2016-05-26 21:12

«Burger-Brater verdienen Boni, Banker nicht»

Bei vielen Aktionären wächst der Unmut über die Millionenlöhne der Manager. Auch aus wirtschaftlicher Sicht machten diese immer weniger Sinn, sagt die Ökonomin Diane Coyle.

Ihre Löhne erhitzen die Gemüter: Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam (links) und Präsident Urs Rohner. (21. April 2016)

Ihre Löhne erhitzen die Gemüter: Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam (links) und Präsident Urs Rohner. (21. April 2016)

(Bild: Keystone)

«Absolut vermessen», «verantwortungslos», «räuberisch», «legalisierter Diebstahl»: Die Credit Suisse musste an ihrer letzten Generalversammlung viel Kritik für ihre Lohnpolitik einstecken. Die Aktionäre schimpften ausgiebig über die Boni in Millionenhöhe – angenommen wurde der Vergütungsbericht am Schluss dann doch mit fast 80 Prozent. Gleiches geschah bei der UBS: So deutlich wie die Kritik an der Führungsspitze fiel das Ja zum Vergütungsbericht aus.

An den horrenden Löhnen und Boni der Bankspitzen wird sich also in absehbarer Zeit nichts ändern. Dabei stossen sich daran längst nicht mehr nur verärgerte Aktionäre und ihre Berater. Sondern auch schwergewichtige Ökonomen wie die Britin Diane Coyle, die 2009 den «Order of the British Empire» für ihre Verdienste in den Wirtschaftswissenschaften erhielt. Die Aktionäre hätten allen Grund, gegen aberwitzige Löhne zu rebellieren, schreibt Coyle in ihrem jüngsten Beitrag für die «Financial Times». Denn: «Burger-Brater verdienen Boni, Banker nicht.»

In der Theorie logisch, in der Praxis nicht

Leistungslöhne und Boni werden gern mit dem höheren Risiko begründet, das Manager eingehen müssen. Doch dieses Argument überzeugt Coyle nicht. Schliesslich brächten heute viele Jobs wichtige und riskante Entscheidungen mit sich. «Wenn Boni und Leistungslöhne so gut für leitende Angestellte und Banker funktionieren, warum bekommt sie dann nicht jeder andere auch?»

Coyle zweifelt auch weitere konventionelle Begründungen für Boni und Anreizsysteme an. Namentlich sollen sie Manager dazu motivieren, mehr Geld für die Aktionäre und Kunden zu erwirtschaften. Zugrunde liegt dieser Ansicht die Prinzipal-Agenten-Theorie: Ein Manager (Agent) arbeitet im Auftrag der Aktionäre (Prinzipal). Damit der Agent nicht primär seine eigenen, sondern die Ziele des Prinzipals verfolgt, werden die Interessen der beiden verknüpft – zum Beispiel durch eine Gewinnbeteiligung des Agenten.

Das Problem: Diese Theorie funktioniert nur, wenn Jobs eindimensional sind, aus nur einer Aufgabe bestehen und die Resultate genau gemessen und zugeordnet werden können. In der Realität aber haben Agenten verschiedenste Aufgaben mit vielen Dimensionen. Einige davon sind einfach zu messen, andere schwer. Werden etwa Boni an Lehrer für gute Leistungen der Schüler ausbezahlt, werden sich deren Testergebnisse zwar tatsächlich mit grosser Wahrscheinlichkeit verbessern. Aber andere wünschenswerte, nicht messbare Fähigkeiten wie intellektuelle Neugier oder Interesse an Kunst werden leiden. In solchen Fällen ist es deshalb besser, einen fixen Lohn zu bezahlen, um Engagement über alle Bereiche hinweg zu erzeugen.

«Gerade die Chefs sollten keine Boni bekommen»

Leistungslöhne sind aus dieser Sicht umso problematischer, je schwieriger sich das Resultat einer Arbeit erheben und überwachen lässt. Das gilt laut Coyle heute mehr denn je, da wirtschaftliche Abläufe immer komplexer und ungreifbarer werden. Gleichzeitig liegt es in der Natur der Sache, dass Boni und Anreize eher an einfach beobachtbare Indikatoren wie den Aktienkurs oder den Betriebsgewinn gekoppelt werden. Deshalb verzerren laut Coyle die heutigen Bonussysteme das Verhalten, indem sie kurzfristige über langfristige Gewinne erheben und vierteljährliche Aktienkursgewinne über die Zufriedenheit von Kunden.

Wir sollten also eigentlich das genaue Gegenteil dessen sehen, was wir heute beobachten, findet Coyle: Chefs und führende Banker, die komplexe Jobs mit vielen unmessbaren Aufgaben erledigen, sollten die letzten Angestellten sein, die Boni erhalten. Viel mehr Sinn machen sie hingegen bei Angestellten in Fast-Food-Läden oder Werkstätten, deren Output einfach zu messen ist. «Die Aktionäre haben also recht, wenn sie gegen aberwitzige Managerlöhne rebellieren», so Coyle. «Aber die Rebellion müsste eigentlich viel weiter gehen und Fixlöhne für die meisten leitenden Angestellten fordern.»

fko