2017-10-21 00:30

Ein Königreich für 571 Pferde

Rolls-Royce präsentiert die achte Generation seines Flaggschiffs Phantom. Der technische Fortschritt ist bescheiden, doch die Karosse bleibt ein Synonym für königliches Fahrgefühl.

  • loading indicator

  • Nina Vetterli

  • Vitznau

Unsereins nimmt den Rolls-Royce Phantom als Luxuslimousine wahr. Doch höret, Bürger, und staunet: Er ist ein Königreich – inzwischen das achte seit 1925, womit es sich um die älteste Modell­dynastie handelt. Sein Territorium erstreckt sich über 5,76 oder gar 5,98 Meter von der «Spirit of Ecstasy»-Statue im Norden entlang einer sanften Erhebung hinab zum Heck im Süden und ist über gegenläufig öffnende Ost- und Westportale zugänglich. König ist traditionell der Kunde, der die Herrschaft mit gut einer halben Million Franken an sich reisst. Oder kurzzeitig eine der euren. Denn während der in der Schweiz stattfindenden Ausrufung der neuen Monarchie – ein seltenes Spektakel, das sich zuletzt 2003 ereignete – liess sich die Macht usurpieren. Nicht, um sich an der Opulenz der Lederlandschaft im Innern zu laben. Und schon gar nicht, um es sich mit Champagner aus der Bar gut gehen zu lassen. Nein, liebe Mituntertanen – einzig und allein, um euch streng gehütete Staatsgeheimnisse zu enthüllen! Anders als in gewöhnlichen automobilen Herrschaftssystemen befindet sich der Regierungssitz hinten. Umschmeichelt von zarten Tierhäuten, bei einer sanften Massage, mit ausgestreckten Beinen und der Hand am Dreh-Drück-Zepter fürs Rear-Seat-Entertainment sorgt der König für innenpolitische Zufriedenheit.

Leiser, sanfter, sparsamer

Und was profane Hersteller unter Stichworten wie Voice-Control und autonomes Fahren als Innovation verkaufen, funktioniert hier bereits seit 92 Jahren: «Nach Luzern, bitte!» – schon setzt sich die Sänfte in Bewegung. Wobei es im Königreich weder Strassenunebenheiten noch Hupkonzerte gibt, ja die Gesetze der Physik nicht zu gelten scheinen. Denn dank neuer Luftfederung, die sich über vorausspähende Kameras auf die Fahrbahn einstellt, 130 Kilo Dämm­material, 6-Millimeter-Verbundglas, geschäumten Reifen kümmert es Majestät kaum, was sich ausserhalb des Reichs abspielt. Einzig das Festhalten am 6,75 Liter grossen V12-Heiligtum birgt ein Risiko für aussenpolitische Spannungen, weshalb das Königreich ein neues Biturbo-Aggregat entwickelte, das mit 13,9 Litern gut zwei Liter weniger verbraucht.

Hinterräder lenken mit

Dabei wurde auch die Kavallerie um über 100 auf 571 Pferde aufgerüstet und eine 8-Stufen-Automatik mit der Verwaltung von 900 Newtonmetern betraut. Weitere Reformen betreffen die weitgehend aus Aluminium gefertigte «Architecture of Luxury»-Plattform, die mit einer 30 Prozent steiferen Karosserie einhergeht, sowie eine neue Vierradlenkung, die durch mit- respektive bei niedrigen Tempi gegenlenkenden Hinterrädern für ein agiles Fahrverhalten sorgt. In der Summe ergeben die Änderungen eine Revolution: Mehr Urlaub für den Chauffeur, mehr Pläsier für den König, der sich gerne selber an das grosse, handschmeichelnde Volant hinter den digitalen Anzeigen setzt. Beschützt wird er dabei von elektronischen Dienern, die sich aus der Lenkung des Staats jedoch heraushalten – der König bleibt allmächtig. Gewiss ist er da versucht, die Macht zu nutzen, um die linke Autobahnspur zu annektieren und mit dem 2,6-Tönner wie Hannibal über die Alpen herzufallen. Nicht nur das Laser-Fernlicht, auch der gigantische Kühlergrill sagen: Aus dem Weg! Doch beruhigt es euch sicher zu wissen, dass es hier um Souveränität geht, die grösste Tugend friedliches Dahingleiten bleibt und die Expansionsziele ohnehin bescheiden sind. Bis jetzt, jedenfalls, betrug der Anteil des Flaggschiffs am limitierten Rolls-Royce-Absatz von jährlich rund 4000 Stück kaum über 15 Prozent. Das bedeutet aber nicht, dass der Aufenthalt im Königreich einen unberührt lässt. Denn wie soll man sich je wieder einem gemeinen Auto anvertrauen, ohne einen Bandscheibenvorfall, Hörschaden und eine Hypertonie zu erleiden und sich schnell Handschuhe überzustreifen, um nicht all dieses profane Plastik berühren zu müssen? Und dann Volant und Pedalerie etwa selbst bedienen? Liebe Mituntertanen: An diese Form des autonomen Fahrens könnte man sich glatt gewöhnen.

Nina Vetterli fuhr den neuen Phantom auf Einladung von Rolls-Royce Motor Cars in der Schweiz.