2018-02-21 08:58

Auf Kunst folgt die Abrissbirne

Bellevue

Bevor das Monstrum an der Förrlibuckstrasse 180 abgerissen wird, führt uns Sollbruchstelle das Grauen unserer Arbeitswelt vor Augen.

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Die Tage von Orion 1 sind gezählt. Er muss sterben. Es ist höchste Zeit. Aber bevor der monumentale Bürobau in Zürich-West dem Erdboden gleichgemacht wird, blüht in ihm die Kunst auf. Es ist wie bei diesem kleinen grünen Halm, der am Rand der Autobahn durch den Asphalt dringt, da, wo bis eben noch gar keine Ritze war. Bei Orion 1 ist es keine Ritze, es ist eine Sollbruchstelle, aus der die Kunst bis Sonntag wuchert. Kunst am sterbenden Bau. So nennt die Gruppe um Mitinitiantin Nikkol Rot das, was hier passiert. Für Sollbruchstelle ist Orion das vierte Objekt, das sie mit Kunst bespielen. Orion ist eigentlich schon lange tot. Das Restaurant unten, im Kolonialstil gehalten, stand zwei Jahre leer. Der Teppich im Leopardenlook auf der Empore hat seine Farbe längst verloren. In der zweiten Etage verraten graue Ränder an den Wänden, dass hier früher Bilder hingen. Stattdessen gibt es jetzt Kunst, die dem Gebäude ein letztes Mal Leben einhaucht.

Gefängnis namens Arbeit

Zehn Künstlerinnen und Künstler verwirklichen sich hier ohne Rücksicht auf Verluste: Denn mit dem Bau wird auch ihre Kunst sterben. Das ist Teil des Konzepts, wie Rot erklärt.

Die Kunst von Georg Lendorff erlischt, sobald ihr der Strom abgedreht wird. In «seinem Büro» hängen rund 9000 weisse Fäden von der Decke. Lendorff hat sie rautenförmig angebracht und projiziert Animationen darauf. Zusammen mit dem synthetischen Grollen entsteht ein Raum, in dem man sich verliert. Taucht man das erste Mal ins Fadenmeer ein, scheint einem, als würde der Boden unter den Füssen instabil. «Desorientierung» will Lendorff mit seiner Kunst erreichen. Das gelingt ihm in mehrfacher Hinsicht: Erwachsene stehen vor die Fäden und versuchen, sich einen Reim zu machen. Kinder aber tauchen sofort ein, erzählt Lidija Burcak, die uns durch die Ausstellung führt. Sie selber hat in einem der Räume ihr Büro eingerichtet, auf dem Bildschirm laufen Videoporträts, die sie von den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern gedreht hat. Desorientierung passt auch zu den Räumlichkeiten. Alles verwinkelt. Allein in diesem sechsstöckigen leeren Gebäude könnte man sich verlieren. Orion 1 wurde 1989 erbaut und ist von ausgesuchter Hässlichkeit. Aussen wie innen.

Aussen: ein Bau aus grauem Granit, gefasst mit roten Friesen. Innen: Spannteppiche mit kaffeefleckenverzeihendem Muster, dünne Gipstrennwände, Lammellenvorhänge, Metall­lamellendecke. Und immer wieder Drahtglas. Willkommen im Gefängnis Arbeit. Darauf nehmen einige Arbeiten der Ausstellung Bezug – oder man schafft ihn als Besucher automatisch, bei diesem Horror, den die Arbeitswelt hier zu bieten hat. Hier werden aus Menschen Kostenfaktoren, denkt man sich. Es wundert einen nicht, dass die niederländische Künstlerin Gwen Versluis sich in ihrem kleinen Raum in die Ecke gedrängt fühlt und ausbrechen will. Das macht sie mit einem Foto von sich selber, das sie an der Wand aufgezogen hat: Es sieht aus, als würde sie jeden Moment aus dieser Ecke springen.

Sehr spielerisch bricht dagegen die technische Illustratorin Luzia Rink aus. Ihr Büro wird zum bunten Spielplatz, der sich ständig weiterentwickelt: Die Besucher dürfen darin mit Farbe gefüllte Ballons rumschmeissen.

«What makes a great Manager?»

Mit einem Schlüsselbegriff von heute setzen sich die Architekten des Neubaus kritisch auseinander: EM2N verdichten zwei Räume maximal. Einen horizontal, den anderen vertikal. Raumgefühl wird so zum Gefühl vom fehlenden Raum.

Und da wären wir bei der Frage angelangt, wer eine solche Arbeitsbatterie damals «bestellt» hatte. Ein Manager vielleicht? «What makes a great Manager?» steht auf einem Flipchart, das Nico Sebastian Meyer im Gebäude gefunden und in «seinem Büro 215» aufgehängt hat. Zum Beispiel, dass er ein «good listener» ist, über «org. skills» verfügt und sich selber kennt. Meyer hat diesem einen Flips-Chart gegenübergestellt, zusammengesetzt aus diesen fiesen, süchtig machenden Snacks. Und als wäre das nicht eklig genug, darf der Besucher mitgestalten. Dafür stehen ihm Malabar-Kaugummis en masse zur Verfügung. Der Raum zeigt, dass Meyer ein «good motivator» ist: Viele gebrauchte Kaugummis wurden zu Kunst.

Anfang März fahren die Bagger auf. Orion 1 und das Nachbargebäude Orion 2 weichen einem Neubau. Sie waren von solch schäbiger Qualität, dass eine Sanierung nicht infrage kam. Die Kunst des hässlichen Bauens ist in Zürich bald um zwei Vertreter ärmer. Auch so gesehen ist für die Sollbruchstelle noch viel zu tun. Eigentlich komisch, dass sie noch kein Nachfolgeobjekt gefunden haben.

Sollbruchstelle, Projekt 04, Förrlibuckstrasse 180. Bis Sonntag. Mi–Sa 17–22 Uhr, So 14–19 Uhr.