2017-08-09 17:31

«Keine echte Reue» – 12,5 Jahre Gefängnis für Tötung an Goldküste

Ein Galeristensohn hat seinen Freund in einer Villa in Küsnacht getötet. Nun wurde er wegen diverser Delikte verurteilt.

Äussern sich zum Urteil: Staatsanwalt Alexander Knauss und der Medienanwalt des Beschuldigten Andreas Meili. Video: Stefan Hohler/Tamedia

Es war ein aufsehenerregender Prozessauftakt, als Ende März vor dem Bezirksgericht Meilen die Tötung von Alex, eines 23-jährigen schweizerisch-britischen Doppelbürgers, verhandelt wurde. Die Verhandlung wurde für das Publikum in zwei weitere Gerichtssäle übertragen und simultan ins Englische übersetzt. Die britische Boulevardpresse berichtete en detail über die grausame Tat eines 32-jährigen Galeristen und Kunsthändlers. Dieser hat in der Villa seiner Eltern in Küsnacht seinen langjährigen Freund getötet – vollgepumpt mit Kokain und dem in der Anästhesie verwendeten Schmerzmittel Ketamin.

Die Täterschaft war stets unbestritten. Es stellte sich allerdings die Frage, wie die Tat juristisch beurteilt wird. Diese Frage hat nun das Bezirksgericht Meilen beantwortet. Es verurteilt den 32-Jährigen wegen vorsätzlicher Tötung und weiterer Delikte, darunter Vergewaltigung, zu einer Freiheitsstrafe von 12 Jahren und 6 Monaten. Er muss Gerichts- und Untersuchungskosten, Prozessentschädigungen sowie Genugtuung und Schadenersatz für die Angehörigen und für das Vergewaltigungsopfer in der Höhe von insgesamt 600'000 Franken bezahlen.

Nach der Urteilsverkündung setzte der Gerichtspräsident zur Begründung an: Dass der 32-Jährige seinen Freund getötet habe, stehe ausser Frage. Bereits kurz nach der Tat hätte der Beschuldigte die Aussage gemacht, dass er nach einem Streit mit einem Kerzenständer auf das Opfer eingeschlagen habe. Das Verletzungsbild und die DNA-Spuren stützten diese Schilderungen. Erst später habe der 32-Jährige von einer Notwehrsituation gesprochen. Dass es Notwehr war, glaubt das Gericht aber nicht. Vielmehr hält es die Erstaussage für glaubwürdig.

Gericht glaubt nicht an Aliens

Der Galeristensohn habe die Geschichte wiederholt anders erzählt, die ursprüngliche Aussage relativiert, und Alkohol und Drogen vorgeschoben. So sagte er plötzlich, dass er vom Opfer gewürgt worden sei, was sich aber nicht erhärten liess. Monate später sprach er davon, dass er sich in der Tatnacht nicht wohlgefühlt habe, alles sei surreal gewesen und er habe sein Opfer als Ausserirdischen wahrgenommen.

Das Gericht glaubt den Schilderungen nicht. Sie würden der angeblichen Amnesie widersprechen. Zudem seien die Beschreibungen «viel zu pauschal», so wie man sich einen Science-Fiction-Film vorstelle. Etwa jene der grünen Männchen, die er bei der Taxifahrt von Zürich zum elterlichen Haus in Küsnacht gesehen habe. Die grünen Männchen habe der Beschuldigte erst erwähnt, als ihn der Psychiater aufforderte, konkrete Beispiele von Psychosen (wegen des Ketamin-Rauschs) zu nennen. «Der Beschuldigte passte seine Aussagen immer wieder an die Resultate der Untersuchung an», sagte der Gerichtspräsident. Spätestens als der Beschuldigte dem Opfer eine Kerze in den Mund steckte, sei klar gewesen, dass der Beschuldigte den Tod des Opfers wolle. Deshalb handle es sich um vorsätzliche Tötung.

Die Geschehnisse von London

Beim Prozess Ende März wurden auch Sexualdelikte in einem Londoner Hotelzimmer verhandelt, die der 32-Jährige stets bestritt. Die Vorkommnisse ereigneten sich einige Monate vor der Tötung in Küsnacht. Die Ex-Freundin des Beschuldigten schilderte, dass sie vom Beschuldigten damals in Todesangst versetzt wurde und er sie anschliessend vergewaltigt und sexuell genötigt habe.

Obwohl das Gericht der Ex-Freundin zur Last gelegt hatte, dass sie erst spät Anzeige erstattet habe, hält es die Aussagen der Frau für lebensnah, stimmig und insgesamt glaubhaft. Denn der Täter war schon früher gewalttätig gewesen. Deshalb kommt das Gericht zum Schluss, dass es sich um «qualifizierte Vergewaltigung und sexuelle Nötigung» gehandelt hat.

Freispruch der versuchten Tötung

Das Gericht urteilte auch noch über einen dritten Fall. Dabei ging es um eine Taxifahrt in Ibiza. Die Ex-Freundin des Beschuldigten gab an, er habe sie aus dem fahrenden Taxi stossen wollen. Der Sachverhalt konnte sich aber nicht erhärten lassen. Der Beschuldigte wurde freigesprochen.

Zum Strafmass: Der Strafrahmen für die vorsätzliche Tötung liegt zwischen 5 und 20 Jahren. Das Gericht hat sich für 9 Jahre Freiheitsstrafe alleine für die vorsätzliche Tötung entschieden. Die verminderte Schuldfähigkeit wirkte sich strafmildernd aus. Die Tat an sich war jedoch grausam und das «objektive Tatverschulden wiegt sehr schwer». Er habe einen guten Freund getötet.

Hinzu kommt die Strafe für die Sexualdelikte und Fahren unter Drogeneinfluss von insgesamt fünf Jahren. Diese Strafe wurde um 1,5 Jahre reduziert – unter anderem wegen den Teilgeständnis, weil er nach der Tat die Polizei alarmierte und wegen der langen Verfahrensdauer.

Zum Abschluss sagte der Gerichtspräsident, dass beim Verurteilten von «keiner echten Reue» gesprochen werden könne. Das Gericht erachtet eine ambulante Suchttherapie parallel zur Gefängnisstrafe als sinnvoll.

Was vor der Urteilsverkündung geschah


Bei dem Prozess Ende März drehte sich alles um die Frage, was am 30. Dezember 2014 in der Villa in Küsnacht passiert war. Die Anklage ging davon aus, dass der Angeklagte vollgepumpt mit Kokain und Ketamin, den 23-jährigen schweizerisch-britischen Staatsbürger mit einem sechs Kilogramm schweren Kerzenständer niederschlug. Dann prügelte er mit einer fast zwei Kilogramm schweren goldenen Skulptur und einer antiken Dekorationsfigur weiter auf ihn ein, rammte dem noch lebenden Freund eine Kerze in den Rachen und erwürgte ihn schliesslich. Die Anklageschrift listet 28 verschiedene Verletzungen auf, die der 23-Jährige erlitt.

Es besteht kein Zweifel, dass der Beschuldigte der Täter war. Er bestreitet aber konsequent zwei weitere gravierende Delikte, die er ebenfalls im Drogenrausch begangen haben soll. Nur zwei Monate zuvor, im Oktober 2014, soll er seine damalige Begleiterin in einem Londoner Hotel in Todesangst versetzt und sie anschliessend vergewaltigt und sexuell genötigt haben. Weitere drei Monate früher, im Juli 2014, soll er zudem auf Ibiza versucht haben, die gleiche Frau aus einem 80 Stundenkilometer schnell fahrenden Taxi zu stossen, was zu einer Anklage wegen versuchter Tötung führte.

Musste er damit rechnen?

Abgesehen von der Frage, ob dem Beschuldigten die Sexualdelikte und der Tötungsversuch nachgewiesen werden können, stand in diesem besonderen Verfahren eine Frage im Mittelpunkt: Musste der 32-Jährige damit rechnen, dass er im Drogenrausch schwere Straftaten begeht? Die vom psychiatrischen Gutachter festgestellte Schuldunfähigkeit führt normalerweise zu einem Freispruch, weil der Täter für seine Tat nicht zur Verantwortung gezogen werden kann.

Abstransport der Leiche nach dem Tötungsdelikt in der Küsnachter Galeristenvilla (Januar 2015). Bild: Stefan Hohler

Nicht so in diesem Fall. Der Staatsanwalt ging davon aus, dass der Galerist/ Kunsthändler um die verheerende Wirkung des Drogencocktails wusste und dass er damit rechnen musste, dass er zu einer Psychose mit paranoiden Wahnvorstellungen führen könnte. Denn schon Anfang 2011 hatte der Mann unter dem Einfluss von Kokain und Ketamin seinen Vater mit einem Gehstock attackiert. Zuvor hatte er verkündet, er sei Jesus und wolle alle heilen.

Die Strafanträge des Staatsanwaltes

Dass auch Schuldunfähige bestraft werden können, sieht das Strafgesetzbuch ausdrücklich vor. Wer aufgrund bereits gemachter Erfahrungen um seine Unberechenbarkeit weiss, kann sich nachher nicht mit dem Hinweis auf Schuldunfähigkeit einer Strafe entziehen.

Der Staatsanwalt lieferte drei verschiedene Strafanträge:

  • Erste Variante: 16 Jahre Freiheitsstrafe. Dies unter der Annahme, dass es zwischen den Freunden, die beide in jener Nacht Kokain und Ketamin konsumiert hatten, zu einem eskalierenden Streit gekommen war. Unter dem Einfluss der Drogen, was laut Gutachter zu einer mittelgradigen Verminderung der Schuldfähigkeit führte, habe der Täter sein Opfer «recht eigentlich massakriert».
  • Zweite Variante: 13 Jahre. Dies unter der Annahme, dass der Täter aufgrund des Drogenrausches nicht schuldfähig ist. Bestraft werden kann er aber trotzdem, weil er diesen Zustand schuldhaft herbeiführte, obwohl er ihn hätte vermeiden können. Aufgrund früherer Drogenerfahrungen habe er gewusst, dass er in einen psychotischen Zustand mit paranoiden Wahnvorstellungen geraten könne. Er habe also in Kauf genommen, in einem solchen Zustand Menschen ernstlich zu verletzen oder gar zu töten.
  • Dritte Variante: 10 Jahre. Diese Variante entspricht im Wesentlichen der zweiten Variante, mit dem Unterschied, dass der Täter die möglichen Folgen seines Zustandes nicht in Kauf genommen hat. Er hat entweder aus Fahrlässigkeit nicht daran gedacht, dass etwas passieren kann, oder darauf vertraut, dass schon nichts passieren wird.

«Es tut mir unendlich leid!»

Tagelang schwieg der Beschuldigte während des Prozesses, um das Schweigen am Schluss doch noch zu brechen. Der 32-Jährige wandte sich zur Mutter und Schwester des von ihm getöteten Alex und sagt: «Das, was ich getan habe, tut mir unendlich leid. Ich würde alles tun, um es rückgängig zu machen. Das können Sie mir glauben.»

Für die beiden Verteidiger stand in Bezug auf das Tötungsdelikt das Gutachten des forensischen Psychiaters im Zentrum. Dieser geht davon aus, dass der 32-Jährige damals durch den Konsum von Kokain und Ketamin in einen psychotischen Zustand mit paranoiden Wahnvorstellungen geriet, die Realität nicht mehr wahrnahm und deshalb nicht erkennen konnte, dass er nicht tun durfte, was er tat. Mit anderen Worten: Er war unzurechnungsfähig.

Weil er diesen Zustand aber mit dem Drogenrausch selbst verschuldet hat, geht er nicht etwa straflos aus. Laut Strafgesetzbuch kann die «Verübung einer Tat in selbst verschuldeter Unzurechnungsfähigkeit» mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren geahndet werden. Die Verteidiger stellten allerdings den Antrag, der Beschuldigte sei für diese Dauer in eine stationäre Suchtbehandlung zu schicken.

thas/hoh/sip