2019-11-23 03:56

Der Prinz stürzt tief

Prinz Andrew genoss einst hohes Ansehen. Nun hat er am Hof ausgespielt.

Prinz Andrew hat seine Mutter, die Königin von England, gebeten, seine Ämter niederlegen zu dürfen. Foto: Rajanish Kakade (AP)

Prinz Andrew hat seine Mutter, die Königin von England, gebeten, seine Ämter niederlegen zu dürfen. Foto: Rajanish Kakade (AP)

Am Donnerstag dieser Woche dominierte mal nicht der britische Wahlkampf die Frontseiten der britischen Presse. Selbst das Dauerthema Brexit fand sich an den Rand der Geschehens, auf die hinteren Plätze gedrängt.

Stattdessen prangte auf allen Titelseiten das Bild Seiner Königlichen Hoheit, des Prinzen Andrew. Verdrossen oder regelrecht schockiert blickte der Herzog von York den Lesern an diesem Morgen entgegen. Kein Wunder – das Urteil aller Medien war einhellig. Erbarmungslos brachen sie den Stab über den Lieblingssohn der Queen.

«Der Herzog tritt ab nach Krisengesprächen mit der Königin», meldete die Londoner «Times» die Lage bei Hofe. Von der «Schande» eines nunmehr «Ausgestossenen» sprach die «Daily Mail».

Trumps Fremdenführer

Elizabeth II. habe «die Monarchie vor weiterem Schaden schützen» müssen, erklärte der «Daily Express» den ebenso unrühmlichen wie erzwungenen «Rücktritt». Die «Sun» liess keinen Zweifel daran, dass Andrew seine Mutter «bitter enttäuscht» habe. Folglich habe ihn ein bitteres Ende ereilen müssen. «Prince Andy» münzte das Blatt in «Prince Endy» um.

Es war in der Tat ein tiefer Sturz für den zweiten Sohn der Queen, ihr drittes Kind, die Nummer Acht der britischen Thronfolge. Eine komplette Bruchlandung für den Prinzen, der sich wegen seiner Reiselust und seiner internationalen Verbindungen einmal den Spitznamen «Airmiles Andy» eingehandelt hatte.

Kürzlich noch war der 59-jährige Windsor bei Donald Trumps Staatsbesuch in London dem US-Präsidenten als Fremdenführer zur Seite gestellt worden. Nun soll er weitgehend aus dem öffentlichen Leben des Vereinigten Königreichs verschwinden und wird auch keine «Airmiles» mehr sammeln dürfen. Allerhöchstens tritt er hier und da mal noch im Kreise der Familie auf einem Balkontermin oder bei einer Militärparade auf.

Zum Verhängnis wurde Andrew, dass er nichts Schlimmes finden konnte an seiner früheren Freundschaft zum Vergewaltiger Jeffrey Epstein.

Mit öffentlichen Zuwendungen, wie sie den anderen Top-Protagonisten der Krone zuteil werden, kann Andrew von nun an jedenfalls nicht mehr rechnen. Auch wenn er selbst von einer «vorübergehenden» Lösung spricht: Seine Rolle bei Hofe ist wohl ausgespielt.

Der Prinz selbst gab ja am Mittwochabend bekannt, dass er die Königin um die Entbindung von seinen öffentlichen Pflichten «gebeten» habe. In Wirklichkeit sah die Queen zu diesem Zeitpunkt keine andere Möglichkeit mehr, als ihren Sprössling aus der Schusslinie und somit generell aus dem Verkehr zu ziehen.

Denn seit dem katastrophalen Fernsehinterview, das Andrew der BBC vor einer Woche gab, hat er sehr schnell und dann immer schneller den Boden unter den Füssen verloren. Zum Verhängnis wurde ihm, dass er im Grunde nichts Schlimmes finden konnte an seiner früheren Freundschaft zu Jeffrey Epstein – selbst als der Hedgefund-Boss und Immobilien-Hai, der sich jüngst in seiner Zelle erhängte, schon als Sexualstraftäter abgeurteilt war.

Zu spät für eine Entschuldigung

Wie Andrew in dem BBC-Interview einräumte, reiste er noch zu einer Party an, die Epstein im Jahr 2010 in New York zur Feier seiner damaligen Entlassung aus der Haft, also schon als vorbestrafter Delinquent, veranstaltete. Der Prinz hatte damals offenbar kein Problem damit, Epstein weiter zuzuprosten und vier Tage lang bei ihm abzusteigen. Den langjährigen Bekannten nicht telefonisch abzuservieren, habe schon sein «Ehrgefühl» verlangt, erklärte Andrew diesen Besuch.

Vorgeworfen wird Andrew freilich auch, sich selbst mehrfach junger Mädchen «bedient» zu haben, die ihm Epstein «zur Verfügung» stellte. An entsprechende Zusammentreffen, vor allem mit Virginia Roberts (nunmehr Virginia Giuffre), die sehr konkrete Angaben machte, will sich Andrew nun allerdings «überhaupt nicht erinnern» können.

Auch brachte er in seinem TV-Interview kein Wort des Mitleids mit all den minderjährigen Opfern über die Lippen, die offenbar von Epstein gezwungen wurden, Sex mit mit dem Krösus selbst und mit wohlhabenden Klienten zu haben. Als der Prinz eine solche Entschuldigung im Laufe dieser Woche nachzuliefern suchte, war es bereits zu spät.

Kriegsdienst hatte ihm hohes Ansehen beschert

Zu diesem Zeitpunkt hatten Grossbanken und weithin bekannte Institutionen und Verbände schon begonnen, sich von dem «begriffsstutzigen» Prinzen abzusetzen. Universitäten, Konzerne, kulturelle Einrichtungen fingen an, gegen seine Schirmherrschaft zu rebellieren.

Niemand wollte mehr assoziiert sein mit dem uneinsichtigen Freund eines skrupellosen Sexhandels-Organisators. Und viele trauten auch Andrews eigenen, teils wunderlichen Dementis nicht recht.

Neu war das Misstrauen ja nicht. Schon vor Jahren war Andrew vorgehalten worden, nicht nur der unverbesserliche «Playboy» der Königsfamilie zu sein, sondern sich auch allzu gut mit Despoten, Kriminellen und Neureichen aller Art zu verstehen.

Dabei genoss der Prinz zu Beginn seines «Dienstes an der Krone» bei Royalisten noch einen durchaus guten Ruf. Da ihn ein Studium nicht interessierte, war Andrew früh schon beim Militär eingestiegen. Er liess sich zum Hubschrauberpiloten und zum Kapitän der Royal Navy ausbilden, und war unter anderem, mit dem nervösen Einverständnis der Queen, im aktiven Einsatz im Falklandkrieg.

«Fergies» Dank an Epstein

Bereits während seiner Militärzeit (die er mit dem Titel «Vizeadmiral ehrenhalber» abschloss) hatte Andrews Liaison mit der Schauspielerin Koo Stark für Schlagzeilen gesorgt. Das Ganze hielt zwei Jahre. 1986 heirateten Andrew und seine alte Kindheits-Freundin Sarah Ferguson. Zu diesem Zeitpunkt verlieh ihm seine Mutter den Titel eines Herzogs von York, Grafen von Inverness und Barons von Killyleagh.

Mit «Fergie» hatte «Andy» zwei Töchter, Beatrice und Eugenie. Die Ehe ging allerdings auch recht schnell in die Brüche und wurde 1996 offiziell aufgelöst. Eine enge Verbindung hat es zwischen den geschiedenen Partnern dennoch weiter gegeben. Zeitweise wohnte Sarah Ferguson sogar im selben Haus wie Andrew. Einmal dankte sie ihrem Ex-Gatten ausdrücklich dafür, sich bei Jeffrey Epstein für sie eingesetzt zu haben: Epstein, erklärte sie, habe ihre damaligen Schulden bezahlt.

Gerüchte über zwielichte Finanz-Affären und ungute Verbindungen folgten Andrew um die Welt in den Jahren 2001 bis 2011, in denen er als Aussenhandels-Beauftragter des britisches Staates umher reiste, um «nützliche Kontakte» herzustellen. Diktatoren und Waffenschmuggler wurden zu Vertrauten des Prinzen damals.

Dem Schwiegersohn des Präsidenten von Kasachstan zum Beispiel verkaufte Andrew, weit über Preis, sein englisches Landgut. Bei anderen fragwürdigen Deals schaltete er sich, angeblich zu satten Provisionen, als Makler ein. Von finsteren Gestalten, nicht zuletzt von Epstein, liess er sich zu sonnigen Ferienaufenthalten oder sonstigen Verlustbarungen einladen. Nicht nur Airmiles bot der regierungsamtliche Job.

Die Monarchin und ihre Berater fürchteten offensichtlich, bei einem immer weiteren Vertrauensverlust Andrews, schweren Schaden für die Institution.

«Prinz Andrew lässt sich halt leicht blenden, wenn er mit ungeheurem Reichtum und vermeintlicher Macht konfrontiert wird», klagte schon vor Jahren die prominente Times-Kolumnistin Libby Purvis. «Er verfällt leicht dem Reiz von ‹Freundschaften› mit grundüblen, korrupten und cleveren Männern – nicht nur in den USA, sondern auch in Libyen, Kasachstan, Usbeskistan, Tunesien, überall in der Welt.»

Es sei immer «schwer auszumachen» gewesen, «in wessen Interesse» der Prinz handelte, meinte der frühere Aussenamts-Staatssekretär Chris Bryant. Rufe nach Untersuchungen wurden zeitweise laut in London. Auch Gegner des internationalen Waffenhandels prangerten Andrews Touren leidenschaftlich an.

Und wie geht es nun weiter?

Erst die zähe Freundschaft mit Epstein, dem Andrew noch jetzt viel zu verdanken glaubt, führte aber in dieser Woche zur «Amtsenthebung» des Prinzen durch die Chefin der Windsors. Die Monarchin und ihre Berater fürchteten offensichtlich, bei einem immer weiteren Vertrauensverlust Andrews, schweren Schaden für die Institution.

Wie es nun weiter geht für den Prinzen, muss sich zeigen. Er selbst zeigte sich gestern optimistisch, dass er an einem seiner bisherigen Projekte, einer Initiative zur Betreuung von Nachwuchs-Geschäftsleuten, in irgend einer Form weiter mitwirken kann. Anwälte von Epstein-Opfern in den USA drohen dem Prinzen nun aber auch schon mit Zwangsvorladungen. Andrew müsse «alle Informationen» herausgeben, die er über Epstein und dessen illegale Aktivitäten habe, meinten die Betreffenden gestern. Andrew selbst hatte tags zuvor ja erklärt, er werde «jeder zweckdienlichen Justizbehörde bei ihren Ermittlungen helfen, wenn man mich danach fragt».