2018-10-29 12:18

«Kontakt, Kontakt, Schüsse abgefeuert, Schüsse abgefeuert»

Aufnahmen des Polizeifunks zeigen die dramatische Festnahme des Schützen Robert B. nach dem Attentat in Pittsburgh.

Die Trauer nach dem Angriff auf Besucher der Synagoge Tree of Life in Pittsburgh ist gross. (Video: AP)

Ein Mitschnitt des Polizeifunks verdeutlicht die dramatische Festnahme des Täters nach dem Attentat in einer US-amerikanischen Synagoge. Die von der britischen BBC verbreiteten Passagen stammen dem Sender zufolge aus dem Abhören des Polizeifunks.

Sie wurden zuerst vom Portal «Broadcastify» veröffentlicht. Der 46 Jahre alte Robert B. hatte in der «Tree of Life»-Synagoge in Pittsburgh am Samstag elf Menschen getötet.

Es ist zu hören, wie die Polizisten im dritten Stock auf den Mann stossen: «Kontakt, Kontakt, Schüsse abgefeuert, Schüsse abgefeuert», meldet ein Sprecher. Im weiteren Verlauf ist Schreien zu hören, der Sprecher fordert Verstärkung an. Ein Polizist der Spezialeinheit Swat wird verletzt gemeldet. Kurz darauf berichtet ein anderer Mann von laufenden Verhandlungen, um den Schützen dazu zu bewegen, herauszukommen.

Kurz darauf gibt der Angreifer den Polizisten seine Bewaffnung preis: «Er sagt, dass er zurzeit eine AR-15 und eine Glock bei sich hat», so der Funkspruch. Das AR-15 ist ein Sturmgewehr, eine Glock eine Pistole. Kurz darauf ergibt der Täter sich: «Verdächtiger kriecht jetzt heraus.»

Rechtes Portal wird geschlossen

Die Seite Gab.com, beliebt bei weissen Nationalisten und Mitgliedern der rassistischen Alt-Right-Bewegung, erklärte am Samstag, ihr Provider werde ab Montag seine Dienste aussetzen. Berichten zufolge hat auch der Online-Bezahldienst Paypal die Seite gesperrt.

  • loading indicator

Gab teilte mit, dass es nach Bekanntwerden des Anschlags den Namen des mutmasslichen Schützen mit einem seiner Nutzerkontos in Verbindung gebracht habe. Daraufhin habe es das Konto von Robert B. gesperrt und sofort die Bundespolizei FBI kontaktiert.

Robert B. soll der Verfasser einer Serie von antisemitischen Botschaften sein. In einem Eintrag, der von B. stammen soll und nur wenige Stunden vor dem Attentat gepostet wurde, wird die jüdische Flüchtlingshilfeorganisation Hias angegriffen: «Hias holt gerne Eindringlinge, die unsere Leute töten. Ich kann nicht sitzen bleiben und zusehen, wie meine Leute abgeschlachtet werden. Scheiss auf Eure Sichtweise, ich gehe rein.»

«Gab wird wahrscheinlich über Wochen nicht erreichbar sein», schrieb die Internetseite im Kurzbotschaftendienst Twitter. «Wir werden weiter für freie Meinungsäusserung und individuelle Freiheit im Internet für alle kämpfen», hiess es weiter. Gab habe «null Toleranz» für Gewalt und Terrorismus und sei «traurig und angeekelt» über die Nachrichten aus Pittsburgh, hiess es in einer Stellungnahme.

Der Täter hatte am Samstag während einer Taufzeremonie für ein Baby in der «Tree-of-Life»-Synagoge das Feuer eröffnet. Laut Wendell Hissrich, Direktor für Öffentliche Sicherheit bei der Stadt Pittsburgh, kamen beim dem Angriff elf Menschen ums Leben, mehrere wurden verletzt, darunter auch vier Polizisten, aber keine Kinder. Dennoch sagte der FBI-Agent Bob Jones: «Es ist der schlimmste Tatort, den ich in 22 Jahren Berufserfahrung gesehen habe.» Die Tat wird von den Behörden als Hassverbrechen eingestuft. Der Angreifer hatte mehrere Schusswaffen bei sich. Nach ersten Erkenntnissen besass er sie legal.

Den Behörden zufolge sei der Schütze zunächst in die Synagoge gerannt und habe Medienberichten zufolge gerufen: «Alle Juden müssen sterben.» Danach soll er das Feuer auf die Besucher der Synagoge eröffnet haben. Beim Verlassen des Gotteshauses traf er zunächst auf einen Polizisten, auf den er sofort schoss. Anschliessend verschanzte er sich in einem oberen Stockwerk der Synagoge und feuerte auf die Spezialeinsatzkräfte, die wenig später eintrafen. Nach einem Schusswechsel mit der Polizei und anschliessenden Verhandlungen habe der Schütze aufgegeben. Die Beamten nahmen ihn fest und durchsuchten das Gebäude. Nach offiziellen Angaben wird der Mann im Krankenhaus mit Schusswunden behandelt.

Die «Tree-of-Life»-Synagoge gilt als ein konservatives jüdisches Gotteshaus, das jedoch offen für Neuerungen sei, wie der Präsident der jüdischen Gemeinde im Grossraum Pittsburgh, Jeff Finkelstein, am Ort des Geschehens sagte. Normalerweise finden sich dort am Samstagmorgen rund 50 bis 60 Gläubige ein.

Auch in anderen Gegenden der USA wurden sofort die Sicherheitsvorkehrungen für jüdische Einrichtungen erweitert. In Squirrel Hill, wo die Synagoge steht, leben seinen Angaben zufolge rund 50 Prozent der im Grossraum Pittsburgh ansässigen Juden. Finkelstein zeigte sich erschüttert: «So etwas sollte nicht passieren, nicht in einer Synagoge, nicht in unserem Viertel.»

Trump: «Die Bilanz hätte viel besser sein können»

US-Präsident Donald Trump verurteilte nach Wahlkampfauftritten in den Bundesstaaten Indiana and Illinois den «Hass» in den USA. Die Attacke in den USA sei «verheerender» als befürchtet. Reportern sagte er: Die Schiesserei habe «wenig zu tun» mit den bestehenden Waffengesetzen. Hätte die Synagoge eine bewaffnete Wache gehabt, hätte «die Bilanz viel besser sein können». Gleichzeitig forderte er einen höheren Einsatz der Todesstrafe und eine schnellere Ausführung: «Ich denke, die Todesstrafe sollte wieder stärker in Mode kommen.»

Trump spricht sich für schnellere Todesstrafen aus. Video: AP

Das US-Justizministerium teilte mit, es strebe die Todesstrafe für den Täter an. Der 46-jährige solle wegen antisemitisch motivierter Verbrechen angeklagt werden, hiess es in der Mitteilung. Trump kündigte einen Besuch in Pittsburgh an. «Diese bösartige antisemitische Attacke ist ein Angriff gegen die Menschheit», twitterte er zudem am Samstagabend (Ortszeit). Nunmehr müssten alle daran arbeiten, «das Gift des Antisemitismus aus unserer Welt zu entfernen». «Wir müssen uns vereinigen, um den Hass zu überwinden.» Amerika trauere um die Opfer des Massenmordes in der Synagoge.

First Lady Melania Trump schrieb: «Mein Herz blutet.» Die Gewalt müsse aufhören. Der US-Vizepräsident Mike Pence twitterte: «Lasst uns beten für die Toten, die Verletzten, alle betroffenen Familien und unsere mutigen Erste-Hilfe-Kräfte!» Der Gouverneur des US-Bundesstaats Pennsylvania, Tom Wolf, twitterte, notwendig seien Massnahmen, um derartige «Tragödien» künftig zu verhindern. Diese Gewalt dürfe nicht «als normal akzeptiert» werden. In den Vereinigten Staaten sterben jährlich mehr als 30.000 Menschen durch Schusswaffen.

Jüdischer Weltkongress schockiert

Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu verurteilte die Schüsse scharf. «Mein Herz ist gebrochen und ich bin angewidert von der mörderischen Attacke auf eine Synagoge in Pittsburgh», sagte Netanyahu in einem Video-Statement. «Das gesamte israelische Volk trauert mit den Familien der Toten.» Er sicherte den Betroffenen und Hinterbliebenen Unterstützung zu. «Wir stehen zusammen mit dem Amerikanischen Volk im Angesicht dieser furchtbaren antisemitischen Brutalität», sagte er.

Der israelische Generalkonsul in New York, Dani Dayan, hatte zuvor erklärt, das Geschehen werde als innere Angelegenheit Israels betrachtet, auch wenn es Tausende Kilometer von Israel entfernt passiert sei.

Der Jüdische Weltkongress (WJC) zeigte sich schockiert. Bei dem Vorfall handle es sich um einen «abscheulichen Terrorakt», sagte WJC-Präsident Ronald Lauder laut Mitteilung am Samstag in New York. «Das war ein Angriff nicht nur auf die jüdische Gemeinde, sondern auf ganz Amerika.»

nag/afp/nlu