2017-03-08 14:11

Wie viel von seinem Geld soll man spenden?

Auch wer seinen Reichtum teilt, hat manchmal das Gefühl, er gebe nicht genug. Was ist die richtige Balance?

Eine Palästinenserin in Beit-Lahiya-Quartier, nördlicher Gaza-Streifen. Foto: Mohammed Saber (Keystone)

Eine Palästinenserin in Beit-Lahiya-Quartier, nördlicher Gaza-Streifen. Foto: Mohammed Saber (Keystone)

Ich bin nicht (mehr) arm, ich bin auch nicht reich. Aber 10'000-mal reicher als all die Vertriebenen, Flüchtlinge und Kriegsopfer. Ich spende, habe aber angesichts des Elends immer das Gefühl, dass es zu wenig ist. Was ist – in Bezug auf Einkommen und Vermögen – genug? Haben Sie für sich selber einen gangbaren Weg gefunden? F. B.

Liebe Frau bzw. lieber Herr B.

Ich kann Ihnen immerhin sagen, wie ich es mit der Umverteilung meines Einkommens halte: Ich zahle zurzeit im Jahr knapp 70'000 Franken Steuern. Was bedeutet (rechne!), dass ich nicht zu knapp verdiene. (Allerdings auch erst seit etwa zehn Jahren, und zwar für durch­schnittlich siebzig Stunden Arbeit in der Woche – nicht, dass Sie denken, ich hätte bloss einen lukrativen Beratervertrag bei Herrn Fillon). Ausserdem sind im Moment 15 Prozent meiner Behandlungsstunden (etwas mehr als ein halber Tag pro Woche) in der Praxis pro bono, also gratis (weil bei mir die Krankenkasse nicht zahlt, da ich weder Arzt bin noch bei einem angestellt).

An jährlichen Fixkosten habe ich noch 30'000 Franken für AHV und ­private Altersvorsorge, 24'000 Franken für die (private) Krankenkasse (dafür geht die AHV meiner Frau drauf) sowie circa für 70'000 Franken Mieten (Wohnung und Praxis) zu berappen. Ausserdem zahle ich etwa 18'000 Franken für eine Ferienwohnung (mein Vermögen) ab. (So viel zum Thema, dass «wir Schweizer» so ungern über Geld reden. Aber wollten Sie es wirklich so genau wissen?)

Mit anderen Worten: Es bleibt genügend übrig, um ein finanziell unbeschwertes Leben zu führen und lange Sommerferien zu machen (das sah vor etwas mehr als zehn Jahren noch anders aus). Dass ich 10'000-mal reicher als all die Vertriebenen und Kriegsopfer bin, folgt daraus, wenn ich mich nicht um ein paar Kommastellen verrechnet habe, leider nicht. Meine Antwort mag Ihnen vielleicht kaltschnäuzig erscheinen: Aber so viel Geld bleibt nicht übrig, als dass ich nebenbei noch einen Brunnen in Somalia oder ein Kinderheim im ­Sudan bauen könnte. Lediglich dafür, weniger begüterte Freunde zum Nachtessen einzuladen und ab und zu einer Obdachlosen mehr als nur einen Fünf­liber zu spendieren.

Die Alternativen

Sie können natürlich fragen: Brauchen meine Frau und ich eine private Krankenversicherung und eine 4-Zimmer-Wohnung; und warum sollte die spätere gemeinsame AHV (plus allfällige Ergänzungsleistungen) nicht ausreichen? Von Ferien und Ferienwohnung wollen wir gar nicht reden. Und von der Obszönität, dass wir beim Lebensmitteleinkauf so gut wie überhaupt nicht auf den Preis schauen, erst recht nicht.

Aber ich bin nicht der Effektive-Altruismus-Typ vom Schlage eines Peter Singer, der sein Leben der Frage widmet, wie, wann und wo man noch ein bisschen mehr aus seinem privilegierten ­Leben für Gaben an die Unterprivile­gierten herauskitzeln könnte. Arnold Gehlen hätte das als typischen Auswuchs der «Hypermoral» kritisiert.

Man könnte auch viel schlichter sagen: Ich könnte so nicht leben. Statt meinen Tag damit zu verbringen, nach Einsparungsmöglichkeiten zu suchen, mit denen ich zur Linderung des Weltelends beitragen kann, habe ich für den Mindestlohn und die 1:12-Initiative und gegen die USR III gestimmt. Für Gehlen dienen Institutionen der Entlastung von Problemen, an denen jeder Einzelne nur scheitern kann. Aus diesem Grund bin ich für die Stärkung institutioneller Strukturen und gegen die ­Privatisierung der politischen Dimension, in der Charity und Armut bestens ­zusammengehen.