2017-03-03 23:15

Am Wasser fühlen sich fast alle zu Hause

Seit neun Monaten gibts fünf neue Tagesschulen in Zürich. Erste Erfahrungen sind gut, aber noch nicht problemfrei, wie ein Schulbesuch zeigt.

Die Kinder können wählen, was sie essen wollen: Der Mittagstisch in der Schule Am Wasser in Höngg. Foto: Dominique Meienberg

Die Kinder können wählen, was sie essen wollen: Der Mittagstisch in der Schule Am Wasser in Höngg. Foto: Dominique Meienberg

In der Schule Am Wasser unten an der Limmat beim ehemaligen Hardturmstadion hat Schulvorsteher Gerold Lauber (CVP) ein Heimspiel mit seinem Projekt Tagesschule 2025. Die meisten Eltern, die ihre Kinder hier zur Schule schicken, leben fortschrittliche Familienmodelle. Für sie war eine gute externe Kinderbetreuung eines der wichtigsten Kriterien bei der Wahl ihres Wohnortes.

Darum lag es vor drei Jahren auf der Hand, dass sich die Schule Am Wasser um eine Teilnahme bewarb: «Da wollten wir dabei sein», sagt Schulleiterin Susanne Gauch. Bei den Betreuungspersonen musste sie einige Überzeugungsarbeit leisten, bei den Lehrerinnen und Lehrern weniger. Denn einige arbeiteten schon damals über Mittag in einem der Horte mit, und viele schwärmten davon. Zudem besuchten bereits vor drei Jahren 80Prozent der Kinder schulergänzende Betreuungsangebote.

Nun ist die Schule Am Wasser, zu der zwölf Primar- und fünf Kindergartenklassen mit 370Kindern gehören, seit Sommer eine Tagesschule. Bei den Eltern hat dies kaum zu reden gegeben, geschweige den Protest ausgelöst. Nur gerade acht Kinder wurden abgemeldet und gehen für das Mittagessen nach Hause. Für Schulleiterin Gauch ist das kein Problem: «Ich akzeptiere den Entscheid der Eltern.» Allerdings haben die Lehrpersonen diese Kinder ein bisschen mehr im Auge, um zu verhindern, dass sie zu Aussenseitern werden.

Der Mittag ist zu einem Teil der Schule geworden, sowohl für Kinder wie für Lehrpersonen. An diesem Donnerstag gibt es Fisch, Reis, Spinat, Salat und rohes Gemüse für die Mittelstufenschüler und Spaghetti mit Sauce, Wienerli, Salat und ebenfalls rohes Gemüse für die Kleinen. An einem Tisch sitzen fünf Freundinnen, die vor lauter Schwatzen fast das Essen vergessen. Ein 2.-Klässler beklagt sich bei seinem Klassenkameraden über kalte Spaghetti, stopft sie dann aber in grossen Portionen in den Mund. Ein Dritter ist bereits fertig und schaufelt die Essensresten wie angeschrieben in einen Metalltopf. Derweil geben die Betreuungspersonen das Essen heraus, «patrouillieren» zwischen den Tischen und beantworten Fragen, wenn es nötig ist. Die Stimmung ist friedlich, es herrscht ein reges Kommen und Gehen. Aber aufgeregt, wie im Klassenlager, ist es nicht. Dieser Teil der Schule scheint zum Normalfall geworden zu sein.

Mühe mit freiem Entscheiden

In der Schule Am Wasser gilt in der Mittagspause das «Open Restaurant»-Modell: Die Kinder können wählen, wann sie essen wollen. Wer um 12 Uhr lieber erst spielen oder lesen will, darf das. Allerdings wird von den Betreuungspersonen kontrolliert, dass um 13.30 Uhr, wenn der Unterricht weitergeht, alle gegessen haben.

Laut Gauch hat sich das Modell bewährt. Allerdings falle das freie Entscheiden nicht allen leicht: «Es gibt Kinder, die sind unruhig und können sich weder aufs Essen noch aufs Spielen konzentrieren.» Sie werden am Mittag von den Betreuungspersonen etwas näher begleitet. Einige – derzeit sind es drei Kinder – haben einen Fahrplan, wann sie zum Essen zu erscheinen haben und was sie dann tun müssen. Einen Ausschluss aus der Tagesschule kann es geben, wenn Eltern die Rechnungen nicht bezahlen. Susanne Gauch findet es bedauerlich, wenn Kinder aus diesem Grund das Mittagessen nicht besuchen können.

Keine Hausaufgaben mehr

Im Unterricht gibt es in der Tagesschule eine wesentliche Änderung: Es gibt keine klassischen Hausaufgaben mehr. Diese werden in einer individuellen Lernzeit in den Unterricht integriert. Für Kinder, die mehr Zeit brauchen, wird nach dem Unterricht oder über Mittag erweiterte Lernzeit angeboten. Der Thek wird für Tagesschulkinder überflüssig – könnte man meinen. Doch das ist falsch. «Unsere Kinder transportieren darin einfach den Znüni, die Turnsachen und vor allem ihr blaues Heft», sagt Schulleiterin Gauch. Darin werden die Eltern jeden Freitag über die Arbeit ihrer Kinder informiert. Das hat Gauch auf Wunsch von Eltern eingeführt, die die Streichung der Hausauf­gaben teils kritisch beurteilten. Stellvertretend für sie sagt der Vater eines «Am-Wasser-Kindes», er habe die regelmässige Auseinandersetzung mit der Schule etwas verloren: «Wir fühlten uns ohne die Hausaufgaben ausgeschlossen.» Allerdings ist für ihn dieses Problem mit dem blauen Heft gelöst, und er ist zufrieden mit der Tagesschule, auch wenn die Kinder heute «etwas müder» nach Hause kommen als früher.

Susanne Gauch ist mit dem Start ins Tagesschulzeitalter ebenfalls zufrieden. Als Erfolg bezeichnet sie insbesondere, dass Lehr- und Betreuungspersonen viel näher zusammengerückt sind. So ist die Betreuung so organisiert, dass immer die gleichen Personen mit den gleichen Klassen zu tun haben. Sie nehmen neu auch am Klassenrat teil und werden so zu wichtigen Bezugspersonen.