2016-09-27 01:22

Kinderprämien steigen, weil sich Krankenkassen sanieren müssen

Die Prämien lasten schon heute schwer auf den Familien. Nun schlagen jene für Kinder besonders stark auf – um 6,6 Prozent. Unter anderem, weil jede vierte Kasse zu wenig Reserven hat.

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So stark sind die Krankenkassenprämien seit sechs Jahren nicht mehr gestiegen: Ab Januar muss ein Erwachsener im Schnitt 4,5 Prozent mehr für eine Standardprämie bezahlen. Noch heftiger trifft es Versicherte mit hohen Wahlfranchisen – und die Kinder. Deren Prämien erhöhen sich im Schnitt um 6,6 Prozent. In den Kantonen Appenzell Innerrhoden und Genf sind es gar rund 10 Prozent.

Dies trifft die Familien hart. Ein Paar mit zwei Kindern und einem Bruttoeinkommen von 70'000 Franken muss bereits heute ein Achtel seines verfügbaren Einkommens für Krankenkassenprämien aufwenden. Nun wird diese Last noch grösser. Dazu tragen auch die ­Kantone bei, die bei der Prämienver­billigung sparen.

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Warum aber steigen die Kinderprämien derart stark an? Sozialminister Alain Berset führt den happigen Aufschlag auf die Tatsache zurück, dass die Kinder heute für Krankenkassen ein Verlustgeschäft sind. Ihre Kosten übersteigen die Prämien um rund 10 Prozent – wobei die Verwaltungskosten der Kassen noch nicht berücksichtigt sind. Manch ein Versicherer will dadurch wohl künftige Kunden an sich binden – mitsamt ihren Eltern.

Da fragt man sich, warum dies plötzlich nicht mehr gelten soll. Hat etwa der Bund eingegriffen und den Kassen ­höhere Kinderprämien diktiert? «Überhaupt nicht», versichert Helga Portmann vom Bundesamt für Gesundheit.

Hoffnung auf Entlastung

Neu ist, dass viele Krankenkassen die vorgeschriebenen Mindestreserven nicht mehr erreichen. Das zeigt der neuste Solvenztest des Bundes. Gleich 14 Kassen fielen dieses Jahr durch – so viele wie noch nie. Darunter befinden sich auch bekannte Namen wie Kolping, KPT, Sanagate und diverse Kassen der Groupe Mutuel. Ein Versicherer erreichte gar ­lediglich gut die Hälfte des vorgeschriebenen Reserveminimums.

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Diese Kassen müssen nun ihre Reserven wieder aufbauen. Etliche können sich daher ein Verlustgeschäft bei den Kinderprämien nicht mehr leisten und schlagen hier entsprechend auf. Kommt hinzu, dass der Risikoausgleich zwischen den Kassen verbessert worden ist. Es macht also weniger Sinn, gute Risiken wie etwa junge Familien anzulocken.

Aus ähnlichen Gründen steigen auch die Prämien der 19- bis 25-Jährigen überdurchschnittlich stark. Längerfristig können die jungen Erwachsenen und die Familien aber auf Entlastung hoffen. Die nationalrätliche Gesundheitskommission will nämlich den Risikoausgleich so umgestalten, dass 19- bis 25-Jährige künftig weniger zahlen müssen. Gleichzeitig sollen die Kantone die Kinderprämien stärker verbilligen.

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Warum die Kinderprämien derart stark steigen

Die tiefen Kapitalerträge machen den Krankenkassen zu schaffen. Kommt hinzu, dass sich einige Versicherer beim Kalkulieren früherer Prämien verschätzt haben. Entsprechend schlecht ist der diesjährige Solvenztest des Bundes ausgefallen. Nicht weniger als 14 Krankenkassen fielen durch, weil sie zu wenig Reserven haben.

Der Mutuel Assurance zum Beispiel fehlen rund 50 Millionen Franken. Und die kleine Krankenkasse Birchmeier weist gerade mal halb so viele Reserven aus, wie sie müsste. Auf der Suche nach Möglichkeiten, wie sie ihr Loch stopfen können, haben einige dieser Kassen die Kinderprämien entdeckt. Sie sind heute für viele ein Verlustgeschäft, weil die Prämien die Kosten nicht decken.

Entsprechend stark schlagen die Kinderprämien im nächsten Jahr auf – im Durchschnitt um 6,6 Prozent. Der Bund schreibt den Kassen lediglich vor, für Kinder weniger zu verlangen als für Erwachsene. Wie viel weniger dürfen die Versicherer selbst entscheiden. Auch haben sie freie Hand, ob sie ihre Kinderprämien lieber kostendeckend gestalten oder über die Erwachsenenprämien quersubventionieren.

Der starke Anstieg der Kinderprämien wird die Familien zusätzlich belasten. Längerfristig können diese aber darauf hoffen, dass ihnen das Parlament unter die Arme greift. Konkret möchte die Gesundheitskommission des Nationalrats junge Erwachsene beim Risikoausgleich entlasten. So könnten die Kassen höhere Prämienrabatte gewähren. In der Folge wären weniger 19- bis 25-Jährige auf staatliche Prämienverbilligung angewiesen, was die Kantone entlasten würde. Das so frei werdende Geld möchte die Gesundheitskommission zur Vergünstigung der Kinderprämien nutzen. Diese sollen für Familien mit tiefen und mittleren Einkommen um mindestens 80 Prozent verbilligt werden.

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