2017-06-09 23:00

Als die Seelen sich offenbarten

Pop und Drogen gebaren in den 60ern die Psychedelik. Sie hält sich bis heute.

Psychedelischer Effekt: Die Verfremdung und Verheiterung lebte fröhlich weiter und blitzte in allen möglichen Stilen immer wieder auf.

Psychedelischer Effekt: Die Verfremdung und Verheiterung lebte fröhlich weiter und blitzte in allen möglichen Stilen immer wieder auf.

(Bild: Reuters Eric Thayer)

  • Benedetto Vigne

Auf Besen reitende Hexen, die durch das sternenverpixelte Weltall rasen: Solch ein Bild suggerierten die Geräusche, die den Beatles-Song «Tomorrow Never Knows» begleiteten, eine mantraartige Litanei in ostinatem C-Dur, von John Lennon mit verstellter Stimme gesungen und getragen vom ruckelnden Schlagzeug. Die Effekte hatten die Band und ihr Produzent George Martin mithilfe rückwärts gespielter oder beschleunigter Endlosbandschlaufen kreiert.

Beatles, Tomorrow Never Knows. Quelle: Youtube/ Paulo H Caetano

Das bahnbrechende Stück erschien im Sommer 1966 am Schluss des Albums «Revolver» – und läutete ein Psychedelikfieber in der Popmusik ein, das seinen Höhepunkt 1967 erlebte. Wer Rang und Namen hatte in der Szene – und erst recht, wer es nicht hatte – begann nun, Klänge zu verfremden, Songs zu zersetzen, Engelschöre anzustimmen, barock zu trompeten und zu behaupten, man höre das Gras wachsen. Selbst Cat Stevens liess das Orchester rückwärts spielen («A Bad Night»), die Supremes schickten sphärische Morsepiepser durch den Äther («Reflections»).

Vermengen und verschmieren

Die Welle reflektierte die aufblühende Begeisterung für bewusstseinsverändernde Substanzen und zog auch eine visuell ausrastende Farbenvermengung in Künsten und Konzerten nach sich. Im Umfeld des Drogendiskurses war ja auch der einschlägige Begriff entstanden: «Psychedelik», ein griechischer Neologismus für «Seelenoffenbarung», taucht in den 50er-Jahren beim Wahrnehmungsessayisten Aldous Huxley auf.

Jimi Hendrix, Purple Haze. Quelle: Youtube/ JimiHendrixVEVO

Auf die Halluzinationen spielten denn auch die oftmals recht surrealen Texte der Psychedeliksongs an: «Purple haze all in my brain», «One pill makes you larger, and one pill makes you small», «Picture yourself in a boat on a river / With tangerine trees and marma­lade skies». Derweil sollte der verfremdete Klang, der schon bei verzerrten oder «gewahwahten» Gitarren ansetzte, den Rausch nachempfinden.

Dabei gab es Nuancen: Die Briten tendierten dazu, dem klassischen kurzen Popsong auf synthetische Art kunstvolle Strukturen zu verleihen (wie Syd Barretts Pink Floyd in «See Emily Play») oder eine hippieeske Fröhlichkeit zu verpassen. In den USA gedieh der improvisierte Jam, der direkt aus dem Rausch zu entstehen schien und auf Garagenbands wie die 13th Floor Elevators zurückging.

Pink Floyd, See Emily Play. Quelle: Youtube/ ForbiddenInGermany4

Man könnte behaupten, Punk und Art­rock, die zwei radikalen Antagonisten der späten 70er-Jahre, seien beide aus der psychedelischen Bewegung hervorgegangen. Die amerikanischen MC5, quasi Pioniere des Punkrock, pflegten in ihrer Frühphase einen sehr ausgeflippten Jamsound; die Yes, Fahnenträger der sogenannt Progressiven, entstanden aus den Syn, einer feinen Band des psychedelischen Sommers in England.

Die erste Psychedelikwelle, die mehr eine Ausschmückung denn ein Genre war, verebbte gegen Ende der 60er-Jahre. Der psychedelische Effekt, die Verfremdung und Verheiterung, lebte indes fröhlich weiter und blitzte in allen möglichen Stilen immer wieder auf – nicht zuletzt darum, weil die sich entwickelnde Elektronik und Aufnahmetechnik neue Verfremdungen ermöglichte, im Soul, New Wave, Techno und Hip-Hop und erst recht im sogenannten Shoegaze der 90er- oder im Dreampop der Nullerjahre. Prince und U2, Madonna und Radiohead hatten ihre psychedelische Phase. Und will man wissen, wie das Ding heute klingt, hört man zum Beispiel in «Ein guter Tag» hinein, von Klaus Johann Grobes Album «Spagat der Liebe»: einfach schön entrückt.