2016-07-25 02:19

Das Leben war elend, aber die Künste florierten

Eine prachtvolle Ausstellung in Berlin zeigt das Goldene Zeitalter in Spanien.

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  • Hans-Joachim Müller Berlin

Goldenes Zeitalter in Spanien: Natürlich stammt das Prädikat von der hymnischen Geschichtsschreibung späterer Generationen. Als Cervantes seinen Don Quijote 1605 durch die Mancha reiten liess, fand der nie einen Krümel Edelmetall. Und da war Spanien noch Weltgrossmacht mit einträglichen Kolonien auf fast allen Kontinenten. Aber dann gabs Risse, und die Risse wurden tiefer, und das Imperium zerfiel. Aufstände in Katalonien und Andalusien, in Sizilien und Neapel. Pestepidemien. Der Dreissigjährige Krieg. Fünfmal Staatsbankrott. Aber immer Geld für grosse Maler, Bildhauer, Dekorateure der Macht, die sich von keiner Verlustmeldung den Spass unter den gepuderten Perücken verderben liessen.

Und nun steht man in der grandiosen Epochenschau «El Siglo de Oro. Die Ära Velázquez» in der Berliner Gemäldegalerie, ist die stolze Parade der grossen Dekorateure der Macht abgeschritten und immer wieder zum «Franziskus» des Malers Zurbarán zurückgekehrt. Wie der Heilige in seiner steifen Kutte die Augen verdreht, wegsieht, das ist so noch nie gemalt worden und wie ein Schlüsselaugenblick. Vielleicht werden ja Zeitalter nur wirklich golden, wenn ihnen ihre grossen Maler zeigen, wie man spektakulär die Augen verdreht, wegsieht. Einen Dichter wie Cervantes, erbarmungslos im Spott bei aller Wahrung der schicklichen Form, haben die Bildkünste jedenfalls nicht hervorgebracht. Und es wird noch hundert Jahre dauern, bis einer wie Goya am letzten Goldrest kratzt.

Anders als in den Niederlanden, wo sich das «goldene» 17. Jahrhundert tatsächlich als erstaunlicher Verbund kultureller, wirtschaftlicher und sozialer Leistungskraft beschreiben lässt, als erster glanzvoller Auftritt einer bürgerlichen Elite, war das spanische «Siglo de Oro» eine reine Festveranstaltung der Künste, die derart gegenläufig zur Lebensmisere florierten, dass man mit Fug und Recht von einem goldenen Wunder sprechen könnte.

Die Dichte der Meister, die Bravour ihrer Malerei, die hochgemute Stimmung, mit der sie für Gott und König Propaganda machen, das Selbstbewusstsein, mit dem sie ihren Auftraggebern gegenübertreten, der Wohlstand, zu dem sie es bringen, das Ansehen, das sie geniessen: Das ist einzigartig. Stolz malt Juan Bautista Martínez del Mazo die «Familie des Künstlers». Neun von dreizehn Kindern aus zwei Ehen. Alle wohlgenährt, stylish angezogen, wuseliger Nachwuchs des Kunstadels, dem niemand Nachhilfe in Etikette geben muss.

Konkurrenz um Künstler

Was einen in der Ausstellung auf Schritt und Tritt nachdenklicher werden lässt: wie unter der strengen Observanz der Kirche die Malerei geradeso gedeiht wie an den ungleich freizügigeren Höfen. Man ist es ja vom italienischen 16. Jahrhundert gewöhnt, dass der Papst in Rom mit den Geldfürsten in Florenz um Künstler konkurriert. Aber jetzt und hier ist es doch anders. Als Zurbarán 1598 in der Extremadura geboren wird, geht das Jahrhundert der Humanisten und Reformatoren zu Ende. In Spanien zumal, wo die Kirche den Freigeist der Renaissance gründlich ausgetreten hat. Es waren die theologischen Kampfsportverbände der Jesuiten und die weltabgeschiedenen Klöster in Sevilla und Toledo, wo die Gegenreformation ihre wirkungsvollsten Restaurationswächter rekrutierte. Und der Bilderbedarf ist auch dort enorm: Längst nämlich hat die Una Sancta Catholica erkannt, dass mit Wortseligkeit allein das Herz der gläubigen Massen nicht wieder zu erobern wäre. In der Defensive, die man in einen neuen Triumph zu verwandeln gedenkt, erinnert sich die Kirche der Kunst als bewährtes Machtmittel.

Dabei waren freilich ganz besondere Sorgfaltsregeln zu beachten. Als Zurbarán einen Vertrag mit dem Prior des Dominikanerklosters San Pablo el Real in Sevilla unterschreibt, in dem er sich verpflichtet, in einem knappen Jahr 21 Gemälde abzuliefern, notiert er für sich: «Nach Anweisung des Paters müssen auf jeder Tafel Figuren und Dinge so dargestellt werden, wie er es wünscht.» Die dominikanische Auslegung der Gegenreformation bestand auf figuralen Chiffren, die die Magie des Spirituellen nicht an den irdischen Ausdruck verraten würden.

Leben von der Inquisition

Die Maler haben sich nicht aufgelehnt gegen das Programm der klerikalen Auftraggeber, so wie ein Jahrhundert zuvor Michelangelo in der Sixtina gegen den herrischen Papst. Sie haben von der Inquisition auskömmlich gelebt. Mehr noch: Nie zuvor war es den spanischen Künstlern so gut gegangen. Und nie zuvor taten sie auch alles dafür, es sich gut gehen zu lassen.

Soll man sagen, «Siglo de Oro» ist dann, wenn die Kunst frohgemut zum Dienst antritt und sich gegen gutes Geld strikt aus der Politik heraushält? Man könnte dagegenhalten, dass es in Spanien noch nicht die bürgerlichen Sammler gab, wie sie in Antwerpen oder Amsterdam die Ateliers leer kauften.

Der spanische Barock war dunkler als anderswo, wie mit abgeblendeten Scheinwerfern gemalt. Da und dort ein leuchtender Blumenstrauss, ein paar Stillleben. Aber kaum Landschaften: Die sind immer auch Fantasieräume. Der Aufenthalt dort ist Wagnis mit offenem Ausgang. Dafür war die ästhetische Gesetzgebung des zerbröselnden Imperiums noch nicht bereit, weshalb auch die italienischen und niederländischen Einflüsse kaum sichtbar sind.

Umso genauer zu beobachten ist in der Ausstellung, wie sich die beiden Herrschaftsgaranten, Kirche und Hof, nebeneinander behaupten; die Kirche mit ihren Zentren in Sevilla und Toledo, der Hof, der Madrid zu seiner Zentrale ausbaut. Dort herrscht nicht ständiger Gottesdienstzwang. Und ein «Schweisstuch der heiligen Veronika», ein Meisterstück der Trompe-l’Œil-Malerei von Zurbarán, hätte im Palast Buen Retiro doch etwas verloren gewirkt. Besser passt da Velázquez’ nackter Gott Mars hin.

Man spürt schon, die Hofexistenz als lieferpünktlicher Maler und Kunstverwalter hat auch ihre Opfer gefordert. Wie hätte sich Velázquez’ Werk wohl entwickelt, wenn es sich aus dem Bannkreis der Madrider Upperclass hätte befreien können? Vielleicht so wie auf seinem Bildnis des kleinwüchsigen Narren mit Buch auf den Knien. Es war ja die Zeit, in der auch sogenannte Hofzwerge und Hausneger zum Personal gehörten und man seinen Spass an Monstrositäten hatte. Velázquez malt ein Porträt, gibt dem kleinen Mann mit dem grossen Hut seine Würde zurück. Das hat es zuvor noch nie gegeben. Es ist die wahre Auslass-Stelle aus dem Goldenen Zeitalter. Von dort zu Goya ist es etwa so weit wie zurück zu Cervantes.

Bis 30. Oktober.