2014-11-21 00:30

Forscher glauben an die Tiefengeothermie in der Schweiz

Energie aus dem Untergrund hat grosses Potenzial. Nötig sind allerdings Testbetriebe – und die Akzeptanz der ­Bevölkerung.

Abgebrochenes Projekt: Geothermie-Bohrturm im St. Galler Sittertobel (14. November 2013). Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Abgebrochenes Projekt: Geothermie-Bohrturm im St. Galler Sittertobel (14. November 2013). Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Der Ruf nach mehr Grundlagenforschung wurde lauter nach dem Abbruch des St. Galler Geothermieprojekts. Nun legt im Auftrag des Zentrums für Technologiefolgen-Abschätzung (TA-Swiss) erstmals eine interdisziplinäre Forschergruppe ein 500 Seiten starkes Kompendium über die Energie aus dem Untergrund vor. Die Wissenschaftler kommen darin zum eindeutigen Schluss: Es lohnt sich grundsätzlich, in der Schweiz in die Tiefengeothermie zu investieren. «Das Ziel muss aber die Petrothermie sein», sagt Projektleiter Stefan Hirschberg vom Paul-Scherrer-Institut in Würenlingen.

Das heisst: Grossen Nutzen bringt allein die Technologie, wie sie in Basel ausprobiert wurde, wo man mehrere Kilometer tief in den Granit bohrte und mit hohem Wasserdruck künstlich ein Risssystem als «Durchlauferhitzer» erzeugte. Die gewonnene Energie war für ein Fernwärmenetz und die Stromproduktion gedacht. Vorläufig ist diese Technik, die gezwungenermassen für die Rissbildung Mikrobeben auslöst, ein notwendiges Übel. Es sei im Moment das einzige verfügbare Werkzeug, schreiben die Forscher. Keinen «substanziellen Beitrag» liefern hingegen hydrothermale Systeme wie in St. Gallen, die Wärme aus wasserführenden Schichten gewinnen.

Die Studie bestärkt das Bundesamt für Energie darin, dass die Tiefengeothermie bis zum Jahr 2050 durchaus 4 bis 5 Gigawattstunden Strom liefern kann, was knapp 10 Prozent des Jahresbedarfs entspräche. Was der Untergrund tatsächlich hergibt, ist indes unsicher. Das verheimlichen die Forscher nicht. Es gibt zwar in der Schweiz gute seismische Untersuchungen, doch fehlen Bohrdaten, um genaue Schätzungen zu machen. Die Erfahrungen im Ausland zeigen jedoch, dass die Geologie in der Schweiz für die Geothermie wie geschaffen ist. Ob dieser Vorteil genutzt werden kann, hängt von den gesetzlichen Rahmenbedingungen, der Wirtschaftlichkeit und der Akzeptanz in der Bevölkerung ab.

Zu komplizierte Verfahren

Wer ein geothermisches Kraftwerk bauen will, ist auf die Nutzungs­erlasse der Kantone angewiesen. «Die Bewilligungsverfahren sind sehr komplex», sagt Gunter Siddiqi vom Bundesamt für Energie. Die Studie schlägt vor, die Bewilligungen innerhalb der Behörden koordiniert und gebündelt zu erteilen.

Letztlich muss diese Technologie aber die Bevölkerung überzeugen. Die Studie zeigt, dass Geothermie praktisch keine Treibhausgase produziert und die Ökobilanz nicht hinter jenen «sauberer» Energieformen wie Fotovoltaik und Wind zurücksteht. Bedeutsam wird sein, wie gut das Erdbebenrisiko künftig kontrolliert werden kann. «Wir werden nie im nötigen Detail die Verteilung der Spannungen im Untergrund kennen», sagt Stefan Wiemer, Direktor des Schweizerischen Erdbebendienstes. Fortschritte in der Risikobewertung seien trotzdem gemacht worden. Mit jedem neuen Pilot- und Demonstrationsprojekt in der Schweiz könne man das seismische Risiko noch besser eingrenzen.Läuft alles nach Plan, können die Erkenntnisse aus Basel und St. Gallen im Jura schon bald geprüft werden.

Geo Energie Suisse plant 2016 Bohrungen für ein geothermisches Kraftwerk in Haute-Sorne. Dabei sollen fast horizontale Bohrungen kleine Wärmereservoire schaffen, die im Verbund einen grossen Wärmetauscher ergeben. Der Vorteil: Bei jedem neuen Reservoir wird ersichtlich, wie der Untergrund reagiert, und es kann entsprechend reagiert werden. Zudem weiss die Wissenschaft heute mehr über die Dosierung des Wasserdrucks für die künstliche Erzeugung der Reservoirs. Erst dann wird sich auch zeigen, ob das geplante Projekt tatsächlich rentabel sein kann. Die Wirtschaftlichkeit hängt letztlich davon ab, wie viel Wärme aus dem Boden gezogen werden kann. Diese Technologie ist zu teuer, um nur Strom zu produzieren.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet