2016-05-23 10:48

Uni Bern untersuchte 158 Todesfälle bei Familiendramen

Im Schnitt tötet in der Schweiz drei- bis viermal pro Jahr ein Täter Familienmitglieder – und dann sich selbst. Gemeinsam haben die Fälle zwei Dinge: Stress und Schusswaffen. Es gibt aber auch überraschende Befunde.

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(Bild: Uni Bern)

Morde im Familienkreis mit anschliessendem Selbstmord des Täters geschehen vor allem unter Stress: Scheidung, unklarer Aufenthaltsstatus, enge Wohnverhältnisse. Dies haben Schweizer Forscher herausgefunden. Unter den Tätern finden sich sowohl Büezer als auch Professoren.

Im Schnitt tötet in der Schweiz drei bis vier Mal pro Jahr ein meist männlicher Täter ein meist weibliches Opfer und danach sich selbst, wie ein Team um Matthias Egger vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Bern im Fachblatt «Plos One» berichtet. Dies ergab ihre Studie von 158 Todesfällen durch Tötungsdelikte in Familien zwischen 1991 und 2008, die erstmals auch die Risikofaktoren erhob.

Stressige Lebensumstände

«Überraschend war, dass wir keinen Zusammenhang zum Beruf und zur sozialen Schicht fanden», sagt Egger der Nachrichtenagentur sda. Ob Büezer oder Professor spielte keine Rolle. Ausländer führten solche Taten auch nicht häufiger aus als Schweizer Bürger – mit Ausnahme solcher, die keine permanente Aufenthaltsbewilligung besassen.

Das grösste Risiko stellten stressige Lebensumstände dar: keine Aufenthaltsbewilligung, beengte Wohnverhältnisse und Beziehungsprobleme. Geschiedene Männer waren häufiger Täter als verheiratete, nicht Religiöse häufiger als Katholiken. Keinen Einfluss hatte die Anwesenheit von Kindern im Haushalt oder eine städtische oder ländliche Umgebung.

Schusswaffen regulieren zur Prävention

In über 80 Prozent der Fälle verwendete der Täter eine Schusswaffe. Die Forschenden sprechen sich deshalb klar dafür aus, den Zugang zu Waffen einzuschränken. «Dies wäre der erfolgreichste Ansatz zur Prävention», sagt Egger. «Ich bin überzeugt, dass ein oder zwei solche Familiendramen pro Jahr so verhindert werden könnten.»

Internationale Studien zeigten einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Waffendichte eines Landes und Familiendramen, erklärt Egger. In Holland, wo die Waffendichte tiefer ist als in der Schweiz, kommen sie nur halb so häufig vor, in den USA hingegen öfter.

Ob die Täter aber Militärwaffen verwendeten, konnten die Wissenschaftler in der aktuellen Studie nicht überprüfen. Sie betonen jedoch, dass die Zahl der Tötungsdelikte in Familien in der Schweiz im europäischen Vergleich hoch ist, während die Mordrate tief ist. 60 Prozent aller Morde fänden im Familienkreis statt, schreiben die Forschenden. 28 Prozent der Schweizer Haushalte besitzen eine Schusswaffe.

Eggers Team hatte die 158 Todesfälle durch Familiendramen in den Daten der Volkszählungen von 1990 und 2000 identifiziert. Laut Egger ist dies weltweit die erste bevölkerungsweite Studie zu dieser Art von Tötungsdelikten.

mw/sda

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Mord im Einfamilienhaus: In diesem Haus im aargauischen Islisberg tötete ein 37-jähriger Familienvater 2005 seine Frau und seine beiden Kinder.
Mord im Einfamilienhaus: In diesem Haus im aargauischen Islisberg tötete ein 37-jähriger Familienvater 2005 seine Frau und seine beiden Kinder.