2017-11-02 09:05

Über die Herkunft der Werke ist weiter wenig bekannt

Auch nach jahrelanger Forschung klaffen in den Provenienzberichten über die Gurlitt-Bilder noch immer grosse Wissenslücken.

  • loading indicator

Für Cornelius Gurlitt muss es ein Albtraum gewesen sein. 2012 drangen Zollfahnder bei dem damals 79-Jährigen ein und beschlagnahmten kistenweise Kunstwerke aus seiner Wohnung in München. Die Bilder, Skizzen und eine Skulptur von Auguste Rodin hatte Gurlitt von seinem Vater, einem bekannten NS-Kunsthändler, geerbt. Erst eineinhalb Jahre später ging die Staatsanwaltschaft mit dem Fall an die Öffentlichkeit, der weltweit Schlagzeilen machte. Es wurde von «Nazi-Schatz» und Raubkunst gesprochen und von Beständen im Wert von 1,5 Milliarden Euro.

Heute erscheint die Sache in einem anderen Licht. Die Sammlung Gurlitt enthält nicht annähernd so viel Raubkunst, wie die Medien anfangs vermuteten. Bis heute wurden nur sechs von den rund 1500 Werken der Sammlung als Raubkunst identifiziert. Während der letzten zwei Jahre haben Forscher des Projekts Provenienzrecherche Gurlitt über 1000 Objekte begutachtet. Bis heute wurden nur 150 Forschungs­berichte abgeschlossen. Und obwohl vieles noch im Dunkeln liegt, beendet die Forschungsgruppe Ende Jahr ihre Arbeit.

Ab 2. November zu sehen: 150 Gemälde aus der Sammlung Gurlitt im Kunstmuseum Bern. (Video: SDA)

Cézannes Bild kommt noch

«Wir werden auch bis zum Projektende im Dezember nicht annähend alle Fragen geklärt haben», sagte Andrea Baresel-Brand, Leiterin des Projekts Provenienzrecherche Gurlitt gestern. Das Forschungsteam hätte sein möglichstes getan: «Aber mehr gibt die Quellenlage derzeit nicht her», so Baresel-Brand. Doch auch über die Werke mit abgeschlossenem Bericht herrscht keine absolute Klarheit. 112 Objekten der insgesamt 150 abgeschlossenen Recherchen werden Provenienzlücken bescheinigt. Das sind also Kunstwerke, bei denen die Forscher nicht eindeutig ergründen konnten, wo sie sich zwischen 1933 und 1945 befunden haben.

35 Objekten wurde bescheinigt, «erwiesenermassen oder mit grosser Wahrscheinlichkeit keine Raubkunst» zu sein. In diese Kategorie fällt etwa Cézannes «La Montagne Sainte-Victoire». Doch auch bei diesem Werk gibt es Provenienzlücken (der «Bund» berichtete). Marcel Brülhart, Vizepräsident der Dachstiftung Kunstmuseum Bern/Zentrum Paul Klee, bestätigte das gestern vor den Medien. Die Familie Cézanne hatte Ansprüche angemeldet. Der Fall zeigt: Auch bei den als unbedenklich eingestuften Werken ist die Herkunft nicht immer gesichert. Das wertvolle Cézanne-Bild soll im Verlauf der Ausstellung dennoch in Bern gezeigt werden, sagte Brülhart gestern. Das Museum führe mit der Familie Cézanne «gute Gespräche», um eine Lösung zu finden. Nach der Ausstellung solle das Werk wieder nach Deutschland gehen, bis die «offenen Fragen» geklärt seien, sagte Brülhart.

Deutsche Ministerin lobt Bern

Die Provenienzforschung sei auf extrem viele Quellen angewiesen und brauche manchmal auch Glück, sagt Baresel-Brand. Es gebe sehr viele Faktoren, welche die Arbeit erschwerten. «Im 2. Weltkrieg wurden gezielt falsche Fährten gelegt, vieles wurde unter dem Tisch verkauft, da fehlen heute Belege für die Transaktionen.» Doch erst letzte Woche konnte das «Porträt einer sitzenden jungen Frau» des französischen Malers Thomas Couture als NS-Raubkunst identifiziert werden. Das Bild stammt, mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Sammlung des früheren französischen Ministers Georges Mandel. Mandel gehörte zu den prominentesten jüdischen Opfern der Nationalsozialisten in ­Frankreich.

Rein Wolfs, Intendant der zeitgleich stattfindenden Gurlitt-Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn verteidigte die Arbeit der Forscher: «Angesichts der Komplexität und des Zeitaufwandes, die mit gewissenhafter Provenienzforschung einhergehen, sind sechs bislang nachgewiesene Fälle von Raubkunst durchaus keine geringe Zahl.» Vier Werke seien schon an die rechtmässigen Erben zurückgegeben worden. «Ich hoffe, dass unsere Ausstellung dazu beitragen kann, Weiteres zutage zu fördern und weitere mögliche Hinweise auf Raubkunst zusammenzutragen», sagte Wolfs.

Raubkunst oder nicht?

Als man in Bern 2014 den Entscheid traf, das Erbe Gurlitts anzutreten, sagte man stets: Kein Werk, das Raubkunst sei oder den Verdacht erwecke, komme ins Kunstmuseum. Nun zeigt sich, dass dieses Versprechen schwer einzuhalten sein wird. Denn bei vielen Bildern konnte bisher nicht nachgewiesen werden, dass sie Raubkunst sind, genauso wenig jedoch das Gegenteil. Das Kunstmuseum hat letztlich das Wahlrecht, ob es diese Werke übernehmen will oder nicht. Es wird über jeden heiklen Fall wohl einzeln entscheiden müssen.

Lob gab es gestern bereits von der deutschen Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). Diese würdigte die Ausstellung in ihrer Rede am Abend in Bern als bedeutenden Beitrag zur Aufarbeitung der NS-Herrschaft. Die Ausstellung in der Schweizer Hauptstadt sowie die parallel dazu laufende Schau mit Bildern in der Bonner Bundeskunsthalle seien «ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft».

«Wir werden auch bis zum Projektende nicht annähernd alle Fragen geklärt haben.» Andrea Baresel-Brand, Leiterin des Gurlitt-Forschungsprojekts. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)
«Wir werden auch bis zum Projektende nicht annähernd alle Fragen geklärt haben.» Andrea Baresel-Brand, Leiterin des Gurlitt-Forschungsprojekts. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)