend Mal Widersachern und Gegnern per Twitter beleidigend nachgestellt hat, lässt sich nicht den Mund verbieten. Also twitterte Trump mitten im Auftritt der Botschafterin munter los – worauf ein neuer Skandal losbrach. «Wo immer Marie Yovanovitch gewesen ist, hat sich Schlechtes ereignet», tippte Trump. Sogar die schlimmen Zustände in Somalia, wo die Diplomatin früher gearbeitet hatte, kreidete er ihr an. Daraufhin befand Adam Schiff, der demokratische Vorsitzende des Geheimdienstausschusses, Trump habe sich der Zeugeneinschüchterung schuldig gemacht. Selbst die sonst verlässlichen medialen Haubitzen bei Fox News waren baff. Eine Moderatorin namens Lisa Kennedy sagte auf Fox Business News sogar, Trumps Yovanovitch-Tweet lasse ihn «wie ein dummes Baby aussehen». Trump wiederum revanchierte sich auf die übliche puerile Art: Er beschimpfte den Vorsitzenden Schiff in einem Tweet am Samstag als «Schitt» und behauptete, wenn «Pelosi und Schitt» ihn anklagten, werde der US-Aktienmarkt implodieren, den Amerikanern stehe eine Katastrophe ins Haus. Die aber haben die Amerikaner schon jetzt. Denn Trumps Präsidentschaft bewegt sich auf einen Punkt zu, hinter dem Schlimmes lauert. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre.