2016-04-22 12:04

Wein aus dem Mixer und «Katzenpisse»

«Schöner saufen» heisst ein ungewöhnlicher Crashkurs für Weineinsteiger. Gelingt damit der Versuch, auch Frauen und Junge anzusprechen?

Dominik Vombach (hinten) bringt den Gästen die Freuden des Weintrinkens näher. Fotos: Doris Fanconi

Dominik Vombach (hinten) bringt den Gästen die Freuden des Weintrinkens näher. Fotos: Doris Fanconi

Meint er das jetzt wirklich ernst? Benjamin Herzog nimmt eine Flasche Rotwein, die er gerade entkorkt hat, und kippt sie schwungvoll in einen Mixer. Er schaltet das Gerät ein, sodass der Wein aufschäumt, herumgewirbelt wird und bald mehr dunkelrosa denn weinrot aussieht. Dreissig Leute sehen Herzog bei diesem Experiment zu. Ein grosser Teil davon blickt etwas unsicher im Raum umher und zu den anderen Kursteilnehmern, einigen steht der Mund offen.

O ja, er meint das sehr ernst. «Schöner saufen» heisst der Event, der an diesem Samstagabend im Bachsermärt an der Zürcher Badenerstrasse durchgeführt wird. Es handelt sich um einen Crashkurs in Sachen Wein, den Benjamin Herzog zusammen mit Dominik Vombach schon zum sechzehnten Mal leitet. Sie wollen damit ihre Freude am Getränk Wein mit anderen teilen.

Die Nase wird trainiert.

Die beiden sind wohlgemerkt knapp über dreissig, kennen gelernt haben sie sich bei der Weinzeitschrift «Vinum». Vor einigen Monaten haben sich Herzog und Vombach neu orientiert, sie beraten nun Gastronomen, schreiben Weintexte für Winzer und unterrichten eben auch interessierte Weinlaien.

Der gemixte Wein kommt bei den Teilnehmern – die meisten sind weiblich und ebenso jung wie die Dozenten – ins Glas rechts. Ins linke kommt derselbe Tropfen, ohne dass er schockartig belüftet worden wäre. Der Unterschied? Fast alle sind sich einig, dass die Extraportion Luft dem gemixten Wein gutgetan hat; dass er zugänglicher geworden ist, weil ein grosser Teil der gewöhnungsbedürftigen Aromen verschwunden ist. Nur eine Teilnehmerin sieht das anders – was durchaus im Sinn der Veranstalter ist. Denn ein wesentliches Ziel des Abends ist es, eine eigene Meinung zu einem Wein zu haben. Und zu vertreten.

Dass hier alles auf den Tisch darf, auch die Frage, ob man denn Champagner im Kelch servieren darf oder welchen Flaschenöffner man bevorzugt.

Weinkurse – auch solche von Weinhändlern – erfreuen sich grosser Beliebtheit. Es ist alles andere als unüblich, dass Businessfrauen und -männer am Feierabend ihr Weinwissen vertiefen. Und meist ganz eifrig mit Bleistift und Notizblock hantieren, wenn der Kursleiter erklärt, dass man bei Bordeaux im Wesentlichen das rechte und das linke Ufer unterscheidet. Oder dass man Sauvignon Blanc an seinem Stachelbeergeruch erkennt.

Kam gut an: extraluftiger Wein aus dem Mixer.

Bei «Schöner saufen» sieht man keinen einzigen Teilnehmer mit Schreibzeug. Trotzdem kommt der Sauvignon Blanc zur Sprache, als ein Kursteilnehmer in seinem Glas «Katzenpisse» zu erkennen glaubt. Dafür erntet er erst schallendes Gelächter, dann aber auch Zustimmung von Herzog: «Das stimmt. Katzenpisse ist gewissermassen die Steigerung von Holunder.» Und damit ein typisches Aroma für manche Weissweine.

Dass hier alles auf den Tisch darf, etwa auch die Frage, ob man denn Champagner im Kelch servieren darf oder welchen Flaschenöffner man bevorzugt, macht den Kurs so attraktiv. Das passt zu einer Weinwelt, in der gerade viele Winzer den Konventionen zu entrinnen versuchen: Sei es ein Stephan Herter aus Winterthur, der auch mal für Rosé einsteht und seine Etiketten mit Comicfiguren bedruckt. Sei es ein Amédée Mathier in Salgesch, der seine Tropfen teilweise in Amphoren vergärt.

Ja, wieso nicht einen roten Nebbiolo sowohl eiskalt als auch «mehr als körperwarm» servieren? So sieht man, dass Wärme sensorisch vor allem den Alkohol in den Fokus rückt, die Kälte dafür die Gerbstoffe verstärkt. Das Experiment wird abgeschlossen, indem die Teilnehmer die beiden Proben so miteinander mischen, dass die persönliche Idealtemperatur für den Weingenuss gefunden wird. So säuft man schöner...

Was sagt die Etikette? Und was sagt der eigene Eindruck?

Dass man die üblichen, teilweise ziemlich ausgetretenen Wege des herkömmlichen Weingenusses verlassen darf, kann auch bei Weinpublikationen beobachtet werden. Vor gut einem halben Jahr startete «Schluck – das anstössige Weinmagazin», das immerhin rund 10'000 Abonnenten finden konnte. Hier wurden etwa nach dem Terroranschlag auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» die Bordeaux-Etiketten gezeigt, die von den Zeichnern in den letzten Jahren gezeichnet worden sind. Und im neusten, zweiten Heft gesteht ein Weinhändler, dass nicht die Edelweine mit 16 und mehr Punkten bei seinen Kunden beliebt seien, sondern die molligen, süssen Primitivos, über die Fachleute meist lästern.

Die Themen, die Manfred Klimek und seine Schreiber zusammentragen, sind nicht unbedingt so verschieden vom herkömmlichem önophilen Lesestoff – die angeschlagene Tonalität ist es dagegen schon. Da liest man schon mal, dass Champagner «die Marilyn Monroe unter den Weinen» sei und Müller-Thurgau der Harald Juhnke. Zudem sucht man die angeblich so wichtigen (verkaufsfördernden) Punktebewertungen umsonst. Die einzigen Tabellen, die man findet, sind Playlists, etwa mit den liebsten Rocksongs des Berliner Barkeepers Willi Schlögl.

Das in London domizilierte «Noble Rot», das es als englisches Print- und Online-Magazin gibt, schlägt in die gleiche Kerbe: Da hat es neben der Château-d’Yquem-Reportage eben auch Platz für eine Story, welche die Wechselwirkungen von Wein- und Graskonsum beschreibt. Oder für einen Essay von John Niven («Gott bewahre»), in dem er die Highlights seines Autorenlebens beschreibt, die mit Rebensaft zu tun hatten: Nur zu gut kann er sich erinnern, wie eine Ex-Freundin sechs Flaschen Château Margaux 1991, die ihm gehörten, in die Toilette kippte, weil er nach einem Streit das Haus verlassen hatte.

Morgen mit zwei Höhepunkten

Auch wenn manche der Texte allzu gesucht originell wirken – es ist höchste Zeit, dass etwas gegen den Snobismus (und den Machismo) in der Weinwelt unternommen wird. Denn es darf 2016 einfach nicht mehr sein, was Laura Schälchli, die Gastgeberin an diesem «Schöner saufen»-Abend, jüngst an einer Degustation mit Bordeaux-Weinen erlebt hat: Weil sie ohne Zweiteiler und Perlohrringe daherkam, wurde sie doch tatsächlich von einem anwesenden Winzer aus der französischen Prestige-Region getriezt, ob sie ihren Eintritt eigentlich geschenkt bekommen habe.

Die Teilnehmer können mit dem Snobismus der Branche nichts anfangen.

Wer ein junges, weibliches Publikum ansprechen will, muss seine Flughöhe dieser Kundschaft anpassen – nicht umgekehrt. Dies weiss zum Beispiel der 2013 gegründete Weinhandel Smith & Smith in Zürich, der auch mal einen Boxkampf sponsert oder Champagner fürs Frühstück im Bett vorschlägt: «Der Morgen sollte mehr als einen Höhepunkt haben», ist auf der Website doppeldeutig zu lesen. Denn: Wein soll Spass machen. Auch bei Vinatur, einem Händler, der sich auf biologisch angebaute, ungeschwefelte Naturweine spezialisiert hat. Online wird nicht nur auf eigene Degustationen hingewiesen, die teilweise in einem Badehäuschen am See stattfinden, sondern auch auf diverse Veranstaltungen der Konkurrenz.

Am Ende des Abends schenken Benjamin Herzog und Dominik Vombach als Letztes einen Wein aus, ganz ohne einen «pädagogischen Mehrwert» im Visier zu haben: einen Tropfen, den sie mögen, wie sie sagen. Den können die Teilnehmer dann «gern haben oder nicht. Vielleicht ist er ja Gesprächsstoff, wenn wir die offenen Flaschen austrinken.»

Wie hat den Leuten der Abend gefallen, die teilweise via Facebook oder einschlägigen Foodblogs den Weg in den Bachsermärt gefunden haben? Einer lobt: «Es war ziemlich niederschwellig.» Und eine andere gibt zu: «Jetzt traue ich mich endlich, an eine Degustation zu gehen.» Damit dürfte bewiesen sein, dass es überhaupt nicht verkehrt ist, schöner zu saufen.

Nächster Kurs: 16. Juni. Informationen unter www.herzogundvombach.com