2013-08-04 13:24

Sie ist kein Mann und kein Insider

Janet Yellen ist als Vizepräsidentin der US-Notenbank die aussichtsreichste Kandidatin für die Nachfolge von Ben Bernanke. Barack Obama könnte ihr aber den Wallstreet-Mann Larry Summers vorziehen.

Janet Yellen ist punkto Wirtschaftsprognosen seit 2009 die erfolgreichste Notenbankerin.

Janet Yellen ist punkto Wirtschaftsprognosen seit 2009 die erfolgreichste Notenbankerin.

(Bild: Reuters)

Die Kontroverse um die Nachfolge von Ben Bernanke als Notenbankchef schlägt hohe Wellen, obwohl die amtierende Vizepräsidentin der Notenbank, Janet Yellen, seit Monaten klare Favoritin ist. Wieder einmal ist es Larry Summers, der sich ins Gespräch brachte und damit alte Spannungen um die Frauenpolitik der Demokraten auslöste.

Der Finanzminister von Bill Clinton und Ex-Wirtschaftsberater von Barack Obama brachte den Präsidenten dazu, ihn persönlich vor den Kritikern in Schutz zu nehmen und seinen früheren Leistungsausweis herauszustreichen. Mit einer solchen Vorzugsbehandlung kann die fachlich hoch qualifizierte Janet Yellen nicht rechnen. Der Präsident vertraut in Wirtschaftsfragen lieber einem Netzwerk von Wallstreet-Männern.

Wenn ein Kandidat keine Verteidigung braucht, dann ist es Summers. Der Mann ist seit 15 Jahren fester Bestandteil der Old Boys der Demokraten. Seine Nähe zu den Wallstreet-Banken ist allseits bekannt. Auch wenn Summers sich gerne als unabhängiger Denker präsentiert, lässt sich der Harvard-Ökonom derzeit als Berater von der Citigroup bezahlen. Es ist die gleiche Bank, die schon Ex-Finanzminister Robert Rubin und den amtierenden Finanzminister Jack Lew reichlich entlöhnt hatte und die wiederholt von der Regierung ausgekauft werden musste. Seine Nähe zu den Banken macht Summers aus Sicht des linken Flügels der Demokraten als Notenbank-Chef ungeeignet. In einem Brief ans Weisse Haus haben über zwei Dutzend Senatoren klargemacht, dass Summers die falsche Wahl sei und Janet Yellen einen nahezu perfekten Leistungsausweis besitze.

Yellens beeindruckende Bilanz

Die 66-Jährige hat den grössten Teil der letzten 20 Jahre bei der Notenbank gearbeitet und stand praktisch in sämtlichen wichtigen Entscheiden auf der richtigen Seite der Diskussionen. Yellen war es, die schon Alan Greenspan seine schlecht durchdachte Politik des NullProzent-Inflationsziels ausredete. Auf sie geht das aktuelle Inflationsziel von zwei Prozent zurück. Als 2008 die Rezession einsetzte, war es erneut Yellen, die für eine grosszügige Geldpolitik plädierte und in Abrede stellte, dass eine unkontrollierbare Inflation entstehen könnte. Sie war es, die Ben Bernanke zu einer offeneren Informationspolitik überredete.

Wie gut ihre Bilanz ist, hat das «Wall Street Journal» nachgewiesen. Eine Auswertung von mehr als 700 Prognosen von 14 Notenbankern seit 2009 zeigt, dass Yellen die höchste Trefferquote erzielte. Besonders präzis waren ihre Einschätzungen der Inflation und der Arbeitslosigkeit – also der beiden wichtigsten Leitlinien für die Arbeit der Notenbank. 40 von 44 Analysten und Ökonomen erklärten in einer Umfrage von Reuters, dass aus fachlichen Gründen Yellen die nächste Notenbank-Chefin sein müsste. Für Summers sprach sich keiner der Experten aus.

Das alles scheint aber nicht gut genug. Obama glaubt, dass Yellen die «Gravitas» fehle, um eine nächste Finanzkrise zu bewältigen, erklärt Ezra Klein von der «Washington Post». Gravitas meint so etwas wie Durchschlagskraft und Einflussvermögen – Eigenschaften also, die Larry Summers zugeschrieben werden. Dies sei lediglich eine Schutzbehauptung, vermuten Skeptiker wie Paul Krugman und sehen gar darin eine doppelte Diskriminierung: Yellen ist kein Mann, und sie ist keine Insiderin.

Übergangene «California Girls»

Anders als Summers ist Yellen in der liberalen kalifornischen Denkschule rund um Berkeley verwurzelt. Ihr Netzwerk umfasst unabhängige Frauen vom Format einer Elizabeth Warten, einer Sheila Bair und einer Christina Romer. Diese «California Girls» arbeiteten alle für Präsident Obama, wurden aber bei jeder Beförderung übergangen und verliessen die Regierung desillusioniert. Sie beklagen, dass Obama in Wirtschaftsfragen zwar gerne Frauen um sich schare, aber nur als Beraterinnen. Wenn es um politische Entscheide ging, so erinnert sich Romer, waren die Frauen nicht mehr Teil des Insiderkreises.

Ähnlich argumentiert die «New York Times». Janet Yellen sei die bestmögliche Kandidatin. Wenn sie nicht gewählt werde, dann einzig und allein, weil sie nicht Teil der Old Boys rund um Obama sei, kritisierte die Zeitung. Zu dieser «Burschenvereinigung» gehören neben Summers auch Ex-Finanzminister Timothy Geithner, sein Nachfolger Jack Lew und der Topwirtschaftsberater Gene Sperling.

In vielen Punkten sind diese Old Boys Gegner einer tief greifenden Regulierung der Banken. Sollte Obama sich für Summers entscheiden, wäre dies ein klares Zeichen, dass eine weitergehende Kontrolle über die Banken für ihn im Rest seiner Amtszeit keine Priorität mehr hat.

Das Letzte, was Obama jetzt braucht, ist indes eine kontroverse Wahl. Die entscheidende Stimme hat nicht er, sondern der Senat. Diese Wahlhürde könnte schliesslich den Ausschlag geben, denn Summers ist nicht nur bei den Demokraten umstritten. Auch Republikaner halten nicht viel von dem oft überheblichen und barschen Harvard-Mann. Eine kontroverse Figur wie er, der an seinen sämtlichen Wirkungsstätten für Unruhe sorgte, dürfte für die Notenbank zu einer Hypothek werden, sagen sie.

Tages-Anzeiger

War Finanzminister von Bill Clinton und Wirtschaftsberater von Barack Obama: Larry Summers.
War Finanzminister von Bill Clinton und Wirtschaftsberater von Barack Obama: Larry Summers.(Bild: Keystone)