2018-10-29 00:30

Die jüdische Gemeinde ins Herz getroffen

Ein Attentäter erschiesst in einer Synagoge in Pittsburgh elf Menschen. Amerikas Juden sind erschüttert – und viele fragen sich: Welche Rolle spielt das politische Klima unter Donald Trump?

Schauplatz des bisher wohl schlimmsten antisemitischen Angriffs in den USA: Trauernde vor der Synagoge in Pittsburgh. Foto: Matt Rourke (AP)

Schauplatz des bisher wohl schlimmsten antisemitischen Angriffs in den USA: Trauernde vor der Synagoge in Pittsburgh. Foto: Matt Rourke (AP)

Squirrel Hill ist ein lauschiges Viertel von Pittsburgh, es liegt auf einem Hügel, der seinen Namen von den vielen Eichhörnchen hat, nach denen die Indianer früher hier jagten. Heute ist das Quartier bekannt für seine jüdischen Geschäfte, Restaurants und Buchläden – es ist das Herz der jüdischen Gemeinde von Pittsburgh. Am Samstag wurde Squirrel Hill zum Schauplatz des bisher wohl schlimmsten antisemitischen Angriffs in der Geschichte der USA. Elf Menschen starben, sechs weitere Menschen wurden verletzt, als ein 46-jähriger Mann die Synagoge Tree of Life betrat und das Feuer auf die Gläubigen eröffnete, die den Gottesdienst am Sabbat besuchten.

Die Tat hat Amerikas Juden tief erschüttert. Sie hatten in den vergangenen Jahren sorgenvoll beobachtet, wie in vielen westeuropäischen Staaten antise­mitische Vorfälle zugenommen haben. Nun hat sich mit dem ­Anschlag von Pittsburgh ein besonders blutiger Vorfall in ihrem eigenen Land zugetragen. Am antisemitischen Motiv des Schützen, den die Behörden nach seiner Festnahme in der Synagoge als R. B. identifizierten, einen Mann aus der Gegend, gibt es keine Zweifel. Er hatte auf dem sozialen Netzwerk Gab, einem Tummelplatz für Rechtsextreme, über Monate hinweg antijüdische Schmähungen und Verschwörungstheorien verbreitet.

«Alle Juden müssen sterben»

Dasselbe tat R. B. auch am Morgen des Anschlags. Er zog auf seinem Profil zum wiederholten Mal über eine jüdische Flüchtlingsorganisation her, die Hebrew Immigrant Aid Society (Hias), die sich ursprünglich für verfolgte Juden in Russland und Osteuropa einsetzte und heute Flüchtlinge aller Glaubensrichtungen und Herkunftsländer unterstützt. «Hias holt Eindringlinge in unser Land, die unser Volk töten», schrieb R. B. Er könne nicht länger still sitzen. «Es ist mir egal, wie es aussieht. Ich gehe hinein.» Kurz darauf tauchte er in der Synagoge auf, bewaffnet mit einem Sturmgewehr und mindestens drei Pistolen. Während er dort auf die betenden Menschen schoss, schrie er laut Augenzeugen: «Alle Juden müssen sterben.»

US-Präsident Donald Trump verurteilte den Anschlag. Es handle sich um eine «bösartige Tat», die die ganze Nation schockiere. «Das abscheuliche, hasserfüllte Gift des Antisemitismus muss bekämpft werden, so wie alle Vorurteile», sagte Trump bei einem Wahlkampfauftritt. Mehrfach sprach er auch darüber, dass die Tat «unvorstellbar» sei – ­niemand hätte das für möglich gehalten. Viele Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass Angriffe auf Juden in den USA schon ­länger zunehmen.

Da sind zum einen die Vor­fälle, wie sie die Organisation Anti-Defamation League jährlich protokolliert: Tätlichkeiten, Belästigungen, Bombendrohungen gegen jüdische Einrichtungen und Vandalismus nahmen demnach 2017 um fast 60 Prozent zu. Und da ist zum anderen die steigende Verbreitung von Hassreden und von antisemitisch konnotierten Kampfbegriffen und Verschwörungstheorien, die ­viele Extremismusforscher aus­machen.

«Das hängt alles zusammen»

Dazu zählen die Angriffe auf George Soros, einen Philanthropen und Investor mit jüdischen Wurzeln, der zu den wichtigsten Spendern der Demokraten gehört. Er war einer der 14 Adressaten von Rohrbomben, die ein Trump-Anhänger aus Florida vergangene Woche verschickte. Im rechten Lager kursiert neuerdings die Theorie, dass Soros die «Karawane» aus zentralamerikanischen Migranten finanziere, die sich derzeit auf dem Weg in die USA befindet. Auf diese bezog sich auch der Attentäter von Pittsburgh.

Dazu zählt für viele aber auch das Vokabular, mit dem Trump selbst hantiert: etwa die Etikettierung der politischen Gegner als «Globalisten», die die Interessen des Landes verrieten. «Seine zahlreichen Aussagen in diese Richtung, seine Selbstbezeichnung als ‹Nationalist›, die Leute an seinen Wahlkampfveranstaltungen, die Drohungen gegen George Soros skandieren – das hängt alles zusammen», sagte Cecilia Wang von der Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union der «Washington Post». In Erinnerung ist vielen Amerikanern auch, wie schwer sich Trump tat, sich von den gewalttätigen Neonazis zu distanzieren, die vergangenes Jahr in der Stadt Charlottesville aufmarschiert waren.

Trump, der Freund Israels

Trumps Verteidiger halten solche Aussagen für politisch motivierte Versuche, dem Präsidenten eine Mitverantwortung für den Anschlag in Pittsburgh anzuhängen. Ein Trump-Anhänger war der Attentäter offenbar nicht. In einem seiner Beiträge auf der Plattform Gab schrieb R. B., dass sich Trump mit zu vielen Juden umgebe, weshalb er ihn nicht unterstützen könne: Der Präsident sei selber ein «Globalist».

Trumps früherer Wahlkampfberater David Bossie sagte auf Fox News, man solle sich einfach Trumps Politik anschauen, dann sehe man schon, was für einen grossen Freund Amerikas Juden in ihm hätten. Er meinte damit die unter Trump noch enger gewordene Beziehung der USA zu Israel, die sich etwa im symbolträchtigen Umzug der US-Botschaft nach Jerusalem ausdrückt.

Das ist nicht falsch – und doch ist nun die Verzweiflung in der jüdischen Gemeinschaft gross. Der Antisemitismus, der sich beim Attentat von Pittsburgh auf verstörendste Weise gezeigt habe, müsse nun konsequent erstickt werden, sagte Rabbi Marvin Hier, Gründer des Simon-Wiesenthal-Zentrums, in der «New York Times». Ansonsten stehe man am Anfang einer Entwicklung, die nur noch schlimmer werde.