2017-05-27 19:17

Exit aus dem alltäglichen Wahnsinn

Topmanager reissen sich zunehmend um Verwaltungsratsmandate.

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Der Zeitpunkt seines Rücktritts hat überrascht – der neue berufliche Weg, den der 55-jährige Jürg Schmid einschlägt, weniger: «Ich bin offen für ein paar Ver­waltungsratsmandate», tat der scheidende Direktor von Schweiz Tourismus kund. Ende Jahr macht er sich nach 18 Jahren als Chef der nationalen Marketingorganisation selbstständig.

Auch Ingrid Deltenre, die frühere Chefin des Schweizer Fernsehens, verlässt mit 56 Jahren den Posten als Direktorin der European Broadcasting Union, um sich fortan auf ihre Verwaltungsratsmandate zu konzentrieren. Deltenre sitzt bereits in den Aufsichts­gremien des Genfer Duftstoff- und Aromenherstellers Givaudan, der Deutschen Post und der Waadtländer Kantonalbank.

Den Absprung aus dem operativen Geschäft hat dieses Jahr Franz Julen geschafft. Der ehemalige Intersport-Chef wechselte ins Verwaltungsratspräsidium des Handelskonzerns Valora, ist Verwaltungsrat der Zermatter Bergbahnen und sitzt im Beirat des Detailhandelsriesen Aldi Süd.

Migros-Chef auf der Suche

Auf der Suche nach Mandaten sind Noch-Migros-Chef Herbert Bolliger, der im Herbst alters­bedingt zwangspensioniert wird, und Christoph Juen, der vor kurzem als Direktor des Branchen­verbands Hotelleriesuisse aufgehört hat.

Die Karriere als Verwaltungsrat hat Hochkonjunktur. Kaum tritt ein Manager zurück, folgt in der Regel die Ankündigung, dass er sich gerne in einem Aufsichts­gremium betätigen würde. «Die Nachfrage nach Mandaten hat in den letzten zwei Jahren enorm zugenommen», sagt Headhunterin Doris Aebi von Aebi + Kuehni. Branchenkollegen berichten Ähnliches. «Wenn ich mit allen Gespräche führen würde, die mich wegen eines Verwaltungsratsmandates ansprechen, käme ich nicht mehr zu meiner eigentlichen Arbeit», sagt der Topkadervermittler Guido Schilling.

«Ein hohes Ansehen»

Dass eine Anfrage bei Headhuntern nicht unbedingt erfolg­versprechend ist, sollten Wirtschaftsprofis eigentlich wissen. Headhunter vermitteln Verwaltungsräte nicht von sich aus, sondern arbeiten in der Regel im Auftrag einer Firma. Doch die mandatshungrigen Kandidaten erhoffen sich durch den Kontakt mit den Personalprofis, dass sie irgendwann in die Kränze kommen für einen der begehrten Plätze im Olymp der Schweizer Wirtschaft.

Verwaltungsrat zu sein, ist attraktiv. Der neue Lehrgang «Verwaltungsrat» der Universität St. Gallen, der dieses Jahr erstmals stattfindet, war sofort ausgebucht. War das Einstreichen eines Mandats früher die Belohnung zur Pensionierung altgedienter Manager, so wird der Wechsel ins Aufsichtsgremium eines Unternehmens heute zunehmend als Exitstrategie aus dem Wahnsinn des operativen Bürolebens verstanden. Tempo, Digitalisierung, Spardruck, ständige Transformation: Die Verschleissquote von Topkadern ist höher als einst.

Abkühlphase vor der Pensionierung

«Die Frage nach dem Absprung aus dem operativen Berufsleben steht bei vielen im Zentrum, wenn es um die Motivation für eine Verwaltungsratskarriere geht», weiss Doris Aebi. Im Alter zwischen 50 und 60 hätten viele das Bedürfnis, anders zu leben. Sie wollen raus aus der Mühle und erhoffen sich als Multi-Verwaltungsrat eine autonomere Agenda – die Verwaltungsratstätigkeit als eine Art Abkühlphase vor der Pensionierung.

Auch das Prestige stimmt: «Profi-Verwaltungsrat zu sein, hat ein hohes Ansehen in der Wirtschaft», sagt Roman Geiser, Chef und Partner von Farner Consulting. «Das macht die Option verlockend.» Für ihn hat die verstärkte Nachfrage nach Verwaltungsratsmandaten mit der Verjüngung auf operativer Stufe zu tun. Die Konzernchefs würden jünger und müssten sich früher Gedanken machen, wie sie ihren letzten Berufsabschnitt gestalten würden. Betrachtet man die Zahlen des neusten Schilling-Reports, den Guido Schilling alljährlich veröffentlicht, so lässt sich indes noch keine Verjüngung der Verwaltungsratsgremien feststellen. Das Durchschnittsalter liegt bei 59 Jahren, 2010 lag es bei 58.

Qualifikationen oftmals überschätzt

Ehemalige CEOs grosser Unternehmen haben selten Probleme, Mandate zu finden. Prominentes Beispiel ist Monika Ribar: Die Ex-Panalpina-Chefin ist heute, mit 57 Jahren, die einflussreichste Verwaltungsrätin der Schweiz, sie präsidiert die SBB und sitzt unter anderem im Kontroll­gremium von Sika und Lufthansa.

Nur: Das Gros der Möchtegern-Verwaltungsräte spielt nicht in dieser Liga und überschätzt oftmals die eigenen Qualifikationen. «Ich würde mir eine höhere kritische Selbsteinschätzung von so manchem Kandidaten wünschen», sagt Doris Aebi. Wer bei ihr durch­blicken lässt, dass er finanziell auf die Einkünfte aus potenziellen Mandaten angewiesen ist – und das sind nicht wenige – hat schon verloren. «Finanzielle Unabhängigkeit ist unabdingbar», so Aebi.