2017-09-03 15:11

Zürichs vergessene Badi

Im Schanzengraben gab es vor rund hundert Jahren eine zweite Badanstalt – exklusiv für eine spezielle Klientel: Das Militär.

Fotos vom Militärbad im Schanzengraben gibt es nicht – aber diesen Plan.

Fotos vom Militärbad im Schanzengraben gibt es nicht – aber diesen Plan.

(Bild: Staatsarchiv des Kantons Zürich)

Es gilt als Stadtoase, allerdings nur für Männer: das Flussbad Schanzengraben, Zürichs ältestes Bad mit Baujahr 1864. Was viele nicht wissen: Um die Jahrhundertwende gab es im Schanzengraben noch ein weiteres Männerbad: die Militärbadanstalt. Diese lag direkt unterhalb der damaligen Militärstallungen an der Gessnerallee, wo sich heute das Restaurant Reithalle befindet.

Im Februar 1886 erteilte die Bausektion der Stadt Zürich die Genehmigung für das Schwimmbad, wie die NZZ damals berichtete. «Dies in der Meinung, dass die Benutzung der Badanstalt einzig auf die in Zürich im Dienste stehenden Truppen beschränkt bleibe, dass die nötigen Vorrichtungen gegen Einblick von aussen statt aus Emballage aus einer Jalousieverkleidung oder dergleichen bestehen sollen und dass nicht bei niederem Wasserstande die oberhalb befindlichen Schleusen zum Nachteile des Wasserwerkes im Letten und der oberhalb befindlichen Gewerbebesitzer an der Limmat geöffnet werden», heisst es in der Bewilligung.

Deutlich mehr Wasser

Fotografien dieses speziellen Schwimmbades sind im Baugeschichtlichen Archiv der Stadt Zürich nicht vorhanden. Auf Plänen im Zürcher Staatsarchiv wird aber ersichtlich, dass der Schanzengraben damals an dieser Stelle noch mehr Wasser führte als heute. Dies kommt wohl daher, dass das Regulierwehr unterhalb der Männerbadi damals noch nicht existierte. «Mit dem Baden und dem Schwimmen sollten die Soldaten nicht nur zur Reinlichkeit erzogen werden – es galt überdies, Seuchen und Krankheiten einzudämmen und die Soldaten abzuhärten», schreibt die Historikerin Eva Büchi in ihrem 2003 erschienenen Buch «Als die Moral baden ging: Badeleben am schweizerischen Bodensee- und Rheinufer 1850–1950 unter dem Einfluss der Hygiene und der ‹Lebensreform›». Ohne das Militär hätten die Erziehung zur Körperpflege und der Schwimmunterricht wohl kaum so schnell bei einer breiten Bevölkerung Fuss fassen können, vermutet Büchi.

Das Zürcher Militärbad existierte allerdings nur wenige Jahre. Bereits 1900 wurde es abgebrochen, wie aus Akten im Staatsarchiv hervorgeht. Die Gründe dafür sind unklar, offenbar war niemand richtig zufrieden mit der Konstruktion im Fluss. Klagen gab es bereits kurz nach der Eröffnung.

1887 löste die Militärbadanstalt im Kantonsrat eine lebhafte Diskussion aus, wie die «Allgemeine Schweizerische Militärzeitung» rapportierte. «Major Zürcher erklärte, dass die Kommission mit ihrem Ruhm über die Militärbadeanstalt im Schanzengraben nicht richtig berichtet sei, dieselbe könne von neun Zehnteln der Truppen, nämlich von denen, welche nicht schwimmen können, gar nicht benutzt werden, wegen der auf dem Boden aufgehäuften Glasscherben und ähnlichen Dingen.» Ein Oberstleutnant erklärte dagegen, die Kavallerie sei mit der Badeanstalt sehr wohl zufrieden. Der Regierungsrat machte darauf aufmerksam, dass der Stadt die Pflicht der Reinigung des Schanzengrabens obliege, und stellte den Bau eines hölzernen Fussbodens in Aussicht. Ingenieur Bürkli qualifizierte laut dem Zeitungsbericht die Badeanstalt «als schlechte Baute». Im Februar 1897 schaffte es das spezielle Bad erneut in die Zeitung. Wegen eines ungewöhnlichen Schauspiels. Die Militärbadanstalt war von drei Seiten her durch Eisschollen eingezwängt, was sehr viel Publikum anlockte, wie die NZZ vermeldete.

«Auf Abbruch zu verkaufen»

Im Jahr 1900 war die Militärbadanstalt im Schanzengraben «auf Abbruch zu verkaufen», wie aus einem Inserat in der «Illustrierten Schweizerischen Handwerkerzeitung» hervorgeht. Die Eisenkonstruktion sei noch sehr gut erhalten und würde sich zur Aufstellung als Badanstalt andernorts sehr gut eignen. Ob sie woanders aufgestellt wurde, ist nicht bekannt. Das Militärbad ist nicht das einzige verschwundene Bad in Zürich. Zehn solche schwimmenden Badis gab es ab 1858 am Seeufer und bei der Limmatmündung. Bis auf das Frauenbad Stadthausquai und das Seebad Utoquai sind inzwischen alle verschwunden.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet