2019-06-19 10:45

Ihm folgen mehr Leute, als ihm glauben

Der ehemalige Spitzensportler OJ Simpson beginnt zu twittern – und sorgt damit für Ärger.

Die Familien seiner mutmasslichen Opfer sind erzürnt: OJ Simpson folgen auf Twitter über 200'000 Personen. Foto: PD

Die Familien seiner mutmasslichen Opfer sind erzürnt: OJ Simpson folgen auf Twitter über 200'000 Personen. Foto: PD

25 Jahre nach den beiden Morden, die er bis heute bestreitet, meldet sich OJ Simpson zurück – per Twitter. Als Erstes postete der ehemalige Spitzensportler und Schauspieler ein gemütliches Selbstinterview, in dem er ankündigte, man werde «all meine Gedanken und Ansichten über fast alles lesen können». Es gebe viele OJ-Accounts da draussen, aber nur seiner sei von ihm.

Braucht die Welt noch Ausführungen eines Prominenten, der jahrelang die Schlagzeilen dominiert hat? Das meint Simpson offenbar, und sein Kalkül scheint aufzugehen. Nur wenige Stunden nach dem Aufschalten hatte sein Tweet 52'000 Likes, und es werden täglich mehr. Ausserdem hat der 71-Jährige bereits über 200'000 Leute gefunden, die ihm folgen, das ist eine beachtliche Zahl für eine so umstrittene Figur.

Die Familien der Opfer sind ausser sich und finden es das Letzte, wie sich Simpson wieder ins Gespräch bringt. Für sie wird das Andenken an die Toten verhöhnt von einem, den sie immer noch für den Täter halten. Auch wer sich nicht mehr an den überlangen, am Fernsehen live übertragenen Prozess erinnert – zwei Bilder haben alle noch im Kopf, weil das eine so gegen ihn spricht und das andere viel zu seiner Freilassung beigetragen hat.

Nur einem Teil der Schadensersatzforderungen nachgekommen

Der eine Auftritt zeigt ihn im Juni 1994 in seinem Fluchtauto durch Beverly Hills fahren. Er hatte sein Haus in Panik verlassen und wurde von Helikoptern gefilmt, die Medien waren von Anfang an mit dabei. Nach seinem Fluchtversuch und seiner Verhaftung zweifelte niemand daran, dass er, aus rasender Eifersucht, seine ehemalige Frau Nicole Brown Simpson und ihren Freund Ron Goldman ermordet hatte.

«Ich wars nicht», sagte er und wiederholt das bis heute. Aber wer sonst, wenn nicht er? Wer ausser ihm hatte ein Motiv, wer einen solchen Hang zur Gewalt, zu Eifersuchtstiraden? Er hatte seine Frau schon früher geschlagen, er galt als cholerisch und gewalttätig. Dass er eine Tendenz zum Kriminellen hatte, zeigte sich viel später bei einem anderen Delikt: 2008 wurde OJ Simpson wegen Raubüberfall mit Geiselnahme schuldig gesprochen und musste bis zum 1. Oktober 2017 ins Gefängnis.

Dann kam der Handschuh ins Spiel, den der Mörder bei seiner Tat trug, und damit das zweite Bild, das den Prozess prägte. Der Handschuh war zu klein für Simpsons Hände. Er hob ihn 1995 vor Gericht triumphierend in die Höhe. Daraufhin schien plötzlich alles anders, zumal die Jury unter grossem Druck stand. Sollte sie einen afroamerikanischen Superstar schuldig sprechen, rechnete man mit Aufständen in den Ghettos. Erste gewalttätige Proteste hatte es schon gegeben. Die Fachleute sind sich weitgehend einig, dass auch dieser Umstand zu Simpsons Entlastung beigetragen hat.

Allerdings verlor er trotz des Freispruchs im Strafprozess vor einem Zivilgericht, das ihn 1997 zu einer Schadensersatz-Zahlung von 33,5 Millionen Dollar verurteilte. Das war möglich, weil der Freispruch im Strafprozess für das Zivilgericht nicht bindend war. OJ Simpson hat nur einen kleinen Teil der Summe tatsächlich bezahlt. Ob er das in seinen Tweets auch mal zum Thema machen wird?