2016-05-20 12:20

Ein Kuss für Tamerlan

Usbekistan hat das Zeug zum Märchenland. Die Uhren ticken in der zentralasiatischen Wüste anders.

Imposant: Der Eingang zur Wüstenstadt Buchara. Foto: Chris Price (Flickr)

Imposant: Der Eingang zur Wüstenstadt Buchara. Foto: Chris Price (Flickr)

Mitten in der Wüste, im Nirgendwo, liegt ein Dorf mit 30 Hütten und fünfmal so vielen Ziegen. Hier wohnt Lera. Sie ist die Tochter des Hauses, in dem wir zu Gast waren. 17 Jahre, dunkles Haar, schlank und zierlich – wie wenige Frauen in Usbekistan. Menschen in der Wüste hatten früher wenig zu essen und zu trinken. Voll und füllig sind hier Adjektive des Schönheitsideals – Leras Mutter ist schön.

Die Tochter studiert in der Schule des Nachbardorfes Informatik. Tag für Tag marschiert sie die fünf Kilometer durch die Wüste. Leras Vater verdient sein Geld bei der Eisenbahn, seit Jahrzehnten lebt er hier. Im Haus sind 38 Fernsehsender das Tor zur Welt. Vor der Haustür breitet sich die Kysylkum-Wüs­­te aus, karg und heiss, sie ist die sechzehntgrösste der Welt. Oranger Sand und Kies, aufgelockert durch gelbe Tamarisken und prächtige Mohnblumen. Die Sonne geht unter, der Himmel färbt sich rot. Diese Wüstenromantik hat was.

Neben der Körperfülle sind auch aufwendige Henna-Tattoos ein Schönheitsideal. Foto: Chris Price (Flickr)

Ob sie im Dorf bleiben wird, ist sich Lera nicht so sicher. Sie will zuerst das Studium beenden. Lera bringt Tee, Brot, Käse und fragt, ob sie den Fernseher anschalten solle. Die Mutter bleibt in der Küche, der Vater löst Kreuzworträtsel.

Usbekistan ist ein muslimisches Land, 90 Prozent der Bevölkerung praktiziert den Glauben seit Jahrhunderten, doch als 1924 die Sowjets einmarschierten und Religionen verboten, war Schluss. Aber der Islam ist tief verwurzelt in der Kultur. So tief, dass 1991, als Usbekistan unabhängig wurde, beinahe alles wieder war wie vorher – abgesehen von der Herrschaft eines unbarmherzigen Diktators.

Die islamischen Wurzeln sind unübersehbar: Prächtige Decke in einer Moschee. Foto: Chris Price (Flickr)

Die Pracht von Glauben und Geschichte offenbart sich auch dem Besucher. Auf der Reise durch die Wüste trifft man auf Oasen und reizende Städte: Buchara, Chiwa und vor allem Samarkand. Wunderbare Moscheen mit türkisblauen Kuppeln flankieren riesige Plätze. Graziles trifft auf Mächtiges, grosse Baukunst vermischt sich mit dem Sinn fürs Schöne. Usbekistan liegt an der Seidenstrasse und gilt als kulturelles Herz Zentralasiens. Wer handeln und Geld verdienen wollte, kam hier durch. Die Osmanen hinterliessen Spuren, die Chinesen handelten mit Europäern, die Mongolen wüteten und wurden sesshaft.

Einer von ihnen, Tamerlan, wird von den Usbeken verehrt und gepriesen, obschon er in seinem Eroberungswahn Hunderttausende hinrichtete. Doch der brutale Tamerlan liess auch viele prächtige Gebäude bauen, die heute Usbekistan den eigentümlichen Reiz geben. Von «Tausendundeiner Nacht», schwärmen Prospekte. Das darf man so stehen lassen.

Seit Jahrhunderten ein Handelsplatz: Auf dem Markt in Samarkand. Foto: Richard Weil (Flickr)

Selbstredend entstand in dieser sagenhaften Landschaft eine Unzahl an Märchen. Eines sei hier erzählt: Tamerlan hatte sechs Frauen und viele Konkubinen. Seine liebste Frau war eine chinesische Prinzessin, der er eine Moschee baute, die Bibi-Chanum-Moschee in Samarkand. Der Baumeister war ein heissblütiger Verehrer der Prinzessin und wollte einen Kuss. Die Prinzessin verschwand, am nächsten Tag traf sie auf den Verehrer und führte elf Eier mit, jedes in einer anderen Farbe bemalt. Sie sagte: «Wozu mich küssen? Schau diese Eier an, jedes sieht anders aus, doch innen sind sie alle gleich. So sind wir Frauen.» Da nahm der Baumeister zwei Gläser hervor, füllte eines mit Wasser, das andere mit Wein. Er sagte: «Ich halte es eher mit diesen Gläsern: Wasser löscht den Durst, Wein erfreut den Geist.» Sie erlaubte ihm darauf den einen Kuss.

Solche Romanzen bleiben für Lera wohl unerreichbar. Als 17-Jährige ist sie im heiratsfähigen Alter. Usbekische Eltern suchen für ihre Kinder den passenden Partner. Lera lächelt verlegen: «Nein, nein, erst studieren.»

Die Reise wurde unterstützt von Kira-Reisen.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet