2020-02-07 13:58

Er warnte vor dem Virus – und starb selbst daran

Li Wenliang wurde von den Behörden als «Gerüchteverbreiter» bezeichnet und infizierte sich selbst.

Ein Held in den Augen vieler Chinesen: Arzt Li Wenliang. Foto: Li Wenliang via Weibo

Ein Held in den Augen vieler Chinesen: Arzt Li Wenliang. Foto: Li Wenliang via Weibo

  • Sven Hoti

Li Wenliang war Augenarzt in einer Klinik in Wuhan, dem Epizentrum des neuartigen Coronavirus. Der 34-Jährige hatte bereits Ende Dezember sieben Krankheitsfälle im Spital beobachtet, bei denen die Patienten ähnliche Symptome wie bei der Sars-Epidemie von 2003 zeigten. Was Wenliang damals noch nicht wusste: Die Patienten hatten sich mit dem neuen Coronavirus infiziert.

Auf Wechat, dem chinesischen Whatsapp-Pendant, informierte der 34-Jährige seine ehemaligen Studienkollegen am 30. Dezember 2019 erstmals über die Krankheitsfälle. Er habe seine Kommilitonen an der Universität lediglich daran erinnern wollen, vorsichtig zu sein, sagte Li dem US-Nachrichtensender CNN.

Was als Warnung für seine Kollegen gedacht war, verbreitete sich rasant im Netz, denn Screenshots der Nachrichten wurden publik – zusammen mit seinem Namen. Das bekam auch die örtliche Polizei in Wuhan mit. Kurzerhand beorderte sie den «Gerüchteverbreiter», wie sie ihn später nennen wird, zu sich und liess ihn einen offiziellen Brief unterschreiben. Li wurde der «Verbreitung von Gerüchten» und «schweren Störung der sozialen Ordnung» bezichtigt. Er musste sein «Fehlverhalten» eingestehen und versprechen, keine weiteren «unerlaubten Taten» zu begehen. Aus Angst vor einer Festnahme unterschrieb er den Brief. «Meine Familie wäre krank vor Sorge um mich, wenn ich meine Freiheit für ein paar Tage verlieren würde.»

«Wenn Sie weiterhin so stur sind (...), werden Sie vor Gericht gestellt»: Brief der Polizei an Li Wenliang (auf das Bild klicken zum Vergrössern). Foto: Li Wenliang via Weibo

Etwa zeitgleich hatte die städtische Gesundheitskommission in Wuhan die medizinischen Institutionen über eine «unbekannte Lungenentzündung» informiert, die bei einigen Besuchern des Wuhan-Fischmarktes entdeckt wurde. Mit dem Hinweis kam die Warnung, ohne Genehmigung keine Informationen zur Behandlung der Krankheit an die Öffentlichkeit weiterzugeben.

Denn Informationen sollten nur von den chinesischen Behörden verbreitet werden, und nur so weit, wie es der Staatsapparat zulässt. Am 1. Januar teilte die Regierung in Peking auf Weibo, einem Twitter-ähnlichen Kurznachrichtendienst, mit, man habe «rechtliche Massnahmen» gegen acht Personen ergriffen, die kürzlich Gerüchte zur unbekannten Krankheit veröffentlicht und geteilt hätten. Diese hätten «negative Auswirkungen auf die Gesellschaft» gehabt. Sie warnte: «Jede gesetzwidrige Verbreitung von Gerüchten und der Störung der sozialen Ordnung wird von der Polizei nach dem Gesetz mit null Toleranz bestraft.»

Heute ist er ein Held

Mit vermeintlicher Transparenz will die chinesische Regierung heute die Fehler wiedergutmachen, die sie 2003 im Zuge der verspäteten Benachrichtigung zum Sars-Virus gemacht hatte. Die Bevölkerung misstraute diesen Informationen – zu Recht, wie sich zeigte. Nebst den bis dato Tausenden Ansteckungsfällen und Hunderten Toten in mehreren Ländern steckte sich auch Li Wenliang Anfang Januar mit dem neuartigen Coronavirus an, als er unwissentlich eine infizierte Patientin behandelte. Der 34-Jährige verstarb gemäss chinesischen Medienberichten am 6. Februar im Spital.

Bei der chinesischen Bevölkerung ist Li ein Held. Zehntausende haben sich auf sozialen Netzwerken für seine Courage bedankt. «Hätte Wuhan seinen Warnungen mehr Aufmerksamkeit geschenkt und hätten die Behörden präventive Massnahmen ergriffen, es könnte sich heute ein völlig anderes Bild ergeben», schrieb ein Nutzer.

Auch das höchste Gericht in China hat das Vorgehen der Behörden in Wuhan inzwischen kritisiert: «Es wäre ein Glücksfall für die Eindämmung des neuen Coronavirus gewesen, wenn die Öffentlichkeit damals auf dieses ‹Gerücht› gehört (...) hätte.»