2012-09-18 06:32

Das teuerste Schulhaus von Zürich

Es gibt Streit um die Anlage Blumenfeld in Zürich-Affoltern, die zum teuersten Schulhaus der Stadt wird. Politiker führen dies auf übertriebene Standards für Neubauten zurück: «Jede Schublade wird normiert.»

Ein Paradies für architekturinteressierte Schülerinnen und Schüler: Das geplante Schulhaus Blumenfeld in Zürich-Affoltern. Visualisierung: PD

Ein Paradies für architekturinteressierte Schülerinnen und Schüler: Das geplante Schulhaus Blumenfeld in Zürich-Affoltern. Visualisierung: PD

Es ist ein happiger Betrag, den der Stadtrat dem Parlament vorlegt: 90 Millionen Franken soll das neue Schulhaus Blumenfeld in Affoltern kosten – so viel wie noch kein anderes städtisches Schulhaus zuvor. 12 Millionen davon entfallen auf das benötigte Land, auf 78 Millionen belaufen sich die Baukosten. Die Volksabstimmung ist für nächstes Frühjahr geplant. Bei einem Ja könnten die Bauarbeiten bereits im kommenden Sommer beginnen und die Schulanlage für 440 Kinder schon im Frühjahr 2016 bereitstehen.

Nötig wird das Schulhaus, weil die Zahl der Schüler in Affoltern wegen der äusserst regen Bautätigkeit stetig wächst. Die Zahl der Kinder im Schul- und Vorschulalter hat dort in den letzten sechs Jahren um 350 auf 2100 zugenommen; bis 2014 wird eine weitere Zunahme um 300 Kinder erwartet. Momentan stehen in Affoltern Schulcontainer.

Der Rekord-Kredit stösst im Stadtparlament auf Widerstand. Von «horrenden Kosten» spricht SVP-Fraktionschef Mauro Tuena. Er kritisiert, dass Schulhausbauten in Zürich immer teurer würden. «Wir wollen endlich wissen, warum das so ist.» Sein Verdacht: Die Stadt setzt auf Luxuslösungen. Die zuständigen Stadträte André Odermatt (SP) und Gerold Lauber (CVP) müssten sich auf «sehr kritische Fragen» gefasst machen. Tuena verlangt zudem, dass es bei Schulhausbauten künftig schon bei der Projektierung ein Kostendach gibt.

«Jede Schublade wird normiert»

Unzufrieden ist auch FDP-Präsident Michael Baumer: «Es wird in Zürich generell zu teuer gebaut.» Er führt dies auf übertriebene Standards für Neubauten zurück. Baumer ist überzeugt, dass es bei Schulhäusern wesentlich günstiger ginge. Und er wundert sich: Obwohl Hochbauvorsteher Odermatt im letzten Herbst Einsparungen angekündigt hatte, werde das Schulhaus Blumenfeld jetzt doch nicht entscheidend günstiger. Auch er plädiert dafür, dass künftig schon bei der Projektierung auf eine Kostensenkung hingewirkt wird.

«Die Stadt hat ein Problem mit den Baukosten», konstatiert Gian von Planta. Die Gründe dafür ortet der GLP-Fraktionschef bei den vielen Reglementierungen für Neubauten: «Jede Schublade wird normiert.» Architektonische und städtebauliche Faktoren hätten oft ein zu grosses Gewicht gegenüber der Wirtschaftlichkeit. «Die Stadt muss nicht billig bauen, aber sie sollte das Kostenbewusstsein bei Schulbauten steigern.»

Skeptisch beurteilt auch Fabienne Vocat von den Grünen die hohen Kosten für Zürcher Schulhäuser: «Ein Schulhaus sollte in erster Linie funktional sein und dem Unterricht dienen – und nicht der Selbstverwirklichung der Architekten.» Rückendeckung erhält Odermatt dagegen von seiner SP: «Ich vertraue der Stadt, dass sie die Kosten seriös abgeklärt hat und keine überrissene Vorlage präsentiert», sagt Gemeinderat Mark Richli.

Das Schulhaus Blumenfeld sorgte bereits 2010 für hitzige Diskussionen. Damals war bekannt geworden, dass der Neubau gar auf 99 Millionen Franken zu stehen kommen sollte. Das gab der Debatte um die Kosten öffentlicher Bauten und überbordende Normen neuen Auftrieb.

«Wir montieren keine goldenen Türfallen»

Damals war der Unmut über die Kosten für das 2009 eröffnete Schulhaus Leutschenbach noch frisch; die Architekturikone galt von Anfang an als Luxusbau. Kritiker monierten, andere Gemeinden könnten Schulhäuser weit günstiger bauen als Zürich. Als Paradebeispiel führten sie das Gebäude der Zurich International School in Adliswil an.

Daraufhin gingen Hochbauvorsteher Odermatts Planer beim Schulhaus Blumenfeld nochmals über die Bücher. Sie verschmälerten Gänge, hoben einen Teil der unterirdischen Räume auf, vereinfachten die Konstruktion, verringerten teure Fassadenflächen und senkten die Turnhallenhöhe. So konnten sie den Baukredit um 8 auf 62,5 Millionen Franken herunterschrauben.

Allerdings zeigt sich nun: Die Kosten bleiben unter dem Strich mit 90 Millionen hoch.Das Hochbaudepartement verteidigt den Kredit: «Ja, es ist ein stolzer Betrag, aber kein Luxusbau, wir montieren keine goldenen Türfallen», sagt Odermatts Sprecher Urs Spinner. Der Steuerzahler erhalte einen stattlichen Gegenwert.

Die hohen Kosten führt er vor allem auf die Flächenvermehrung pro Kopf zurück – die Schüler erhalten mehr Platz. Zudem ist eine Dreifachturnhalle geplant, und das Blumenfeld wird zum ersten Zürcher Schulhaus im Standard Minergie-P-Eco.

Mehr Luxus im Leutschenbach

In den 90 Millionen enthalten sind laut Spinner auch die 5 Millionen Franken teure Altlastensanierung, 2,5 Millionen für weitere Schulraumprovisorien sowie die Baureserve von 7 Millionen. Im Vergleich mit anderen Schulbauten weise das Blumenfeld-Bauprojekt «ein angemessenes Kosten-Nutzen-Verhältnis auf». Gemessen an den Quadratmeterkosten seien die Schulhäuser Leutschenbach und Albisriederplatz teurer gewesen.

Trotz der Kritik dürfte die Stadt der Volksabstimmung relativ gelassen entgegensehen. In der Vergangenheit hiess das Volk Neu- oder Erweiterungsbauten von Schulen meist mit komfortablen Ja-Anteilen gut. So auch 2001 beim bisher grössten Brocken, dem 76-Millionen-Kredit für das Schulhaus Im Birch.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet