2019-04-26 15:14

Aufstand in Hollywood

Zwischen Drehbuchautoren und den vier grossen Künstleragenturen tobt eine Schlacht. Studios fürchten um ihre Produktionen.

Unter dem Schriftzug brodelts: Die vier grössten Künstleragenturen in Hollywood und der Writers Guild of America sind im Streit.

Unter dem Schriftzug brodelts: Die vier grössten Künstleragenturen in Hollywood und der Writers Guild of America sind im Streit.

(Bild: Keystone)

  • David Steinitz

Wer dachte, Gewerkschaften seien nur etwas für sozialistische Europäer, hat noch nicht mitbekommen, was für ein Sturm losbrechen kann, wenn die Gewerkschaftskollegen im Kernland des Kapitalismus auf die Barrikaden gehen – in Hollywood.

Dort liefert sich die Writers Guild of America (WGA), die Gewerkschaft der Drehbuchautoren, gerade eine regelrechte Schlacht mit den sogenannten «Big Four». Das sind die vier grossen Künstleragenturen CAA, ICM, WME und UTA, von denen neben den Stars auch ein Grossteil des restlichen Hollywood in Vertragsverhandlungen vertreten wird. Dazu gehören vor allem Schauspieler, Regisseure und Drehbuchautoren, und Letztere fühlen sich von ihren Agenten massiv übers Ohr gehauen.

Deshalb hat die WGA, die zwei Zweigstellen in New York und Los Angeles hat, ihre gut 15'000 Mitglieder aufgefordert, ihre Agenten zu feuern. Laut WGA sind bereits über 7000 Autoren dieser Anweisung gefolgt und haben ihre Vertreter per Kündigungsschreiben, die gerade Waschkörbeweise bei den Big Four eingehen, vor die Tür gesetzt. Zusätzlich verklagt die WGA die Big Four in Los Angeles wegen des Verstosses gegen Landes- und Bundesgesetze, was ganz Hollywood in Aufruhr bringt, weil die Studios und Streamingdienste befürchten, dass ihre Produktionen zum Erliegen kommen könnten.

Der Erfinder der Serie «The Wire» fühlt sich von seiner Agentur betrogen und zieht vor Gericht

Der Grund für das ganze Theater sind die sogenannten «Packaging Deals» in der amerikanischen Filmbranche, und wer davon noch nie etwas gehört hat, ist damit nicht allein; denn auch vielen Drehbuchautoren war diese Praxis lange fremd.

Das zeigt das Beispiel des Drehbuchautors David Simon, der mit sieben anderen Autorinnen und Autoren und der WGA im Rücken gegen die Agenturen vor Gericht gezogen ist. Simon ist eine feste Grösse im US-Showgeschäft, er hat mehrere TV-Serien als Chefautor und Produzent betreut, darunter die gefeierten HBO-Produktionen «The Wire» und «The Deuce».

Eine feste Grösse in Hollywood: David Simon gehört zu einer Reihe von Drehbuchautoren, die gegen die Agenturen vorgehen.

Aber als der 59-Jährige noch ein junger Journalist war, der mit seinen Erfahrungen als Gerichts- und Polizeireporter ins Filmgeschäft wechseln wollte, wurde er erst mal nach Strich und Faden von windigen Agenten betrogen. So beschreibt er es zumindest in einem Blogeintrag auf seiner Website «The Audacity of Despair», wo er mit einer Menge nicht ganz jugendfreier Wörter gegen die Agenturen wettert.

Simon hatte schon mit einem Literaturagenten schlechte Erfahrungen gemacht, und das wiederholte sich auch bald im Filmgeschäft, als er gerade dabei war, einen heiss begehrten Showrunner-Vertrag mit HBO für «The Wire» zu unterschreiben. Damals sagte ihm sein Agent von der Creative Artists Agency (CAA), er wolle die Serie dem Sender gerne als «Package» verkaufen, also als Paket. Und Simon fragte verwirrt: Was für'n Ding?

So erfuhr er von einer Praxis, die seit Jahrzehnten dafür sorgt, dass die Agenturen sehr, sehr viel Geld scheffeln können. «Packaging» bedeutet, dass ein Agent nicht wie sonst üblich zehn Prozent der Gage bekommt, die er für einen Klienten aushandelt; sondern dass seine Firma und er bei einer Serie oder einem Kinofilm mehrere Teile oder gleich das komplette kreative Personal eines Projekts für einen Sender oder ein Studio besetzen und die Verträge verhandeln. Dafür bekommt die Agentur, die so eine Art Koproduktionspartner wird, eine «Packaging Fee», also eine Gebühr, die direkt von der Produktionsfirma bezahlt wird, manchmal sogar Prozentbeteiligungen am potenziellen Gewinn.

Als David Simon von diesem System hörte, war für ihn klar: «Packaging ist eine Lüge. Es ist Diebstahl. Es ist Betrug.» Denn durch solche Deals würden die Agenten nur noch halbherzig die Interessen ihrer Klienten vertreten, weil sie nicht mehr von ihren zehn Prozent der zu verhandelnden Gage abhängig sind, sondern so oder so ihre Gebühr bekommen. Sprich: Sie tauschen laut Simon ein paar Tausend gegen ein paar Millionen Dollar. Zudem entstünde ein absurder Interessenskonflikt, weil die Agenturen zum Beispiel einen Autor vertreten, der ein Drehbuch geschrieben hat, aber gleichzeitig auch den Regisseur, der es kaufen will. Wie, so Simon, solle man so die idealen Vertragskonditionen herausschlagen?

Was Simon besonders empörte und endgültig zu der Überzeugung brachte, dass die meisten Agenten Betrüger seien: Bereits Jahre zuvor, als er noch keine Ahnung hatte, was Packaging war, hatte CAA ihn bei der Serie «Homicide» im Paket an den Sender NBC verhökert – ohne ihm etwas davon zu sagen. Seitdem befindet er sich in einem Feldzug gegen die «Motherfucker» bei den Agenturen.

Die Gegenseite behauptet, die Gewehrschaft würde die ganze Filmindustrie «ins Chaos» stürzen

Lange Zeit hat er diesen Krieg mit einer eher kleinen Schar an Mitstreitern geführt, nun hat er fast die gesamte WGA hinter sich. 95 Prozent der Mitglieder, also auch viele, die ihren Agenten (noch) nicht gekündigt haben, wollen mit den vier grossen Agenturen schriftlich einen neuen Verhaltenskodex für Vertragsverhandlungen aushandeln. Da die Gespräche zwischen der WGA und der Association of Talent Agents (ATA), der Interessenvertretung der Agenturen, aber gescheitert sind, bläst die WGA nun zum Sturm. Die Autorengehälter, vor allem für den jungen, unbekannten Nachwuchs, seien im Keller, weil die Agenten nicht die Interessen ihrer Kunden wahrnähmen, während sie sehr luxuriös von deren Erfindungen lebten.

Die ATA wiederum argumentiert, dass man doch sehr erstaunt sei, dass die WGA sich plötzlich so sehr über eine Vorgehensweise mokiere, die seit über vier Jahrzehnten als gängige Praxis gelte. Eine Sprecherin sagte, die WGA stürze die gesamte Entertainmentindustrie «ins Chaos», weil ohne Vertragsverhandler keine Verträge und folglich auch keine Filme und Serien mehr zustande kämen. Ausserdem droht die ATA ihrerseits mit juristischen Schritten. Denn um die 7000 agentenlosen Autoren in Vertragsverhandlungen zu vertreten, hat die WGA vorgeschlagen, Juristen als Ersatz zu berufen. Da es aber sowohl in New York als auch in Los Angeles gesetzlich verboten ist, ohne eine offizielle Lizenz als Agent zu arbeiten, will die ATA jeden verklagen, der sich zum Ersatzagenten aufmandelt.

Derweil sorgen sich die Produzenten, ob noch andere Gewerkschaften auf den Zug aufspringen könnten, zum Beispiel die der Regisseurinnen und Regisseure, und wie lange der Streit wohl gehen könnte. Denn das Verfahren, das die acht Autoren um David Simon anstreben, wird sich wohl Monate hinziehen, und momentan sieht es so aus, als würde keine der beiden Seiten so einfach nachgeben.